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Ein Spiel, zwei Perspektiven: SV Wehen Wiesbaden (A)

Wiesbaden

Sechstes Rückrundenspiel, sechste Niederlage, wieder kein eigenes Tor. Das liest sich gruselig und ist es auch, lässt aber außer Acht, dass der 1. FC Magdeburg am 26. Spieltag beim SV Wehen Wiesbaden eine insgesamt gute Leistung zeigte. “Nützt alles nix, solange wir nicht punkten”, sagen die einen. “Darauf lässt sich aufbauen, vielleicht gibt’s ja doch noch Hoffnung”, sagen die anderen. Wie man den Auftritt in Hessens Landeshauptstadt bewertet, hängt wohl maßgeblich davon ab, welcher Weltsicht man anhängt. Hier jedenfalls ist unsere Einordnung der Begegnung:

Meine Erwartungen vor der Partie:

Nicole:

Keine. Ich habe mir vorgenommen, ab sofort mit keinen Erwartungen in die Partie zu gehen und mich überraschen zu lassen. In den letzten zwei Spielen, unter dem neuen Trainer Christian Titz, habe ich zwei verschiedene Aufstellungen gesehen und beide Spiele waren so unterschiedlich. Das eine so hoffnungsfroh und das zweite ein Desaster. Von daher habe ich vor dem Spiel versucht, meine Gedanken herunterzufahren und einfach den Moment zu genießen. Es gab erneut vier Änderungen in der Startelf, im Vergleich zum letzten Heimspiel … da war die Spannung vorprogrammiert. Mithalten und eventuell was holen oder der komplette Untergang.

Alex:

Ich erwartete ein anderes Auftreten der Mannschaft als noch im Spiel gegen Verl. „Wiedergutmachung“ ist natürlich ein großes Wort, aber doch, in die Richtung ging das irgendwie schon. Davon abgesehen, war ich ein weiteres Mal eher neugierig als erwartungsvoll. Welche Elf wird Christian Titz diesmal nominieren und welche Idee steckt dahinter? Dass er weiter Dinge probieren würde, probieren musste, stand für mich außer Frage. Werden Struktur im Spiel und ein Plan, wie die Mannschaft vor das Tor kommen soll, erkennbar sein? Und nicht zuletzt: Wird der FCM gegen einen Aufstiegsaspiranten vielleicht doch und wider jeder Wahrscheinlichkeit punkten können? Immerhin stellen sich solcherlei Fragen inzwischen wieder. Das war in dieser Saison auch schon mal alles ganz anders.

So habe ich das Spiel verfolgt:

Nicole:

Im Blechstadion Wiesbaden. Immer wieder bin ich erschrocken, wie unscheinbar ein Stadion sein kann. Ein Stadion, das fast nicht als solches erkannt werden will. Unscheinbar und schon wie ein Industriegebäude verkleidet. Draußen vor dem Eingang liefen uns dann eiserne Clubfans über den Weg. Die haben wir gleich zum Foto überreden können. Das tat so unwahrscheinlich gut. Im Inneren angekommen, erschrak ich über die laufenden Umbaumaßnahmen. Die Gegentribüne im Rohbau, nur um den Statuten zu entsprechen, wenn man in der 2. Bundesliga spielt. Die Frage ist nur: Wann war das Stadion jemals ausverkauft?

Nun denn, heute war ich als Fotografin eingeteilt und ich freute mich wie Bolle, endlich wieder auf den Auslöser zu drücken. Mit der Sonne direkt im Gesicht erwärmte sie nicht nur mich, sondern auch das Spiel. Ich sah eine Begegnung, mit der ich wirklich nicht gerechnet hatte. Unsere Spieler kamen so oft auf mich zugelaufen, dass mein Auslöser nur so ratterte. Ohne Gegentor in den ersten 10 Minuten. Check. Kein Tor nach 20 Minuten. Check. Das Spiel war kurzweilig und spannend.

Mit einem 0:0 ging es in die Pause und mein Vorhaben, in der zweiten Halbzeit den Fokus auf die Abwehr zu legen, wurde von mir ad hoc geändert. Seitentausch und Hoffnung auf den Treffer und die Jubelbilder. Sie kamen leider nicht. Auch der einzelne Punkt wurde uns weggenommen. Ärgerlich. Aber meine Arbeit begann dieses Mal noch. Bildersichtung, das Aussortieren und das gleichzeitige Anschauen der Partie anhand der Fotos. Bei Niederlagen tut dies gleich nochmal weh.

Alex:

Ich hab’ das Spiel ziemlich angetan verfolgt. Der Club schaffte es, Wiesbaden ordentlich zu ärgern, was mir gut gefallen und mich ehrlicherweise auch überrascht hat. Es wurde früh, sehr früh gepresst, der eine oder andere Umschaltmoment sah gut aus und: es gab Torchancen (!) aus dem Spiel heraus (!!). Klar muss Brünker das Ding in der 7. Minute eigentlich machen und natürlich ist es ärgerlich, dass der Schuss von Kath in der 28. Minute knapp am langen Pfosten vorbeigeht. Dann die hervorragende Gelegenheit von Atik nach 33 Minuten (übrigens nach durchaus starker Vorarbeit von Brünker), die Tim Boss im Wiesbadener Tor sensationell noch rausfischt.

