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„Ob Du gewinnst oder nicht…“

St. Pauli

1. FC Magdeburg – FC St. Pauli, 1. Spieltag, 1:2 (1:1)

Nun liegt es also hinter uns, das erste Spiel der Größten der Welt in der 2. Fußball-Bundesliga. 24.156 Zuschauer waren dabei, als im Heinz-Krügel-Stadion Geschichte geschrieben wurde – und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Nicht nur, dass der 1. FC Magdeburg zum ersten Mal überhaupt im gesamtdeutschen Unterhaus um Punkte kämpfte, es gab auch direkt das erste Club-Tor in der neuen Spielklasse zu bejubeln, erzielt von Christian Beck, dem Blinden, der in der 2. Liga doch sowieso keinen Fuß auf den Boden bekommen wird. Grüße an alle, die ja immer schon vorher wissen, wie alles kommt. Nur der Spielausgang, der wollte so gar nicht zu einem ingesamt stimmungsvollen Nachmittag passen, an dessen Ende die Gäste aus Hamburg mit 2:1 (und nicht unverdient) die Oberhand behielten. So ist halt Fußball und, ohne da jetzt Erfahrungswerte zu haben, insbesondere vielleicht in Liga 2. Letzten Endes entscheidet nach viel Kampf, guten spielerischen Ansätzen und ja, an der einen oder anderen Stelle sicherlich auch etwas Lehrgeld ein Freistoß die Premiere von Blau-Weiß im Unterhaus. 

Nach einer langen und (wie immer) intensiven Vorbereitung hatte Jens Härtel die Qual der Wahl und entschied sich erstens für ein 4-2-3-1 und zweitens für die folgenden Akteure in der Startaufstellung: Jasmin Fejzic hütete erwartungsgemäß das Tor, vor ihm in der Viererkette verteidigten von links nach rechts Michel Niemeyer, Steffen Schäfer, Tobias Müller und Nils Butzen. Die Doppel-Sechs besetzten Aleksandar Ignjovski und Björn Rother, wobei sich letzterer gegen den Ball in die Abwehrreihe fallen ließ und aus der Vierer- eine Fünferkette machte. Marcel Costly, Rico Preißinger und Philip Türpitz bildeten die offensive Dreierreihe im Mittelfeld, ganz vorne gab Christian Beck den klassischen Mittelstürmer. Interessant auch, wer es nicht in den Kader geschafft hatte: So tauchten unter anderem Tarek Chahed, Charles Elie Laprevotte und Mergim Berisha gar nicht erst auf dem Spielberichtsbogen auf.

Beck macht Beck-Dinge, St. Pauli Zweitliga-Kram

In den ersten drei, vier Minuten der Partie gab es auf der Nordtribüne erst einmal die Rückseite einer amtlichen Fahne über die Blöcke 3-6 zu sehen – handgenäht von Block-U-Aktivist*innen. Wahnsinn, was da für Arbeit drin gesteckt haben muss und auch von hier noch einmal ein großer Dank an alle, die an dieser Choreo zur neuen Saison mitgewirkt haben! Auf der Gegenseite, auf der sich knapp 2.500 Hamburger Anhänger*innen eingefunden hatten, gab es ein Schwenkfahnen-Intro, das auch nett aussah. Überhaupt: Es war eine große Freude, den Gästebereich gut eine Stunde vor Spielbeginn schon ordentlich und dann pünktlich zum Anpfiff prall gefüllt zu sehen – feine Sache, so muss das!

Als die Fahne schließlich nach unten durchgegeben und der Blick aufs Spielfeld freigegeben war, sah man engagierte Hausherren, die zwar mitunter im Spielaufbau noch etwas vorsichtig agierten, trotzdem aber direkt Zug zum Tor erkennen ließen. Die erste gute Gelegenheit hatte dementsprechend auch Christian Beck: Von Philip Türpitz schön in Szene gesetzt, scheiterte er aber in der 5. Minute am Hamburger Keeper Himmelmann. Bis zum Führungstreffer sollte es das dann aber erst einmal gewesen sein mit Magdeburger Torgelegenheiten. Mit zunehmender Spieldauer kamen auch die Gäste aus St. Pauli besser in die Partie und hatten in der 10. Spielminute durch Sami Allagui die erste Gelegenheit: Nils Butzen hatte auf seiner rechten Seite einen weiten Pass nicht mehr erlaufen können, sodass der Ballbesitz wechselte und der Hamburger Konter schließlich mit einem Kopfball des Gästestürmers endete, der aber erstens im Abseits stand und zweitens ohnehin links am Tor vorbei zielte.

