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Same, same, but different

Fürth

SpVgg Greuther Fürth – 1. FC Magdeburg, 14. Spieltag, 3:2 (1:1)

Im Kopf war der Text zur Partie ja eigentlich schon fertig. Geiles Spiel, starker Auftritt des Clubs, zwei tolle Tore, interessante Grundordnung, Duracell-Lohkemper, drei völlig verdiente Punkte, Jubel, Trubel, Heiterkeit, ab jetzt geht’s bergauf. So ungefähr. Naja, und dann stehst Du in Fürth im Gästeblock, siehst von hinten den Ausgleichs-Freistoß von Parker, siehst eine Magdeburger Mannschaft, die trotzdem noch Chancen hat, zu gewinnen, siehst einen Eckball als letzte Aktion des Spiels – und denkst Dir so: „What the actual fuck?!“ Man kann es gar nicht anders sagen: dieses 2:3 in Fürth war (erneut) Fußball in seiner perversesten Form und das Ende unfassbar bitter. Aber: Es war auch ein Spiel, das, so komisch das jetzt klingt, unter dem Strich tatsächlich Hoffnung machen durfte. Da war Mut, da war Zug zum Tor, da war ein Team, das Fußball tatsächlich spielte. Da ging was! Und da wird auch weiterhin was gehen.

Michael Oenning nahm gegenüber dem letzten, noch unter Jens Härtel ausgetragenen Spiel gegen Regensburg vier personelle Veränderungen vor, die wichtigste Neuerung dürfte allerdings in der Grundordnung gelegen haben. In einem 3-5-2 liefen vor Alexander Brunst im Tor Steffen Schäfer, Dennis Erdmann und Tobias Müller in der Dreierkette auf. Das zentrale Mittelfeld besetzten Richard Weil und Björn Rother, links begann Michel Niemeyer und rechts, ganz interessant, Marius Bülter. Philip Türpitz gab den offensiven Mittelfeldspieler mit jeder Menge Freiheiten, im Sturm harmonierten der unglaublich starke Felix Lohkemper und Offensivkonstante Christian Beck. Mit diesem Team, das offensiv wie ausgewechselt wirkte, ging es hinein in die Post-Härtel-Ära und begann damit quasi auch gleich mal eine neue Zeitrechnung.

Und sie können es doch

Block U hatte für das Fluchtlichspiel im Sportpark Ronhof ein, zwei Kleinigkeiten vorbereitet und so gab es mit dem Anpfiff sowohl eine blau-weiße Folien-Choreo als auch ein wenig Pyrotechnik. Als sich der Rauch dann langsam verzogen hatte, sah man eine Partie, in der zunächst zwar nicht so wahnsinnig viel Zwingendes passierte, in der der FCM aber erfrischend offensiv agierte. Und je länger das Spiel dauerte, desto öfter huschte so ein „Hoppala! Das sieht ja richtig nach Fußball aus! Geile Sache!“ durch den Hinterkopf. Den ersten Abschluss im Spiel hatte zwar Fürths Julian Green in der 11. Minute mit einem Distanzschuss, der über das Tor ging, zum ersten Mal richtig gefährlich wurde es allerdings durch die Größten der Welt: Ein genau gespielter Diagonalball erreichte Marius Bülter auf dem rechten Flügel, der von da in Richtung Grundlinie marschierte und scharf in die Mitte schob. Dort verpasste Felix Lohkemper nur knapp. Wenig später war es erneut Lohkemper, der zum Abschluss kam, Sascha Burchert im Fürther Tor schon überwunden hatte und dann aber an Paul Jaeckel scheiterte, der den Ball auf den leeren Kasten noch von der Linie kratzte. Ärgerlich.

