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Auf Bewährung

Da ist sie nun also, die saftige Rechnung für die Pyroshow im Spiel gegen Wehen Wiesbaden, für die Leuchtraketen aus dem Gästeblock in Dresden, für die Geschehnisse in Großaspach und für die Geburtstagskerzen im Spiel gegen die Zweitvertretung des 1. FSV Mainz 05. 40.000 € hätte der DFB gern für alles zusammen vom 1. FC Magdeburg, außerdem droht die Schließung der Nordtribüne, sollte es in den nächsten 10 Monaten zu einem weiteren “schwerwiegenden Wiederholungsfall” kommen, wie auch immer der nun seitens der grauen Eminenzen im Verband definiert sein mag. Jetzt kann man lange und trefflich über die Verhältnismäßigkeit einer solchen (Kollektiv-)Bestrafung streiten, ebenso wie über die Frage, wie man für ein Vergehen belangt werden kann, das im Spielbericht des Schiedsrichters gar nicht auftaucht (Mainz) oder darüber, was an einem Bengalo unsportlich ist und wann Pyrotechnik, dieser Logik folgend, endlich olympisch wird. Interessanter ist ja aber eigentlich die Frage, wie diejenigen, die die Strafe verursacht haben, sich letztendlich nun zu ihr verhalten und inwiefern es gelingt, den drohenden Teilausschluss während der nächsten 10 Monate abzuwenden.

Machen wir uns zunächst erst einmal nichts vor: Wer jetzt glaubt, dass die aktive Fanszene ob des drastischen Urteils in Zukunft vollständig auf Pyrotechnik verzichtet oder solche Dinge wie Platzstürme im Zusammenhang mit Spielen des 1. FC Magdeburg niemals wieder eintreten werden, ist entweder schrecklich uninformiert, vollkommen weltfremd oder einfach nur grenzenlos naiv. So etwas wie Einsicht würde ja voraussetzen, die Aktionen, die geahndet wurden, schon in bzw. vor ihrer Ausführung als das zu erkennen, was sie sind: vereinsschädigendes Verhalten. Begründet, erklärt und gerechtfertigt wird aber von den ‘Aktiven’ in aller Regel entlang ganz anderer Linien. Beispiel gefällig? Im ‘Planet MD’, dem Stadionheft von Block U, war beim Heimspiel gegen den VfB Stuttgart II hinsichtlich der Ereignisse von Großaspach in der Begegnung davor folgendes zu lesen:

“[…] Dazu rissen einige Ordnerjacken an einer 1. FCM-Zaunfahne, die auf der Haupttribüne aufgehangen war. Die Clubfans auf der Tribüne konnten den Diebstahl vereiteln. Einzig richtige Entscheidung im Gästeblock, das Tor aufzutreten und den Ordnerjacken nochmal zu zeigen, dass auf einen (versuchten) Fahnenklau die Todesstrafe steht. […]” (Planet MD Nr. 235, S. 11 ff.)

Und abschließend im Text:

“In den Siebziger und Achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts war das Brimborium im Umfeld der Spiele der Clubs wesentlich heftiger und ein erstklassiger 1. FC Magdeburg spielte im Europapokal.”

Schräg? Ja, ein wenig. Der ‘Planet’ hat ja nun den Anspruch, Sprachrohr und Stadionheft nicht nur für die ganze Kurve, sondern für alle Stadiongänger zu sein. Insofern ist zunächst erst einmal davon auszugehen, dass das ‚Aspach-Argument‘ auch von der Block-U-Führung getragen wird – wenn man weiterhin davon ausgeht, dass irgendjemand die Texte vor dem Druck gegenliest und gewissermaßen freigibt.

Noch schräger wird es bei Argumenten, die man unmittelbar nach der ‘Urteilsverkündung’ in den gängigen sozialen Netzwerken finden konnte und die ungefähr so gehen: Wo waren denn die ganzen Moralapostel, die jetzt alle wieder aus ihren Löchern gekrochen kommen, als es dem Verein schlecht ging? Als man in der vierten Liga auf dem letzten Platz stand? Als sich der überwiegende Teil der so genannten Fans schämte, mit dem Clubschal auf die Straße zu gehen?

Ich für meinen Teil kann die Frage ziemlich eindeutig beantworten, lieber Block U: Ich war da, im Stadion, im Block neben Euch. Zu jedem verdammten Heimspiel der Saison 2011/2012. Unter anderem. Dementsprechend angefasst bin ich auch, dass mir jetzt ebenfalls ein Ausschluss droht, obwohl ich bis dato noch keinen brennenden Bengalo im Stadion hochgehalten habe und die Wahrscheinlichkeit, dass das in diesem Leben noch passieren wird, relativ gering ist. Aber klar, “mitgehangen, mitgefangen” und “Wer auf die Nord geht, hat sich eben ein- und unterzuordnen.” Ja, ja. Was ich davon halte, habe ich ja neulich schon mal ausgeführt.

Und überhaupt, was ist das denn eigentlich für ein Argument und wie soll das denn dann laufen, wenn man das zu Ende denkt? Wer 10 Jahre eine Dauerkarte hat, darf einen Bengalo pro Saison zünden, bei 20 Jahren 2 und wer 30 Jahre zum Club geht, darf auch in jedem beliebigen Stadion Leuten aufs Maul geben, weil er oder sie sich dieses Recht ja verdient hat?! Scheissegal, was es den Club kostet? Sorry, aber da komme ich dann irgendwann nicht mehr mit. Nichts gegen Menschen, die den Club bedingungslos unterstützen. Gar nichts. Aber daraus so etwas wie eine Legitimation abzuleiten, dem eigenen Verein, bei dem man häufig ja sogar noch Mitglied ist (!), auf diese massive Weise zu schaden, ist nur eins: reichlich dämlich. Und von einer erschreckenden Selbstgefälligkeit begleitet, die mir nicht nur Angst macht, sondern mich gleichzeitig auch noch einigermaßen ankotzt. 