Doch, das war alles okay, das sah nach Fußball aus und erinnerte an deutlich bessere Zeiten, in denen man sich am Spiel des 1. FC Magdeburg tatsächlich auch erfreuen konnte. Vielleicht hätte die vierte, fünfte oder sechste gute Gelegenheit ja zum Tor geführt. Ist halt nur schwierig, wenn es die dann hinten raus nicht mehr wirklich gibt. Und ja, natürlich muss das Runde im Endeffekt ins Eckige und klar hat die Mannschaft in diesem Bereich große Defizite, aber: es gab sie eben, die Gelegenheiten aus dem Spiel heraus, und das sehe ich prinzipiell erst einmal positiv.

Wie es auch und vor allem besser gehen kann, zeigten in der 80. Minute schließlich die Gastgeber. Im Stile der Spitzenmannschaft, die sie laut Tabelle sind, nutzten die Wiesbadener im zweiten Durchgang die gefühlt eine richtig gute Gelegenheit zum Führungs- und schließlich auch Siegtreffer. Tja. Aus Magdeburger Perspektive natürlich maximal ärgerlich, aber eben auch eine Geschichte dieser Saison: Die Mannschaft schafft es einfach nicht, sich für einen guten Auftritt auch mal ordentlich zu belohnen. Und ja, das war und ist durchaus frustrierend.

Die Partie in maximal fünf Worten:

Nicole:

Stark verbessert und sehr motiviert.

Alex:

Noch ist Magdeburg nicht verloren.

Das bleibt in Erinnerung:

Nicole:

Eine Ersatzbank, die bei jeder Chance aufsprang und die Jungs unermüdlich anfeuerte. Zwei Trainer, die lautstark agierten. Eine Mannschaft auf dem Platz, die als Team auftrat. Ein offensives Spielsystem, was langsam Wirkung zeigt. Allein die Punkte fehlen. Es war das sechste Spiel in Folge ohne Zähler. Aber am Dienstag gibt es die nächste Chance und auch da werde ich wieder die Daumen drücken, auch wenn ich wieder ohne Erwartungen herangehen werde.

Alex:

Einige Reaktionen im Netz im Nachgang der Partie. Wüsste ich es nicht besser, hätte ich vermuten können, dass der 1. FC Magdeburg an jenem Nachmittag unwiederbringlich in die Regionalliga abgestiegen war. Nach einem zugegebenermaßen ziemlich genervten Tweet, den ich mir vielleicht auch einfach hätte sparen können, entschied ich mich dementsprechend dazu, das Handy den Rest des Tages ganz, ganz weit wegzulegen, die WhatsApp-Gruppen mal WhatsApp-Gruppen sein zu lassen und die Benachrichtigungen für Twitter auszuschalten. Wahrscheinlich nicht unbedingt die souveränste Verhaltensweise, aber irgendwann ist es dann auch einfach mal gut.

Die Sache ist halt: Natürlich ist es nicht übermäßig wahrscheinlich, dass die Saison noch eine gute Wendung nimmt. Und selbstverständlich wird die ohnehin schon schwierige Mission “Klassenerhalt” mit jeder gespielten Partie und jedem Punkt, den der Club nicht holt, immer schwieriger. Das ist alles klar. Nur: Noch sind 13 Partien zu gehen. Noch sind 39 Punkte im Topf. Die Teams um uns herum ziehen (derzeit noch) nicht uneinholbar davon, gegen alle direkten Konkurrenten spielen wir in der Rückrunde außerdem noch. Es gibt etliche positive Ansätze, von denen wir vor nicht einmal vier Wochen nur träumen konnten. Vor diesem Hintergrund weigere ich mich einfach, die Flinte jetzt schon ins Korn zu werfen.

Jeremy hat es bei uns im Podcast meiner Meinung nach hervorragend auf den Punkt gebracht, als er sagte, dass jetzt im Prinzip alle Pfeile verschossen sind, der Kader sich nicht mehr verändern wird und wir nun eben mit dem arbeiten müssen, was wir haben. Was also tun?

Die Frage muss natürlich jede*r für sich selbst beantworten. Ich verstehe auch vollkommen, dass negative und destruktive Debatten rund um den weiteren Saisonverlauf in der aktuellen Situation nicht nur erklärbar sind, sondern für diejenigen, die sie führen, sicher auch eine Funktion erfüllen. Allerdings werden diese Diskussionen für’s Erste ohne mich auskommen müssen, weil ich das produktive, unterstützende, positive Element darin einfach nicht erkennen kann.

Ich sehe halt keinen Widerspruch darin, die Situation kritisch und realistisch einzuschätzen und trotzdem zu versuchen, positiv zu bleiben. Irgendwann in der letzten Zeit habe ich mir vorgenommen, dass genau das auch mein Weg sein soll. Und zwar so lange, bis der Ausgang der Saison, wie immer er auch aussehen mag, rechnerisch feststeht.

Das Foto des Spieltags:

Wiesbaden

(c) Nicole Otremba

3 Kommentare

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