Noch ärgerlicher wurde es in der 30. Minute, weil da nämlich Greuther Fürth in Person von Daniel Keita-Ruel das erste Mal in Alexanders Brunsts Strafraum auftauchte und direkt den Führungstreffer erzielte. Ein langer Ball findet den Ex-Kölner auf rechts, der hält direkt drauf – und versenkt das Ding zur Fürther Führung. „Okay, alles wie immer also“ war zunächst der Gedanke, zumal der Schuss auch nicht unbedingt unhaltbar erschien, aber entgegen einiger anderer Partien in dieser Saison war das Gefühl dann doch ein anderes: Der FCM war am Drücker, der Treffer für Fürth so ein bisschen aus dem Nichts. Und: Der Club spielte einfach frech weiter nach vorne. Allerdings hatten der FCM und Alexander Brunst nach etwa 35 Minuten auch großes Glück, dass ein Lupfer von Atanga nicht aufs Tor, sondern recht deutlich rechts daran vorbei ging.

Nur drei Minuten später dann eine Szene, die man im Profifußball leider nur sehr selten sieht: Tobias Müller und der Ex-Magdeburger Sebastian Ernst gehen ein paar Meter vor der Torauslinie in einen Zweikampf, der Ball geht schließlich ins Aus und Schiedsrichter Markus Schmidt entscheidet auf Ecke – unter großen Protesten der Magdeburger Abwehrspieler. Schmidt greift sich daraufhin Müller und Ernst, es gibt ein kurzes Gespräch – und direkt danach Abstoß für Blau-Weiß, nachdem Ernst signalisiert haben muss, dass tatsächlich er als letzter Spieler am Ball war. Schönes Ding, so geht es also auch.

Naja, und dann gab es in der 41. Minute den völlig verdienten Ausgleich für den 1. FC Magdeburg. Erzielt hatte ihn Christian Beck im zweiten Anlauf, größere Teile des Treffers gehen aber auf die Kappe von Felix Lohkemper: am bzw. im Strafraum behauptet er den Ball stark gegen seinen Gegenspieler und kann ihn dann auf Beck stecken, der es gegen Sascha Burchert zunächst mit der Hacke versucht. Burchert lässt prallen, unsere Nummer 11 denkt mit und zack! zappelt die Kugel zum 1:1 im Netz. Großartiger Treffer, den Lohkemper und Beck im Zusammenspiel im Prinzip mit purem Willen über die Linie drückten. Stark. Mit dem Unentschieden und einem guten Gefühl ging es dann auch in die Halbzeitpause.

Clusterfuck

Die zweite Hälfte war noch keine fünf Minuten alt, als es hinter Sascha Burchert erneut einschlug. Und wie! Lohkemper bekommt den Ball auf der linken Seite an der Strafraumkante, bittet Caligiuri zum Tanz, verschafft sich Platz und schlenzt das Leder unwiderstehlich an allen vorbei ins lange Eck. Was. für. eine. Bude! Absolute Eskalation im Gästeblock, ungläubige Blicke, Bierdusche bei gefühlten 10 Grad Minus und ein orgastischer Gesangsorkan waren die Folge. Spiel gedreht! Verdient! Attacke, immer weiter!

Und weiter ging es auch, die 9.319 Zuschauer im schmucken Sportpark Ronhof sahen nun ein packendes, etwas zerfahrenes, ingesamt aber wirklich unterhaltsames Fußballspiel. Und das lag eben auch am Gast: Der Club zunächst weiter mit den besseren Aktionen und reichlich Rückenwind nach dem Führungstreffer. Nach 56 Minuten kann es mit etwas Glück sogar 3:1 für die Guten stehen, nachdem Christian Beck den Ball stark am gegnerischen Strafraum gewann und Felix Lohkemper mitnahm. In der Mitte war Björn Rother mitgelaufen, der die Kugel von Lohkemper zugelupft bekommt – und kurz vor dem Abschlussversuch kernig, aber wohl regelkonform abgeräumt wird. Die Szene geht weiter, der Club bleibt dran, letztlich landet der Ball dann aber doch im Toraus, ohne nochmal wirklich gefährlich zu werden. Trotzdem: Das blau-weiße Offensivspiel hatte schon was; das einzige, was fehlte, war ein beruhigender dritter Treffer.