Bei Lichte betrachtet, ist die Angelegenheit ja ohnehin ziemlich simpel und mit dem Fußballspiel, dass uns ja letztlich alle irgendwo verbindet, gut vergleichbar:

Im Profigeschäft gibt es Regeln. Diese Regeln akzeptiert man in dem Moment, in dem man sich ein Ticket zu einem Spiel oder von mir aus auch die Dauerkarte für eine ganze Saison mit seinem Herzensverein kauft. Wer darauf keinen Bock hat, kann ja angeln gehen. Und wer die Regeln, denen man sich damit unterwirft, nicht befolgt, fliegt raus. Zum Beispiel mit einem Platzverweis. Oder einem Stadionverbot (wenngleich wir an dieser Stelle nicht darüber diskutieren müssen, auf welcher nicht nachvollziehbaren Grundlage Stadionverbote häufig zustanden kommen, auch das ist klar.)

Insofern ist der angedrohte Teilausschluss, den der DFB jetzt beschlossen hat, ja eigentlich nur konsequent, mit einem entscheidenden Unterschied: Wer im Fußball nicht nach den Regeln spielt, weil er, sagen wir mal, eine Tätlichkeit begeht, erhält die rote Karte und darf nicht mehr mitwirken. Dann trifft es aber eben auch nur den Spieler, der verantwortlich ist, nicht wahr, Herr Frahn? Die vom DFB nun gezogene ‘rote Karte auf Bewährung’ trifft aber auch diejenigen, die mit keiner der Aktionen, die geahndet werden, irgendwas zu tun hatten. Und ja, Kollektivstrafen sind unfair und großer Mist und müssen zu Recht kritisiert werden und sicher, 40.000 € ist sehr, sehr viel Geld, nur: Dass der DFB diese Sanktionen einsetzt, ist allen Beteiligten bekannt. Dass der Einsatz dieser Sanktionen im Hinblick auf die Dinge, die auf dem Tisch lagen, nicht unwahrscheinlich sein würde, auch. Der Vorwurf der Verhängung einer Kollektivstrafe und einer Geldbuße im mittleren fünfstelligen Bereich ist damit also in diesem speziellen Fall nicht beim DFB an der richtigen Adresse, sondern bei denen, die diese Sanktion billigend in Kauf genommen haben. Und das sind nun mal die Jungs und Mädels mit den Fackeln oder die mit den dicken Armen, die sich hin und wieder mal mit Ordnern hauen und/oder Tore zum Innenraum öffnen. Punkt.

Nun ist es ja aber auch so, dass man sich gegen die geltenden Regeln auflehnen kann. Das ist nur recht und billig und nicht zuletzt auch schon immer, wenn man so will, das Privileg einer Subkultur (oder pathetischer: der Jugend) gewesen. Im Spiel wäre man dann eben derjenige, der dauernd Platzverweise kassiert und dafür aber dann eben einen Ruf hat, bei dem sich die Gegenspieler schon in die Hose machen, wenn sie den Namen nur auf dem Spielberichtsbogen lesen. Und im Fanleben ist man dann eben die harte Szene, die nicht nur labert, sondern auch Taten folgen lässt und sich einen entsprechenden Ruf erarbeitet. Irgendwie immer noch schräg, aber okay. Kann ich alles nachvollziehen, auch wenn ich es nicht unbedingt gut finden muss. Und: ohne dieses subversive Element im Fußball wäre die große Entertainmentmaschine doch längst schon richtig blitzeblank gelutscht und nicht mehr zu unterscheiden von einem Unterhaltungsangebot á la Kinoabend oder Show & Varieté. Das kann ja keiner wollen. Schwierig wird es aber eben dann, wenn man vereinsschädigendes Verhalten mit (m. E. falsch verstandener) Vereinsliebe zu rechtfertigen versucht. Oder irgendeinem kruden Ehrgefühl, das halt unbedingt bedient werden muss und das im Zweifelsfall dann eben über dem Wohl des Vereins steht – noch dazu, wo doch eigentlich nichts größer und wichtiger sein kann, als der Club als solcher. 

An der Stelle muss man sich dann einfach fragen (oder fragen lassen): Was meint Ihr eigentlich genau, wenn Ihr sagt, dass es Euch ausschließlich um den Verein geht? “Alles nur für Dich, immer nur für Dich, so soll es auch in Ewigkeiten sein!” heißt es doch, so dachte ich immer, nicht umsonst. Bedeutet das dann, dass diese Ewigkeit eine Zukunft des 1. FC Magdeburg im Profifußball – zu Euren Gunsten – ausschließt? Muss man gleich die dicke Keule rausholen und Angst haben, seine Ideale zu verraten, wenn man mit mehr Besonnen- und weniger Selbstbezogenheit Schaden vom Verein abhalten kann? Gibt es nicht vielleicht ganz generell einen Kompromiss und Mittelweg, bei dem sich, wie bisher, ein großer Teil der blau-weißen Familie wiederfinden kann und mitgenommen fühlt?

Im Prinzip ist die nun verhängte Strafe also die erste richtig große Bewährungsprobe für Dich, Block U, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn es der Anspruch ist, alle mitzuziehen und als “blau-weiße Einheitsfront” zusammenzustehen, dann ist jetzt der Zeitpunkt, Farbe zu bekennen. Ich hoffe und wünsche mir, dass es Euch gelingt, in dieser Situation die richtige Balance zu finden. Und die richtigen Antworten, intern wie auch nach außen. 

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