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„Europapokal!“

Europapokal

1.FC Magdeburg – Swansea City, 4:2 n.E. (0:0) | 1. FC Magdeburg – CFC Genua, 2:0 (1:0), Vorbereitungsturnier, 21.07.2018

11 Wochen war es her, dass das Heinz-Krügel-Stadion letztmalig seine Pforten öffnete, die Massen Einlass begehrten und die Größten der Welt – seinerzeit noch in der 3. Liga – um Punkte kämpften. Damals gegen Chemnitz pilgerten 21.893 Fans ins Stadion und standen die Zeichen eher auf Abschied, von der Liga ebenso wie von verdienten Spielern, die zum Teil maßgeblich daran beteiligt waren, den 1. FC Magdeburg endlich in die 2. Liga zu hieven. Wenn man so will, waren die Vorzeichen an diesem 21.07.2018 nun umgekehrt: Statt der bei Ligaspielen inzwischen üblichen, fünfstelligen Anzahl an Clubfans fanden sich ingesamt 5.870 Zuschauer*innen ein und herrschte trotz eines international besetzten Sommerturniers eher Regionalligaflair. Statt Abschied standen die Zeichen auf Aufbruch, galt es doch, die Magdeburger Neuzugänge live in Augenschein zu nehmen und mal zu schauen, in welche Richtung es Spielsystem- und Taktik-technisch in der zweiten Liga gehen könnte. Und: Am Ende des Tages handelte es sich mit den jeweils 60minütigen Partien gegen Swansea City und den CFC Genua immer noch ‚nur‘ um Testspiele, bei denen ja vor allem der Feinschliff für den scharfen Start gegen den FC St. Pauli am 05.08. im Mittelpunkt stand.

Trotzdem war das Turnier natürlich mehr als nur ein entspannter Kick unter wettbewerbsähnlichen Bedingungen. Nicht nur, dass man die üblichen Gesichter nach knapp 3 Monaten wiedersah und sich überhaupt viele gute Gelegenheiten ergaben, das eine oder andere schöne Gespräch in entspannter Atmosphäre zu führen. Auch der Umstand, dass tatsächlich Anhänger*innen aus Wales und Italien den Weg ins HKS gefunden hatten, war ziemlich großartig. Europapokalatmosphäre light in Magdeburg und an der Stelle vor allem an die Jungs (und Mädels?) aus Genua ein großes „Daumen hoch!“ für den Weg, der da zurückgelegt wurde, für die anständige Beflaggung und für die eine oder andere (wenn auch kurze) Support-Einlage! Was sich die zwei oder drei Neuner-Besatzungen wohl gedacht haben mögen, als ein Polizeiauto sie auf der Rückreise vermutlich eher zufällig entdeckte, der „Wir-sind-hier-die-Chefs-und-die-dürfen-doch-hier-nicht-einfach-so-durch-die-Gegend-fahren!“-Reflex einsetze und man auf Höhe des Jerichower Platzes mutmaßlich versuchte, auf die Reiseroute der Italiener Einfluss zu nehmen? Man weiß es nicht. Vielleicht war die Idee der Beamt*innen ja auch einfach nur, die Auswärtsfans in gewohnter Manier und frei nach dem Motto „Grimma oder Genua, Hauptsache, Zug!“ zum Haltepunkt Herrenkrug zu bugsieren. Wir werden es nie erfahren. Kommen wir zum Sportlichen:

Spiel 1: 1. FC Magdeburg – Swansea City

Nachdem die erste Partie des Turniers zwischen Swansea und Genua erst im Elfmeterschießen und zugunsten der Italiener entschieden wurde, war es gegen 15:15 Uhr Zeit für den ersten Auftritt der Größten der Welt in der heimischen Arena und der Spielzeit 2018/2019. Für den Test gegen Swansea schickte Jens Härtel die folgende Elf auf den Rasen: Alexander Brunst hütete das Tor, vor ihm agierten Steffen Schäfer, Dennis Erdmann und Christopher Handke in der Dreierkette. Vor allem Erdmann hatte dabei eine interessante Rolle, indem er situativ zwischen dem defensiven Mittelfeld und eben der zentralen Position in der Abwehrreihe pendelte und auch insgesamt sehr häufig in den Spielaufbau eingebunden war. Das hatte ich in dieser expliziten Form aus der letzten Saison nicht so in Erinnerung. Im Vierer-Mittelfeld agierten Aleksandar Ignjovski links und Tarek Chahed rechts; gegen den Ball wurde so aus der Dreier- eine Fünfer-Abwehrkette mit Chahed auf der Butzen-Position als durchaus interessanter (und vor allem schneller) Alternative. Vielleicht ist das für Chahed, der im letzten Jahr bekanntermaßen großes Verletzungspech hatte, im aktuellen Kader ja eine ganz gute Rolle. Das zentrale Mittelfeld besetzten Rico Preißinger, der den defensiven Part gab, und Charles Elie Laprevotte, der phasenweise sehr offensiv agierte und auch immer mal als quasi zweiter Stürmer neben Christian Beck auftauchte. Selbiger gab die nominelle Sturmspitze; flankiert wurde er von Marcel Costly links und Philip Türpitz rechts.

Der FCM begann gleich mit ordentlich Zug zum Tor und erarbeitete sich im Verlauf der gesamten Partie etliche Chancen, die allerdings nicht in Tore umgemünzt werden konnten. So vergab beispielsweise Türpitz aus aussichtsreicher Position von seiner rechten Seite aus einen flachen Abschluss, der links am Tor vorbeirauschte (11.) und setzte Marcel Costly in der 14. Minute einen gefährlichen Kopfball in die untere, linke Torecke, der vom Keeper der Engländer allerdings stark entschärft wurde. Es folgten vor allem über die Außen weitere gute Aktionen, bei denen insbesondere Costly immer wieder in Erscheinung trat. Erst flankte er gefährlich von rechts, wobei sowohl Türpitz als auch Beck knapp verpassten (15.), dann kam er bei einem Konter über seine linke Seite ins Laufen, scheiterte in der 22. Minute aber am englischen Keeper und übersah vorher den mit in den Strafraum gesprinteten Chahed. In der 27. Minute dann noch eine schöne Defensivaktion, bei der Costly einen Swansea-Pass im Mittelfeld hervorragend antizipierte, nach dem folgerichtigen Ballgewinn sofort durchstartete und Beck bediente, der allerdings leider im Abseits stand.

Von Swansea war derweil eher wenig zu sehen; wenn es mal gefährlich wurde, dann vor allem über unsere rechte Abwehrseite, wo sich immer mal wieder Räume ergaben. So richtig brenzlig wurde es aber eigentlich nicht, das Chancenplus war in Halbzeit 1 deutlich aufseiten von Blau-Weiß. Daran änderte sich auch im zweiten Durchgang wenig, wenngleich Alexander Brunst in der 33. Minute erstmals ernsthafter eingreifen musste. Bei einem langen Ball aus dem Mittelfeld hatte sich Erdmann verschätzt und so einem englischen Stürmer einen freien Abschluss ermöglicht, den Brunst dann aber sicher halten konnte. Auf der anderen Seite ergaben sich dagegen fast im Minutentakt Chancen (Chahed, 35., Laprevotte, 37., Costly, 39., Beck, 40., Türpitz, 44.), von denen die eine oder andere sicher zu einem Tor hätte werden können, wenn nicht in schöner Regelmäßigkeit der mutmaßlich besser postierte Mitspieler übersehen worden wäre. Aber hey, dafür ist es eben die Vorbereitung, in der solche Sachen noch gut zu verschmerzen sind.

Da der Ball in ziemlich genau 59 Minuten (beide Halbzeiten wurden aus unerfindlichen Gründen jeweils vor der Zeit abgepfiffen) nicht über die Linie wollte, musste also das Elfmeterschießen entscheiden. Hier konnte sich nun Alexander Brunst auszeichnen, der sich zukünftig damit brüsten darf, einen Elfmeter gegen André Ayew gehalten zu haben, seines Zeichens immerhin 76facher ghanaischer Nationalspieler und Afrika-Cup-Torschützenkönig. Tarek Chahed vergab zwar auch vom Punkt, indem er seinen Schuss gute 10 Zentimeter zu weit links platzierte und der Ball entsprechend am linken Pfosten vorbeirauschte. Weil Beck, Preißinger, Schäfer und Türpitz aber trafen und ein weiterer Swansea-Spieler vergab, machte das nichts und endete das Spiel letztlich 4:2 n.E. für die Guten.

