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Im Gespräch mit: Bodo Schmidt

Bodo Schmidt

181 Bundesligapartien für Borussia Dortmund und den 1. FC Köln, zwei Deutsche Meisterschaften – und zwischen 1998 und 2002 insgesamt 111 Spiele für den 1. FC Magdeburg. Keine Frage: Bodo Schmidt war nicht nur Kapitän der Magdeburger Mannschaft, die den FC Bayern München aus dem DFB-Pokal warf und in der gleichen Spielzeit den Aufstieg in die Regionalliga schaffte, sondern um die Jahrtausendwende auch eine der wichtigsten Spielerpersönlichkeiten bei den Größten der Welt. Ich traf unseren ehemaligen Kapitän Ende Oktober in seinem Heimatort Niebüll in Schleswig-Holstein, wir plauderten über Taktik im Amateurfußball, die Neue Deutsche Welle im Herrenkrug Parkhotel, das Leben nach dem Profi-Fußball und natürlich über die Zeit als Spieler beim 1. FC Magdeburg. Ein Interview in drei Teilen.

Teil 1: Wie alles begann – und wie einen ein Telefongespräch in den wilden Fußballosten verschlägt

Alexander Schnarr (AS): Ich schlage vor, dass wir einfach mit Ihrer Spielerkarriere einsteigen und uns dann allmählich zur Magdeburger Zeit vorarbeiten. 1987/1988 wechselt Bodo Schmidt von Niebüll zu den Amateuren des FC Bayern. Das war ja sicherlich damals schon ein ungewöhnlicher Transfer. Wie kam es dazu, dass Sie ausgerechnet vom höchsten Norden nach Süddeutschland gewechselt sind?

Bodo Schmidt (BS): Ja, das ist allerdings wirklich damals eine sehr außergewöhnliche Nummer gewesen. Ich bin hier bis zur B-Jugend bei Rot-Weiß Niebüll durch die Jugendmannschaften gelaufen. Dazu muss man wirklich sagen, dass Schleswig-Holstein eher Fußballprovinz ist. Der höchstrangige Verein in Schleswig-Holstein ist Holstein Kiel mit der 3. Liga und der nächste Bundesligist ist 200 km entfernt, das ist der HSV – der ja zum Glück noch in der Liga ist. Ich hab’ in den Jugendmannschaften immer in den Auswahlteams gespielt, also Kreis- und Landesauswahl, wobei da immer eigentlich eher die Kieler und Lübecker vertreten waren. Aber ich habe mich da gezeigt und durchgesetzt und war dann in der A-Jugend-Zeit zwei Jahre in Flensburg. Das war dann hier so ein Wechsel mal so ein bisschen aus dem Ort raus. Ich bin dann aber im ersten Herrenjahr wegen der Schule noch mal zurückgekommen, war hier im Ort auf dem Gymnasium und hab’ dann letztlich 1987 mein Abi gemacht. Der Anruf vom FC Bayern kam eigentlich schon ein Jahr, bevor ich dann tatsächlich gewechselt bin, und das kam folgendermaßen: Der Landesauswahltrainer von Schleswig-Holstein damals, Fritz Bischoff, ist hier weggegangen und wurde Trainer der Bayern-Amateurmannschaft. Und er hat so zwei, drei Leute hier in Schleswig-Holstein gehabt, von denen er meinte, dass die es bei den Bayern vielleicht schaffen könnten. Naja, und dann hat er mich eben angerufen und gesagt: “Mensch, ich gehe da und da hin, wie sieht es aus, könntest Du Dir das vorstellen? Ich glaube, Du könntest das, hättest Du da Interesse?” Das ist natürlich ein außergewöhnliches Angebot für einen, der hier in der Fußballprovinz groß geworden ist, wo ja auch nicht so viele Leute dann im professionellen Fußball auftauchen. Und ich hab’ das tatsächlich erst mal abgelehnt, weil meine Eltern meinten, dass eben erst mal das Abitur her muss. Fritz Bischoff hat dann gesagt: “Joa, mutig, okay, aber wir werden Dich beobachten und wir werden sehen.” Dann kam der Anruf ein dreiviertel Jahr später noch mal und ich hab’ mir dann gesagt: “Okay, wenn ich jetzt mein Abi habe, mache ich das.” Und so bin ich dann eben dem Ruf des ehemaligen Verbandstrainers von Schleswig-Holstein nach München gefolgt, komplett aus den Tiefen des Amateurfußballs zum FC Bayern. Das war natürlich ein Kulturschock, eine komplett andere Welt. Ich habe dann angefangen, bei den Amateuren mitzumachen und habe offensichtlich sofort so viel Gas gegeben, dass ich von Anfang an als 19-/20jähriger in der damaligen Bayernliga gespielt habe, das würde heute der 3. Liga entsprechen. Ja und dann ging das eigentlich beim FC Bayern auch relativ schnell. Ich hab’ dann da bei den Amateuren zu den Leistungsträgern gehört, vorher war ich da nicht bekannt, und es dauerte dann ein knappes Jahr, bis ich dann mit drei, vier anderen Amateuren bei den Profis mittrainieren durfte. Anfangs unregelmäßig, nachher regelmäßig und das war dann eigentlich ne unglaublich interessante, geniale Lehrzeit als Fußballer. Jupp Heynckes war Trainer und dann gab es da natürlich die Profis, die man heute noch kennt: Matthäus, Augenthaler, Michael Rummenigge, mit dem ich später noch mal zusammengespielt habe. Ja, das waren lehrreiche Jahre, wo man dann einfach gemerkt hat, wie es vielleicht im professionellen Fußball funktioniert.