Besonders auffällig in der Anfangsphase waren vor allem zwei Akteure: Zum einen ein äußerst spielfreudiger Marcel Costly, über den in den ersten gut 20 Minuten eine Menge ging und zum anderen Mats Möller Daehli auf der Gegenseite, von dem Kapitän Nils Butzen in der Nacht vermutlich eher schlecht geträumt haben dürfte – zumindest sah er den Norweger des Öfteren vor allem von hinten.

Das erste Tor der Partie fiel nach 17 Minuten und dann direkt mal noch für die hübscheren Farben, was ein ohnehin hervorragend aufgelegtes Heinz-Krügel-Stadion natürlich sofort zum Ausrasten brachte: Butzen hatte einen Ball aus dem Mittelfeld in Richtung Christian Beck geköpft, St. Paulis Innenverteidiger Philipp Ziereis sich dankenswerterweise völlig verschätzt und unsere Nummer 11 erfolgreich spekuliert. Eins gegen Eins ging es schließlich gegen Robin Himmelmann und, naja, so eine Chance lässt sich Christian Beck dann halt auch in Liga 2 nicht nehmen. „Ganz Deutschland steht in Deinem Schatten, FCM!“ tönte es aus dem Stadionrund in die Sky-gespeisten Empfangsgeräte, so durfte es natürlich sehr, sehr gern weitergehen. Nicht unerwähnt bleiben soll allerdings, dass Beck sich – so zumindest die Block-U-Hintertortribünen-Perspektive – nur zwei Minuten vorher im Strafraum eine veritable Schwalbe leistete zwar zu Boden ging, allerdings wohl nicht Elfmeter-würdig, was von den umstehenden Gegenspielern dann auch entsprechend freundlich kommentiert wurde. Sei es aber drum, dem Spielstand auf der Anzeigetafel war diese Aktion freilich vollkommen egal. Und ganz ehrlich: Den überwiegenden Teil des Publikums zu diesem Zeitpunkt vermutlich auch.

Wer jetzt dachte, dass das Gegentor beim FC St. Pauli groß Wirkung zeigen würde, sah sich getäuscht – überhaupt machten die Gäste das gesamte Spiel über nicht den Eindruck, als könnten sie irgendwie nervös werden. Das ist dann wahrscheinlich diese Zweitliga-Erfahrung, von der immer alle sprechen. Es ging jedenfalls munter weiter, was aber auch daran lag, dass nun natürlich auch der Club mit noch breiterer Brust spielte; unterbrochen wurde die Partie dann jedoch in der 25. Minute von einer Trinkpause, aus der heraus nun wiederum der FC St. Pauli den besseren Start erwischte – und in der 29. Minute den Ausgleich erzielte. Michel Niemeyer hatte den Ball im Strafraum nicht entscheidend klären können, sodass das Spielgerät schließlich bei Christopher Buchtmann landete, der trocken und humorlos von der rechten Strafraumkante ins linke untere Eck verwandelte. Für Fejzic war da nichts zu halten, alles auf Anfang also.

Wirklich zwingende Torchancen ergaben sich bis zur Halbzeitpause dann keine weiter, allerdings hatten die Gäste nun mehr vom Spiel und profitierten dabei sehr davon, dass es dem Club bis zum Pausentee kaum noch gelang, den Ball mal über mehrere Stationen zu halten bzw. auch mal die zweiten Bälle zu verwerten. Oder andersrum: St. Pauli machte das defensiv sehr ordentlich und Blau-Weiß hatte (dadurch) zunehmend mehr Probleme, in die offensiven Abläufe zu kommen. Dazu kam eine durchaus großzügige Linie des ingesamt guten Schiedsrichters Frank Willenborg, was den Gästen offenbar auch besser lag als uns. Mit dem 1:1 ging es jedenfalls in die Pause.