Nach knapp einer Stunde erhöhte dann auch Führt den Druck, ohne jedoch wirklich zum Abschluss zu kommen. Im Gegenteil eröffneten sich, unter anderem auch durch gut verteidigte Ecken, Kontermöglichkeiten, die Blau-Weiß dann aber nicht zu Ende bringen konnte. So zum Beispiel in Spielminute 64, als Marius Bülter nach reichlich Pingpong noch an den Ball kam, ihn sich dann auf dem Weg zum Tor aber zu weit vorlegte. Oder nach 70 Minuten, als Lohkemper der Fürther Defensiv einfach wegläuft und dann vor Sascha Burchert leider nicht die Übersicht bewahrt, um sich mit einem weiteren Treffer zu belohnen. Den Abschluss kann der Fürther Schlussmann zunächst nur prallen lassen, der Nachschuss von Türpitz führt zu einer Ecke, die letztlich harmlos blieb. Weitere zwei Minuten später dann große Aufregung im Gästeblock: Wieder ist Lohkemper involviert, der in letzter Angst vom potentiell letzten Fürther Mann nur via Foul gestoppt werden kann. Statt der von vielen geforderten roten Karte gibt es allerdings nur Gelb und Freistoß, den Türpitz aus gut 25 Metern aufs Tor bringt. Abgefälschter Ball, krummes Ding – und erneut bleibt Burchert Sieger, der in seine rechte Ecke abtaucht und den Schuss festhalten kann.

Inzwischen war Marcel Costly positionsgetreu für Michel Niemeyer in die Partie gekommen, während der Gästeblock die eigene Mannschaft frenetisch weiter nach vorne peitschte. Im Verlauf der zweiten Halbzeit gab es die ganze Klaviatur: die „Peitsche“, das „Wir haben Euch kämpfen und siegen sehen – in Ostdeutschland“ mit einem geteilten Block und schließlich irgendwann auch die Polonaise. Derweil unten auf dem Rasen: ein Fallrückzieher von Keita-Ruel nebst Glanzparade von Alexander Brunst, ein vermeintliches, aber ungeahndetes Magdeburger Handspiel und ein Felix Lohkemper, der es einfach auch mal von der rechten Seite und aus spitzem Winkel direkt versuchte. Und warum auch nicht? Da hatte sich im Verlauf der Partie jemand so richtig Selbstvertrauen geholt. Irgendwann ist allerdings auch jeder Tank mal leer, sodass der für mich beste Spieler der Partie in der 82. Minute für Mergim Berisha Platz machen musste.

Selbiger Berisha hatte dann auch gleich eine Abschlussmöglichkeit aus zentraler Position auf Höhe des Elfmeterpunktes, die allerdings von Fürther Abwehrbeinen noch geblockt werden konnte, bevor der Torwart eingreifen musste. Und dann? Tja, dann kam halt die Endphase der Partie und ein ordentlicher Clusterfuck. Nach den Erlebnissen aus dem Regensburg-Spiel fällt mir dazu keine andere Vokabel ein. Man möge es mir nachsehen.

Wir schreiben die 88. Spielminute, als Schiedsrichter Schmidt auf Freistoß für Fürth entscheidet. Zentral, 20 Meter, direkt vor der eigenen Kurve. Ein paar kurze Worte zwischen drei potentiellen Schützen, Shawn Parker, der letztlich abzieht und zack! steht es 2:2. Der Schuss nicht übermäßig platziert, aber das war an der Stelle dann auch irgendwie egal. Wieder ein Tor kurz vor Schluss, wieder ein Standard. Doch, das gab durchaus einen kleinen Absacker auf der Gute-Laune-Skala. Der währte aber nur kurz, denn: Der Club hatte tatsächlich noch Zeit und Gelegenheit, das Ding doch wieder auf Sieg zu stellen. Fürth allerdings auch, und so ging es hoch und runter und war irgendwie die Frage: Wer will es mehr, wer hat vielleicht den Ticken mehr Glück oder macht den ersten Fehler?