AS: War das eigentlich schon immer die Perspektive, Profifußballer werden zu wollen?

BS: Das stand eigentlich nie zur Debatte, weil man ja auch vom professionellen Fußball so weit weg war hier. Und dann ist natürlich klar: Man kommt dann da hin und denkt, das ist Wahnsinn, so viele Eindrücke, viele neue Sachen, und es hat sich dann einfach so entwickelt. Ganz am Anfang hab’ ich bei den Bayern noch nicht mal drüber nachgedacht, dass ich dann vielleicht mal Profi werden würde. Es war einfach erst mal ne coole Zeit, man probiert sich aus, mehr so als Hobby, und da hab ich dann erstmalig auch Geld dafür bekommen, hatte einen Amateurvertrag unterschrieben und konnte mich in München soweit finanzieren. Dann hatte ich so diesen Gedanken: „Ist zwar ne coole Sache und großartig, aber einfach mal gucken, wie weit man kommen kann.“ Ich hab’ mir gesagt, wenn es irgendwann nicht mehr weitergeht, ist das eben so, aber es ging und ging und ging. Und dann, ja, hat sich das innerhalb von zwei, drei, vier Jahren dementsprechend entwickelt und über die Stationen, die ich dann gelaufen bin, wurde das Hobby dann halt zum Beruf.

AS: Dann ging’s ja weiter nach Unterhaching und über Unterhaching zur längsten Profi-Station nach Dortmund. Und von dort aus dann bis hin zum gestandenen Bundesligaspieler.

BS: Genau, es war so, dass ich über Unterhaching kam. Das war auch ne unglaublich coole Zeit da. Zweite Liga war das, ein Jahr zumindest, und eigentlich war das eine Amateurmannschaft, die in die zweite Liga aufgestiegen war, mit dem dementsprechend semiprofessionellen Umfeld, aber ner super Truppe und super Stimmung. Wir haben zwar oft verloren und sind dann nachher wieder abgestiegen, hatten aber ne Bombenzeit. Aber auch da habe ich eben offensichtlich als Verteidiger auf mich aufmerksam gemacht. Und dann kam Borussia Dortmund, was eigentlich noch ganz kurios war, weil es dort zu der Zeit gerade einen Trainerwechsel gab und nicht so klar war, wer es dann werden würde. Ich war dann zum Probetraining, die konnten es aber nicht so richtig entscheiden, sodass ich dann auch erst wieder weg war. Irgendwie wurde dann aber doch noch eine Verteidigerstelle frei und dann erinnerten die sich: “Mensch, da war doch mal der, der da von Unterhaching vorgespielt hat” und dann haben die sich gemeldet, ob ich schon irgendwo unterschrieben habe. Hatte ich zum Glück nicht und so kam ich dann zu Borussia Dortmund und war auf einmal Erstliga-Spieler. Wobei ich da erst mal nur unter Vertrag stand und als Ergänzung eingekauft wurde, das muss man einfach auch sagen. Da galt es dann eben erst mal, die Ärmel hochzukrempeln und irgendwie zu versuchen, sich da durchzusetzen. Das ging dann auch, ich hab’ dann im ersten Jahr schon diverse Einsätze gehabt und mein eigentlich richtiger Start war dann im zweiten Jahr bei Borussia Dortmund.

AS: Und dann ging es auch in den Europapokal, zwei Meisterschaften….