Spiel 2: 1. FC Magdeburg – CFC Genua

Im zweiten Spiel mit Magdeburger Beteiligung setzte Jens Härtel erwartungsgemäß auf eine komplett neue Elf. Es blieb beim 3-4-3, das Tor hütete nun Jasmin Fejzic und vor ihm in der Dreierkette agierten von links nach rechts Tobias Müller, Nico Hammann und Nachwuchsakteur Philipp Harant. Dass Letzterer als Außenverteidiger auflief, ist durchaus interessant, hatte er doch in der erfolgreichen A-Jugend-Saison 17/18, die bekanntermaßen mit dem Bundesliga-Aufstieg endete, noch im Sturm agiert – obwohl er in jüngeren Jahrgängen zum Verteidiger ausgebildet wurde. Flexibilität, anyone? Und um das schon mal vorweg zu nehmen: Harant machte seine Sache da auf seiner rechten Seite sehr, sehr ordentlich. Im Vierer-Mittelfeld liefen mit Michel Niemeyer, Richard Weil, Björn Rother und Nils Butzen vier Akteure auf, die zumindest bis zur Verletzung von Niemeyer in der letzten Saison noch die Stammformation im Mittelfeld bildeten. Vorn sollten Marius Bülter auf links, Mergim Berisha zentral und Felix Lohkemper auf der rechten Seite für Gefahr sorgen.

Ich möchte ehrlich sein – das zweite Spiel habe ich tatsächlich mehr oder weniger verquatscht (Grüße an die 120minuten-Kollegen Christoph und Lennart an dieser Stelle). Das lag allerdings nicht nur an den angenehmen Gesprächspartnern, sondern auch daran, dass unten auf dem Rasen nicht so furchtbar viel Spektakuläres passierte. Der FCM kam, wie auch schon im ersten Spiel, zu Torchancen, allerdings waren die nicht mehr ganz so klar wie noch gegen Swansea; außerdem erwies sich der Erstligist aus Genua (vermutlich auch wenig überraschend) als spielstärkerer Gegner mit höherer Ballsicherheit und Passgenauigkeit.

Zu gefallen wusste in Halbzeit 1 besonders Felix Lohkemper, der sich immer mal wieder gefährlich in Szene setzen konnte und in der 23. Minute den wirklich sehenswerten Führungstreffer erzielte. Hier kann man sich das Ganze noch einmal im Bewegtbild anschauen. Dazu kommt der eben schon erwähnte Philipp Harant, der aufmerksam agierte und zum Ende des ersten Durchgangs zwei Angriffsversuche der italienischen Gäste stark klären konnte. Die Eindrücke, die man als Fan so gewinnen kann, sind natürlich immer nur wirklich kleine Ausschnitte, aber ich würde mir schon wünschen, dass Harant den endgültigen Sprung in den Zweitliga-Kader schafft und nicht noch verliehen wird, was ja auch mal zumindest im Gespräch war.

Aus Halbzeit 1 sind ansonsten noch Abschlussversuche von Bülter (16., gehalten) und Berisha (25., drüber) in Erinnerung. Gerade Berisha deutete dabei an, dass er ein feiner Techniker ist, der weiß, wo das Tor steht. Leider haperte es noch so ein wenig an der Einbindung und der Abstimmung der Laufwege, was jetzt aber nichts ist, das einem große Sorgenfalten bereiten muss. Wie gesagt, Vorbereitung und so, für genau so etwas sind diese Spiele ja gedacht.

Im zweiten Durchgang gab es dann in der 38. Minute eine etwas größere Schrecksekunde, als nämlich Michel Niemeyer nach einem Zweikampf an der linken Außenlinie liegen blieb und länger behandelt werden musste. Glücklicherweise ging es für die Nummer 19 dann aber weiter. Spielerisch änderte sich derweil im Vergleich zu den ersten 30 Minuten wenig: Genua blieb präsent, war aber nicht wirklich zwingend, der Club versuchte sich in Kombinationen und kam hin und wieder zu Abschlüssen, aber auch die stellten den Keeper der Italiener kaum vor Probleme. Gut gefallen hat neben den bereits Genannten Neuzugang Tobias Müller mit schönen (und vor allem schnellen) Läufen; bei einem davon konnte er nach einem Dribbling Mergim Berisha im Strafraum bedienen – sein Abschluss wurde dann aber zur Ecke geklärt. Die spielte Niemeyer kurz auf Hammann, der seinerseits wiederum Bülter bediente. Sein Schlenzer landete dann aber beim Keeper.

