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Merkwürdige Großartigkeit

35. Spieltag

SC Preußen Münster – 1. FC Magdeburg, 35. Spieltag, 1:2 (1:1)

Was für ein merkwürdiger und zugleich großartiger Auftritt der Größten der Welt in Münster! Merkwürdig, weil ich selten ein Spiel erlebt habe, bei dem eine komplette Gäste-Fanszene im Vorfeld derart pauschal kriminalisiert und gegängelt wurde, was sich letzten Endes natürlich auch auf die Atmosphäre am Spieltag und die Stimmung im Gästeblock auswirken musste. Merkwürdig aber auch, weil es schon ziemlich skurril anmutet, wenn man in einem Stadion drei (zeitweise vier) verschiedenen Gruppen auf der Heimseite dabei zusieht, wie sie auf ganz unterschiedliche Art und Weise, dafür aber gleichzeitig, versuchen, ihre Mannschaft zu unterstützen. Großartig war der Auftritt schließlich, weil unsere Jungs eins der besten Auswärtsspiele der Saison zeigten, zugegebenermaßen auch das nötige Glück hatten, sich für eine tolle Leistung belohnten und am Ende völlig verdient mit drei Punkten im Gepäck wieder nach hause fuhren. Eine schöne Genugtuung angesichts der ganzen Schikanen, die Teile der Fanszene über sich ergehen lassen mussten und ein lautes ‘In your face!’ für all diejenigen, die aus Fußballfans mit aller Macht kriminelle Schläger zu machen versuchen, um damit ihr schablonenhaftes Schwarz-Weiß-Weltbild bedienen zu können. 

Während nominell der Tabellensechste beim Tabellensiebenten antrat, waren es einmal mehr die hypernervösen Sicherheitsbehörden, die bereits weit vor Anpfiff ordentlich Pfeffer in die bis dahin vollkommen unproblematische (und sportlich wenig brisante) Ansetzung bringen mussten. Konnte man die Blocksperre für einen Teil der Preußen-Fans wenigstens noch nachvollziehen (auch wenn man sie nicht gutheißen muss), weil es schließlich einen konkreten Anlass gab, war das pauschale Verbot von Zaunfahnen, Schwenkfahnen, Doppelhaltern und Co. für den Gästebereich völlig unverständlich (und wurde letztendlich auch konsequent umgangen). Vollkommen daneben war allerdings die Begründung des gastgebenden Vereins für die getroffene Maßnahme:

“Daraufhin [aufgrund von Informationen der Polizei- und Ordnungsbehören aus Magdeburg] kamen die Münsteraner Sicherheitsbehörden zu der dringenden Aufforderung, Fahne und Banner zu untersagen, um die Ausübung strafbarer Handlungen zu erschweren und die Strafverfolgung zu erleichtern.” (via fanzeit.de)

Die Logik ist also: Fußballfans, die Fahnen und Banner mit ins Stadion nehmen – und zwar alle, vom Ü50-Fanclub bis zum Nachwuchs-Ultra -, tun dies vornehmlich, um strafbare Handlungen auszuführen. Das Verbot besagter Materialien dient dann folgerichtig dem Zweck, Straftaten zu verfolgen, die noch gar nicht begangen wurden. Da kann man sich ja fast glücklich schätzen, dass man den Fanschal noch mitnehmen durfte – Vermummungsgefahr!

Dass man sich mit derlei Ansagen nicht groß Freunde macht, dürfte auf der Hand liegen; dass eine in vierstelliger Zahl anreisende Fanszene unter diesen Voraussetzungen nicht allzu gut gelaunt gewesen sein dürfte, ebenso. Vor diesem Hintergrund wirkt es fast schon wie Hohn, wenn dann anschließend im Polizeibericht folgendes zu lesen ist:

“Nur durch das starke Polizeiaufgebot konnten Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern beider Vereine und ein Kassensturm unterbunden werden”, erläuterte der Einsatzleiter Polizeidirektor Martin Mönnighoff. “Das notwendige Einschreiten der Beamten zeigt erneut, dass Unbelehrbare den Fußball immer wieder für ihre kriminellen Zwecke missbrauchen.”

Dem letzten Teilsatz kann man sicherlich uneingeschränkt zustimmen, obwohl Herr Mönnighoff ihn vermutlich ganz anders gemeint haben wird. Auch wenn diese “Henne und Ei”-Diskussion jetzt wirklich bis zum Erbrechen geführt wurde und auch wenn natürlich vollkommen klar ist, dass sich leider immer wieder auch genügend Menschen finden, die genau diese unnötig aufgebaute Drohkulisse dann auch noch bedienen müssen: Es ist insgesamt einfach nur noch zum Heulen. Richtig skurril wird es dann, wenn (lokale) Medien ebenjene Polizeimeldung ohne jegliche Einordnung und Hintergrund, dafür aber fast wörtlich als eigenen Text bringen, die interessierte Öffentlichkeit so eben nur einen Teil der Wahrheit erfährt und man sich hinterher allenthalben über frustrierte Fußballfans wundert, weil sie in der Öffentlichkeit keine Lobby haben. Qualitätsjournalismus at its best.

In diesem Zusammenhang sei explizit auf die wichtige Arbeit der Fanhilfe Magdeburg verwiesen und jedem eine Mitgliedschaft ans Herz gelegt. Ich habe das bisher leider auch immer wieder versäumt, werde den inzwischen ausgefüllten Mitgliedsantrag nun aber beim Heimspiel gegen Großaspach endlich abgeben.