BS: Richtig, wir haben die Meisterschaften 95 und 96 gewonnen. 95 war für mich dann eigentlich auch die erfolgreichste Saison, weil ich von diesen 34 Spielen, glaub ich, 32 gemacht habe und einer der Spieler war, die insgesamt die meisten Einsätze hatten. Das lief halt, ich war nicht verletzt und hatte da meinen Platz, den ich in dieser Mannschaft verteidigt habe. Wir hatten ne gute Truppe und ja, dann waren wir nachher Meister und das ist eins der genialsten Erlebnisse, das man überhaupt haben kann, das war schon sensationell. Europapokal haben wir dann ja auch gespielt und da gab es auch unglaublich viele schöne Spiele mit ganz tollen Erlebnissen. Die Krönung waren aber natürlich die beiden Meisterschaften und dann ging allerdings irgendwann die Vereinspolitik von Borussia Dortmund so ein bisschen in die Richtung, dass da massiv Spieler aus Italien zurückgeholt wurden. Das war so eine Zeit, in der deutsche Nationalspieler in Italien waren, Karl-Heinz Riedle, Matthias Sammer, Jürgen Kohler und so. Borussia Dortmund wurde durch die Europapokal-Erfolge stärker und stärker und hat dann eben nachgerüstet, um sich noch mehr zu etablieren. Da konnte ich mich noch immer erwehren und hab’ mich so durchgesetzt, aber dann kam Jürgen Kohler als Transfer von Juventus Turin, bei dem schon klar war, dass er natürlich als Nationalspieler mit seinen Erfolgen gewisse Vorschusslorbeeren haben würde. Da kam dann bei mir der Gedanke, noch mal den Verein zu wechseln, wobei mir eigentlich auch versprochen worden war, dass der Kohler-Transfer nicht stattfinden würde. Auf Nachfrage wurde gesagt: “Nein, das wird nicht passieren”. Dann war ich im Urlaub und dann passierte es natürlich trotzdem. Ich kam dann zurück, hab’ auch noch mal kurz mit der Vereinsführung gesprochen und dann die Saison auch noch gespielt, die ja dann 96 mit der zweiten Meisterschaft endete. Ich hatte allerdings schon einen Ticken weniger Einsätze und dachte mir so: “Okay, ich will spielen und nicht einfach irgendwie nur sitzen und abwarten.” Tja, und so entstand eben die Idee zum Wechsel, obwohl ich da fünf sensationelle Jahre gehabt habe in Dortmund und wahrscheinlich auch noch schöne gehabt hätte, wenn ich geblieben wäre. Dann bot sich 1996 unter anderem die Möglichkeit, zum 1. FC Köln zu wechseln. Es gab noch ein, zwei andere Möglichkeiten, aber der Wechselwille war irgendwie da, wobei ich eigentlich auch noch Vertrag hatte. Allerdings gab es dann auch das Versprechen, aufgrund dieser Sache ein Jahr vorher, dass ich, wenn ich einen Verein finde, der mich haben möchte und ich auch wollen würde, wohl die Freigabe kriegen könnte. Der Trainer wollte das erst nicht, wurde dann aber darauf hingewiesen, dass es da diese Absprache gibt und musste mich dann ziehen lassen. Im Nachhinein kann man vielleicht spekulieren, ob das klug oder gut oder schlecht war, weiß ich nicht, auf jeden Fall bin ich dann 1996 nach der Meisterschaft zum 1. FC Köln gegangen…

AS: …wo es 97/98 dann noch mal 32 Bundesligaspiele gab im letzten Kölner Jahr, und dann wechseln Sie mit 31 Jahren aus der Bundesliga ausgerechnet zum 1. FC Magdeburg. Wie kam das zustande? Der FCM war zu der Zeit ja schließlich keine allzu große Nummer und von den Stationen vorher ja eigentlich auch nicht wirklich im Fokus, oder? Wie kommt man dann darauf, in die ostdeutsche Fußballprovinz zu wechseln?