(Randnotiz: Auffällig war noch, dass Gästekeeper Himmelmann durchaus Probleme hatte, wenn er aggressiv angelaufen wurde. Hätte man ruhig noch ein bisschen öfter probieren können. Andererseits ist das beim Zweitligadebüt und Temperaturen knapp unterhalb der 30 Grad vielleicht auch eine etwas vermessene Forderung.)

Knolls Werk und Fejzics Beitrag

Zu Beginn des zweiten Durchgangs gab es dann auch vom Vorsängerpodest noch einmal das (absolut verdiente und berechtigte) Lob und den Dank an diejenigen, die für die Blockfahne zu Spielbeginn verantwortlich waren. Sportlich blieb in Sachen „Spielkontrolle“ derweil der Gast am Drücker, was allerdings auch nicht so wahnsinnig schwierig war, weil der Magdeburger Spielaufbau nun vermehrt aus hohen Bällen bestand, die aber zu gefühlten 90 Prozent beim Gegner landeten. Bzw. erst irgendwie komisch beim eigenen Mann und eben dann beim Gegner. Es dauerte bis zur 58. Minute, ehe der Club dank eines Freistoßes aus dem linken Halbfeld mal wieder halbwegs gefährlich in die Nähe des gegnerischen Torwarts kam. Gut zu beobachten jetzt auch (oder vielleicht fiel es mir auch jetzt erst auf): St. Pauli ging eigentlich fast immer mit 2 Mann auf den ballführenden Spieler und knackte so unser Aufbauspiel häufig schon im Ansatz. Aber gut, das wird in der Liga wohl noch häufiger so sein und fällt vermutlich unter die Rubrik „Da wird sich ein Aufsteiger dran gewöhnen und Lösungen finden müssen.“ Passt schon.

Kurz vor der zweiten Trinkpause des Spiels dann mal wieder ein schöner Magdeburger Angriff, der zentral am Sechzehner mit einem Abschluss von Rico Preißinger endete: Philip Türpitz, der, gemessen an seinen Leistungen zum Ende der letzten Spielzeit, eher blass blieb, hatte sich auf rechts gut durchsetzen und fast von der Grundlinie zurücklegen können. Preißingers Schuss ging dann aber doch ein gutes Stück über den Kasten. Und St. Pauli? Begnügte sich mit einem Schuss aus der zweiten Reihe in Spielminute 67 und kam gegen eine gute sortierte Magdeburger Abwehr aus dem Spiel heraus auch nicht zu wirklichen Chancen, wenngleich man auf Gästeseite mehr Ballbesitz verzeichnen konnte (53% wies der kicker über die gesamte Spielzeit aus). Naja, und so wurde es eben ein Spiel, bei der eine Mannschaft die Kugel nicht wirklich halten konnte und die andere Mannschaft die häufigen Ballgewinne kaum zu nutzen wusste. Angriffsversuch – Ballverlust – Ballgewinn – Repeat.

Mit Anbruch der letzten 15, 20 Minuten hatte man dann so ein bisschen den Eindruck, dass die Aktionen der Gäste nun auch nicht mehr so stringent waren und das gefühlte Momentum (statistisch war das Spiel recht ausgeglichen) eventuell noch einmal zugunsten der Hausherren kippen könnte. So führte in Spielminute 73 ein Ballgewinn mal wieder zu tatsächlichem Ballbesitz, wurde Marcel Costly auf links schön Richtung Grundlinie geschickt und gab Schiedsrichter Willenborg letztlich Ecke, die den Größten der Welt aber nichts einbrachte. Nach 76 Minuten spekulierte der im zentralen Mittelfeld insgesamt starke Aleksandar Ignjovski bei einem Abschlag von Himmelmann fast richtig, kam aber im gegnerischen Strafraum nicht an den Ball. Tja nun. Und dann kam die 80. Minute.