Kommen wir lieber zum Sportlichen, das ohnehin deutlich mehr Freude bereitete als dieser alberne Fasching, der da in NRW offenbar zelebriert werden musste. Wobei es zugegebenermaßen zunächst schwer fiel, sich auf die Partie zu konzentrieren, weil die Gästekurve ohne Block U merkwürdig leer wirkte und man sich schon denken konnte, dass die Anreise wohl nicht ganz komplikationslos verlaufen war. Zu sehen bekam der geneigte Beobachter jedenfalls das schon gegen Dresden erfolgreich erprobte 3-5-2-System, in dem Kinsombi, Hammann und Handke die Abwehrkette bildeten, Niklas Brandt und Burak Altiparmak davor absicherten, links Michel Niemeyer und rechts Tarek Chahed unterwegs waren, während Sebastian Ernst zentral hinter den Spitzen die Fäden zog, die diesmal von Christian Beck und Marius Sowislo gegeben wurden. Möglicherweise war das auch schon so etwas wie ein kleiner Blick in die Zukunft, funktionierte doch diese Formation erneut sehr, sehr gut und überzeugte vor allem Sebastian Ernst in der zentralen Rolle.

Blau-Weiß legte dann auch ordentlich los und kam direkt zu Chancen, allerdings sollte es bis zur 16. Minute dauern, ehe Christian Beck mit einem für Preußen-Torhüter Lomb verdeckten Schuss und ein wenig Abschlussglück die Führung für seine Farben gelang: Einfach mal abgezogen, landete der Ball zunächst am linken Innenpfosten, um von dort aus ins Tor zu springen. Während auf dem Rasen und zum Teil auch auf den Rängen gefeiert wurde, gab es draußen vor dem Gästeeingang Unruhe: Block U war eingetroffen, durfte aber aus Gründen, die sich nicht unmittelbar erschlossen, zunächst nicht ins Stadion. In der oben zitierten Polizeimeldung war dann von 300 Menschen die Rede, die wohl versucht hätten, den Eingang zu überrennen – eine solche Zahl kann eigentlich nur zustande kommen, wenn man zwei bis drei Leute durchzählen lässt und anschließend die Ergebnisse addiert. Höhere Mathematik für Polizeibeamte und Medienvertreter. Jedenfalls gab es einiges an Bewegung, weil ein großer Teil derjenigen, die schon drin waren, sich mit denjenigen solidarisierte, die noch draußen standen, und sich die ganze Sache erst beruhigte, als man den Vertretern der aktiven Fanszene tröpfchenweise, einzeln und nach sehr ausgiebigen Kontrollen Zugang zum Gästeblock gewährte.

Zurück zum Geschehen auf dem Rasen, das sich mit zunehmender Spieldauer vor das Magdeburger Tor verlagerte. Ungewohnt oft im Mittelpunkt: David Kinsombi, dem man seine verletzungsbedingte Pause deutlich anmerkte und der dann am 1:1 nicht ganz unbeteiligt war. Sein missglückter Abwehrversuch in der 45. Minute wird von einem Kollegen zur Ecke geklärt, diese verwertet schließlich Lion Schweers mit einem schönen, aber auch vollkommen ungestörten Kopfball zum Ausgleich für die Hausherren. Vorausgegangen war allerdings eine ganze Serie von Standards und wenn man ganz ehrlich war, kam das Gegentor zu diesem Zeitpunkt nicht so wahnsinnig überraschend. Trotzdem ging man mit einem guten Gefühl in die Halbzeit – die Mannschaft spielte schließlich ordentlich mit und machte nicht den Eindruck, sich die Partie von Preußen Münster großartig aus der Hand nehmen zu lassen.

Die zweite Halbzeit begann auch direkt mit einem schönen Abschluss vom starken Tarek Chahed, der allerdings knapp über das Gehäuse streifte. In der Folge entwickelte sich dann eine dieser Begegnungen, die für den neutralen Beobachter sicherlich großen Unterhaltungswert hatte, den mitleidenden Fan auf der Tribüne allerdings wahnsinnig machen konnte. Es ergaben sich gute Gelegenheiten auf beiden Seiten, die aber entweder nicht konsequent zu Ende gespielt wurden (Preußen) oder an deren Ende man schlicht und ergreifend vergaß, dass man irgendwann auch mal noch aufs Tor schießen muss (Blau-Weiß). Zumindest vor dem Kasten der Gastgeber, der sich in der zweiten Hälfte vor der Gästekurve befand, wirkte das Ganze mitunter wie Handball, kreiste der Ball gefühlte Ewigkeiten um den Strafraum und wurden einige gute Schussgelegenheiten ausgelassen. Die Uhr tickte und so langsam machte sich Nervosität breit: Die Mannschaft hatte schließlich in der zweiten Hälfte erneut einen großen Aufwand betrieben, sich gute Gelegenheit erarbeitet, die eine oder andere brenzlige Situation überstanden und sollte sich doch jetzt bitte auch endlich mal belohnen!

Das tat sie dann auch – und wie! In der 89. Minute gibt es noch einmal eine Ecke für Blau-Weiß, die hoch in den Strafraum segelt und dort Christian Beck findet. Mit dem chirurgisch in die von uns aus linke Ecke genagelten Kopfball brechen im Gästeblock alle Dämme – Menschen auf dem Zaun, Menschen im Innenraum und einfach nur noch ekstatischer Jubel in der Kurve. Auch wenn noch längst nicht Schluss war und die Hausherren in der Folge noch mal mit Macht versuchten, den Ausgleich zu erzielen, war irgendwie klar, dass wir uns das an diesem Abend nicht mehr würden nehmen lassen.

35. Spieltag

“Unser Club ist unbesiegbar – niemand kann uns aufhalten!” – Preußen Münster an diesem Abend nicht und die Sicherheitsorgane, die nun wirklich alles dafür getan hatten, uns den Spieltag zu versauen, die gleich gar nicht. Nur der FC Magdeburg!

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