BS: Also das ist eigentlich eine unglaubliche Geschichte. Ich bin 98 mit dem 1. FC Köln abgestiegen und da waren ganz klar Vertragsgespräche mit uns Spielern gelaufen, wo es einfach hieß: “Wenn wir drinbleiben, dann wollen wir, dass Du bleibst und verlängern Deinen Vertrag. Wenn wir absteigen, müssen wir hier einen großen Umbruch machen und die Verträge, die da auslaufen, werden nicht verlängert, weil die Mannschaft neu strukturiert wird“ und so weiter. Wir sind abgestiegen und somit war ich nicht mehr unter Vertrag, hatte keinen Anschlussvertrag und musste mich dann kümmern. War tatsächlich dann drei, vier Monate arbeitslos. Keine schöne Erfahrung, muss ich wirklich sagen, von totalen Erfolgen und interessant sein und im Gespräch sein und erfolgreich sein abrupt in die Arbeitslosigkeit zu kommen. Alles weitere war dann wirklich ein Zufall. Ich hab’ mit dem eingangs schon erwähnten Herrn Bischoff telefoniert, der mich ja damals nach München geholt hatte. Und der sagte so: “Mensch, schön, dass Du anrufst, weißt Du eigentlich, mit wem ich hier zusammensitze? Ist ja ein irrer Zufall!” Ich sage: “Nee, woher?” Er sagt: “Das ist Hans-Dieter Schmidt”. Das war sozusagen der Nachfolger von Herrn Bischoff bei den Bayern-Amateuren und in meinem zweiten Jahr bei den Bayern-Amateuren auch mein Trainer. Inzwischen war er aber Trainer beim 1. FC Magdeburg. Und er sagt: “Mensch, das glaubst Du gar nicht, willst Du mal kurz…” und dann hat er den Hörer weitergegeben und ich sag: “Na, wo sind Sie denn jetzt abgeblieben?”, worauf er sagt: “Ja, ich bin in Magdeburg“ und so. Und ich hatte wirklich keine Vorstellung. Muss ich wirklich ehrlich sagen und hab dann einfach, als wir nachher aufgelegt hatten, einfach mal geguckt, wo Magdeburg eigentlich spielt und wo mein Ex-Trainer abgeblieben war. Er rief mich dann noch mal an und sagte: “Mensch, ich hab’ grad so die Idee gehabt, wenn Du keinen Verein hast, wie wäre es denn, wenn Du Dich bei uns einfach fit hältst und wir machen hier einen Vertrag. Du spielst bei uns, hältst Dich fit und wenn Du ein Angebot hast und zu einem höherklassigen Verein wechseln kannst, würdest Du da die Freigabe kriegen. So hast Du was davon, bleibst fit, hast Spielpraxis und wir profitieren auch.” Das war dann erst mal so ein Gefühl von “naja, weiß nicht, mal gucken” und zuhause mit meiner Frau haben wir dann gesprochen und so gedacht: “Warum eigentlich nicht?” Wir sind dann tatsächlich eines Abends nach Magdeburg gefahren, waren da natürlich mit Hans-Dieter Schmidt und dem damaligen Präsidenten Ecki Meyer verabredet saßen dann im Hotel “Zum Lindenweiler”. Ich weiß gar nicht, ob das überhaupt noch existiert. Und da haben wir dann einen unheimlich netten Abend gehabt. Wir wussten nicht, was auf uns zukommt, als wir da hin fuhren, hatten dann aber wirklich einfach einen lustigen, netten, schönen Abend. Die Stadt hat uns da irgendwie ganz positiv empfangen. Wir sind zurückgefahren und haben gesagt: “Das war jetzt super nett und eigentlich ist das doch keine so schlechte Idee.” Und diese Idee reifte dann so ein bisschen und endete nachher dann damit, dass ich tatsächlich einen Vertrag beim 1. FC Magdeburg unterschrieben habe, aber schon mit der Klausel, dass, wenn nochmal ein Angebot aus dem Profifußball kommt, von dem ich sage, ich würde das gerne tun, ich dann auch hätte gehen können. Rausgekommen ist am Ende, dass ich, glaube ich, dreieinhalb, vier Jahre fast beim FCM gespielt hab’ und da eine unglaublich schöne Zeit hatte, sowohl als Fußballer als auch wir als Familie. Eigentlich haben wir oft auch gesagt, und das ist jetzt nicht nur so dahergeredet, wir hatten das da so schön, wir hätten da eigentlich auch wohnen bleiben können. Es war eine gute Zeit mit den Erfolgen und Misserfolgen, die dann da offensichtlich auch stattgefunden haben und bekannt sind, aber so landete ich beim FCM durch ein Telefonat, das ich mit ganz jemand anderem geführt habe, wo dann aber Hans-Dieter Schmidt zufällig am Tisch saß und so entwickelte sich das dann.

AS: Das ist super interessant, denn von der Außenwahrnehmung her war das so ein typischer Ecki-Meyer-Transfer, der ja angetreten war mit dem viel zitierten Versprechen “Ja, in 10 Jahren spielen wir Bundesliga in einem modernen Stadion” und so weiter. Ulkig daher, dass das dann am Ende so lief. Bei Ecki Meyer passt das schon irgendwie so rein.