Zum Thema Glück: Nun, das hatten beide nicht. In der Nachspielzeit versuchten es Berisha und Türpitz im Strafraum mit einer Kombination, beim letzten Pass war dann aber ein Bein im Weg. Auf der anderen Seite hatten einige Fürtherinnen und Fürther den Torschrei schon auf den Lippen, der Ball zappelte nach einer Hereingabe von rechts aber nicht im Netz, sondern an der Außenseite (kurzer Herzkasper im Gästeblock inklusive). Blieb also nur noch die Fehlervariante, und hier zog nun der FCM den kürzeren Strohhalm – wie das eben so ist, wenn man unten drinsteht, könnte man an dieser Stelle noch ergänzen. Christian Beck war es, der letztlich mit einem unsauberen Pass auf die rechte Außenbahn den unglaublich bitteren Knockout einleitete. Fürth mit dem Ballgewinn und der Diagonalpass-Umschaltbewegung. Costly ist da und klärt zur Ecke. Zu dem Zeitpunkt ist allen klar: Das hier wird die letzte Aktion des Spiels. Klar ist auch: Natürlich war ein Sieg drin, aber das Unentschieden und vor allem die Spielweise nimmst Du auch gern wieder mit auf den Heimweg. Die Ecke kommt, der Ball ist im Netz, ganz Fürth ist aus dem Häuschen – und im Gästeblock konnte man regelrecht hören, wie bei 1200+ Menschen innerlich etwas zerbrach. Was für ein Scheiß-Film. Was für ein gottverdammter Scheiß-Film! Und der völlig eskalierende Stadionsprecher, der den Sieg verbal mal so richtig auskostete, während sich der konsternierte Magdeburger Mob so langsam auf den Weg nach Hause begab, machte das beschissene Gefühl in Kopf und Herz jetzt auch nicht unbedingt besser.

Fazit:

Im Prinzip könnte man das gefühlsmäßige Resümee aus dem Regensburg-Spiel hier 1:1 noch mal reinkopieren, wenngleich diese Niederlage in Fürth natürlich nicht direkt wieder den Ausschlag für einen Trainerwechsel geben wird. Auf der anderen Seite kann man aber auch whoscored.com zitieren, die diesmal mit Bezug auf das Magdeburger Spiel schrieben: „(Team has no significant weaknesses)“. Nur hilft das natürlich wenig, die drei Punkte (oder von mir aus auch der eine) fehlen natürlich trotzdem und tun mächtig weh. Aber! Ich habe eine Magdeburger Mannschaft gesehen, bei der sehr viel gestimmt hat und es ist erstaunlich, was so ein Trainerwechsel bei dem Team, aber auch dem einen oder anderen Akteur offenbar dann doch so bewirken kann. Das erste Mal überhaupt in dieser Saison hatte ich das Gefühl, wir können nicht nur mit Glück, sondern auch mit Plan aus dem Spiel heraus ein Tor erzielen. Was wir ja auch getan haben. Zweimal. Wenn man der Mannschaft einen Vorwurf machen möchte, dann vielleicht den, nicht das 3:1 erzielt zu haben. Wenn man sich den Spielverlauf so anschaut, hätte das dann mit einiger Sicherheit wirklich gereicht. Und es wäre absolut verdient gewesen. Allerdings findet das Leben bekanntermaßen nicht im Konjunktiv statt und hilft jetzt eigentlich nur, die ganzen positiven Dinge, von denen es einige gab, mitzunehmen und dann eben am 02.12. gegen Bochum den zweiten Saisonsieg perfekt zu machen. So. Und nach allem, was man in Fürth so sehen konnte, stehen die Chancen dafür vielleicht wirklich gar nicht so schlecht.

Also: Kopf hoch, Bauch rein, Brust raus! Wir sind der FCM, verdammt noch mal, und weg vom Fenster sind wir ja wohl noch lange nicht!

10 Kommentare

  1. Pingback: Schweinespiel - nurderfcm.de

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