In Spielminute 52 dann schließlich die Entscheidung zugunsten der Größten der Welt: Felix Lohkemper hatte sich auf rechts bis an die Grundlinie durchgetankt und Nils Butzen bedient. Der zog aus spitzem Winkel einfach mal ab und versenkte die Kugel durch die Hosenträger des Genua-Torhüters flach zum 2:0. Das Ding war damit durch und der 1. FC Magdeburg Turniersieger. „Europacup! Europacup! Zum zweiten Mal!“ ist man aus der Perspektive des gepflegten Magdeburger Größenwahns geneigt, zu rufen.

Fazit

Klar, am Ende des Tages ist so ein Turniersieg natürlich immer eine schöne Sache. Genauso, wie das Blatt mit den vier großen Buchstaben aber vor dem Turnier noch krakeelte, dass es wohl gegen die namhafte Konkurrenz zwei Klatschen geben würde, wäre es jetzt aber Quatsch, den Größten der Welt angesichts des Erfolgs bereits zum Klassenerhalt und zum Durchmarsch in die 1. Liga zu gratulieren. Es sind und bleiben Testspiele, bei denen vor allem die Erkenntnisse für das Trainerteam im Vordergrund stehen, und Erkenntnisse wird es für Jens Härtel & Co. sicher reichlich gegeben haben. Außerdem lehne ich mich jetzt mal ganz weit aus dem Fenster und sage, dass wir gegen St. Pauli keine der beiden im Turnier gewählten Anfangsformationen sehen werden. In dieser Hinsicht bleibt es also naturgemäß spannend, zumal ja auch noch 2 Wochen Zeit sind, sich auf die Formation für den ersten Heimsieg der Saison festzulegen.

Was das Drumherum angeht, versprühte die ganze Veranstaltung, wie oben schon erwähnt, eher so Regionalliga-Flair, was aber sowohl den Temperaturen als auch der Phase in der Vorbereitung völlig angemessen war. Für strukturkonservative Menschen wie mich außerdem auf eine skurrile Art angenehm: Auch an der Situation an den Versorgungsständen hat sich offenbar seit Regionalligazeiten wenig geändert. Es ist ja schon ein Weilchen her, dass ich mich tatsächlich im Stadion mit Getränken versorgt habe, die Geschwindigkeit des Ausschanks und die Temperatur der „Kalt“-Getränke ist seitdem aber offenbar gleich geblieben. Das ist freilich kein Problem des 1. FC Magdeburg, sondern des Caterers, trotzdem wäre es für weitere Veranstaltungen dieser Art natürlich wünschenswert, u.a. Personal an den Getränkeständen zu wissen, das nicht gleich völlig überfordert wirkt, wenn mehr als 2 Personen gleichzeitig etwas zu trinken haben wollen.

Sehr angenehm war übrigens, auch das sei abschließend noch mal angemerkt, die nicht vorhandene Sektorentrennung. Endlich gab es mal wieder die Möglichkeit, sich im Stadionumlauf frei zu bewegen, Leute aus anderen Stadionbereichen zu treffen und sich nicht so ein bisschen wie im Käfig zu fühlen. Vielleicht war ja in der Regionalliga nicht alles schlecht. Fußball ist und bleibt eben auch ein soziales Ereignis, das ganz gut auch ohne Zäune auskommen kann. Allein, im Punktspielbetrieb der 2. Liga und im Pokal werden die Tore zwischen den einzelnen Tribünen wohl leider wieder verschlossen sein. Schade eigentlich.

Unter dem Strich bleibt jedenfalls ein entspannter Nachmittag mit guten Leuten in unserem Wohnzimmer, es bleiben jede Menge guter Eindrücke von dem Team, das die sportliche Leitung da so zusammengestellt hat und es ist neu dazugekommen: die richtig, richtig große Vorfreude auf das erste Punktspiel 2018/2019. Wenn das der Sinn der Sache war, dann hat doch soweit eigentlich alles ganz gut gepasst. Und mit dem ersten Titel der Saison sollten sich auch die letzten beiden Wochen der Vorbereitung noch gut überstehen lassen. In diesem Sinne: Europapokaaaaaal!

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