Wieder war es Michel Niemeyer, der defensiv eher unglücklich agierte und den Ball an der eigenen Grundlinie nicht geklärt bekam. Das Resultat war ein Eckball, der an sich zwar keine Gefahr brachte, dafür aber einen kernigen Zweikampf an der Strafraumkante, in deren Folge der Schiedsrichter auf Freistoß für St. Pauli entschied. Fejzic stellt die Mauer, Knoll läuft an – und zirkelt den Ball formschön aus 17, 18 Metern mitten in die Torwartecke. Klar, der Freistoß war super getreten, trotzdem geht das Gegentor zu einem guten Stück wohl auf Fejzics Kappe, der vorher noch einen kleinen Schritt nach rechts macht und Knolls Geschoss, das dann links von ihm einschlägt, so nicht mehr abwehren kann. Sehr, sehr ärgerlich, aber: Ähnliche Szenen gab es letzte Saison zum Auftakt auch in Großaspach und am Ende sind wir aufgestiegen. Und ja, mir ist natürlich völlig klar, dass der Vergleich an mehr als nur einer Stelle gewaltig hinkt.

1:2 nun also, noch gute 10 Minuten zu gehen und da aus dem Spiel heraus bis dato nicht so furchtbar viel passiert war, drängten sich Standardsituationen als Mittel der Wahl regelrecht auf, um hier noch zum Ausgleich zu kommen. Inzwischen war übrigens Marius Bülter für Marcel Costly in der Partie (78.), was ja auch so eine Geschichte ist: Mit 25 mal eben den Sprung aus der Regional- in die 2. Liga wagen und dann in der Vorbereitung den durchaus vorschussbelorbeerten Mergim Berisha auszustechen, ist schon eine Ansage. Hut ab!

Allein, auch Marius Bülter vermochte das Ruder nicht mehr herumzureißen, genauso wenig wie Felix Lohkemper und Richard Weil, die in der 84. Minute für Rico Preißinger und Aleksandar Ignjovski in die Partie gekommen waren. Zwar gab es tatsächlich noch 2 Standard-Möglichkeiten, aber erst konnte Philip Türpitz seinen Abschluss aus zentralen 16 Metern nach einer Ecke nicht aufs Tor bringen und dann setzte er auch einen Freistoß aus ebenfalls zentraler Position und der gleichen Entfernung in der Nachspielzeit über den Kasten. Tja, und dann verliert man eben sein Zweitliga-Debüt am Ende mit 1:2.

Fazit

Wie eingangs schon vermerkt, waren es letztlich zwei Abwehrfehler und ein Freistoß, die die jeweiligen Anhängerschaften jubeln ließen. Als Aufsteiger ist ein so zustande gekommenes 1:2 gegen eine gefestigte und weitestgehend eingespielte Zweitliga-Mannschaft sicher kein Beinbruch, wenngleich der Club in der einen oder anderen Situation schon ziemlich hinterher lief und natürlich in einigen Szenen die individuelle Klasse der Kiezkicker (insb. Daehli, Avevor, Knoll) zum Vorschein kam. Aber: Einsatz und Kampf, die auch in der 2. Liga Grundtugenden bleiben werden, konnte man der Mannschaft definitiv nicht absprechen und wenn man in den nächsten Spielen eventuell auch offensiv noch ein bisschen beherzter und präziser zu Werke geht, werden natürlich auch irgendwann Punkte auf die Habenseite wandern. Dementsprechend wurde die Mannschaft natürlich auch nach dem Abpfiff noch gefeiert und mit Liebesbekundungen bedacht – wie sich das gehört für ein Team, das an diesem Nachmittag nur wenig unversucht gelassen hat.

Vielleicht ist ja die nächste Partie bei Wismut Aue auch die noch etwas realistischere Standortbestimmung, was die Spielstärke und das eigene Leistungsvermögen in der neuen Liga angeht. Man weiß es vorher natürlich nicht, dafür werden wir es aber am Sonntag live vor Ort herausfinden können. In diesem Sinne: Glückwunsch nach Hamburg und: niemand hat gesagt, dass es einfach werden würde. Nächster Halt: Erzgebirgsstadion!

Gegnerperspektiven:

Spielbericht FC St. Pauli

Erlebnisbericht Magischer FC | Ein Sankt-Pauli-Blog

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