BS: Wobei ich sagen muss, also ich hab’ jetzt überhaupt keinen Kontakt gehabt zu ihm in den letzten Jahren und weiß auch nicht, wie er beim FCM im Moment noch gestellt ist. Ich persönlich schätze ihn auf jeden Fall unheimlich, hab’ ihn als weitestgehend guten Präsidenten erlebt und ich bin mir eigentlich relativ sicher, dass wir da bestimmt mal auftauchen und uns treffen. Das hoffe ich. Also, Eckhardt Meyer hat da auch schon mit dazu beigetragen, dass das dann so kam.

AS: Das ist ja schon einigermaßen irre. Da kommt man aus der Bundesliga und landet dann in Magdeburg, das Ernst-Grube-Stadion war ja auch nicht mehr das neueste… was waren das denn für Rahmenbedingungen, die Sie da so vorgefunden haben, als Sie nach Magdeburg kamen?

BS: Vorgefunden… ja, das Stadion war ja nun wirklich nicht in einem Top-Zustand, aber es war zumindest ein großes Stadion, was gut war, weil da ordentlich Zuschauer reingingen. Und die kamen ja auch, mehr oder weniger. Das fand ich wirklich auch beeindruckend, damit hatte ich so gar nicht gerechnet zu der Zeit in der Liga. Da habe ich dann aber schnell gelernt, was es mit dieser Ost-Tradition auf sich hat, mit diesen Traditionsvereinen, wenn die gegeneinander spielen, Dynamo Dresden, Hansa Rostock und so weiter, da ist Brisanz und unglaubliches Interesse. Ja, die Bedingungen waren natürlich wirklich, ja weiß ich nicht, nicht modern, sagen wir es mal so. Deutlich einfacher als natürlich das, was man die letzten Jahre gewohnt war, aber das gehörte dazu. Es ist natürlich auch so, dass man selbstverständlich auch beobachtet wird, wenn man gerade meinen Transfer macht. Ich war mir schon darüber im Klaren, dass die Leute da auch gucken: “Wie verhält der sich jetzt hier, wie benimmt der sich, macht der hier so ein bisschen auf dicke Hose oder was weiß ich, weil er mal Bundesliga gespielt hat…” Das war natürlich nicht angesagt und angemessen und ich hab’ mich da einfach auch wohl gefühlt, auch wenn es ganz einfache Verhältnisse waren, auch die Umkleidekabinen und alles, das war so. Das war für mich relativ schnell nachher auch Normalität. Ich war fußballerisch ja auch in einem ganz anderen Land auf einmal gelandet, ich war in Plauen, ich war in Aue, ich war im so genannten “Stadion der Freundschaft” in Cottbus und da hat man schon viele Dinge gesehen und auch, dass es in Magdeburg im Vergleich zu vielen anderen Vereinen noch gar nicht so schlecht war. Das muss man eben auch sehen. Nee, ich hab mich schon da wohlgefühlt und auch absolut identifiziert, sonst hätte das nicht diesen Verlauf genommen in Magdeburg. Auch wenn man sagen muss, dass es ein ziemlich krasser Einschnitt war. Ich will nicht ‘Kulturschock’ sagen, so weit will ich nicht gehen, aber es war schon ein krasser Einschnitt.

AS: Im ersten Jahr war ja noch Regionalliga angesagt, die Mannschaft wurde Dritter und dann war es ja vermutlich in Magdeburg so, wie es immer ist: “Jetzt werden wir Erster und marschieren durch in die Champions League”…

BS: Ich kam 1998/99 im November dazu und kann mich an das erste Spiel erinnern, das war in Jena. Schneetreiben, Eiseskälte, mein erstes Spiel und dann war auch noch die große Frage: “Wie fit kann der überhaupt noch sein? Der hat ja 4 Monate nichts gemacht”. Ich habe mich allerdings wirklich super fit gehalten und hab mir auch jemanden genommen, der mich trainiert hat sozusagen und war da eigentlich doch in nem guten Zustand. Wir haben das erste Spiel allerdings leider verloren und ja, dann ging es noch zu Weihnachten hin, dann war Winterpause, dann war Trainingslager und dann kam eigentlich erst die Rückrunde. In der Saison drauf haben wir uns dann allerdings nicht qualifiziert, glaube ich.

AS: Genau, 99/2000 reichte es dann nur noch zum 10. Platz und damit war dann plötzlich vierte Liga angesagt…

BS: Genau, und da war die Stimmung eigentlich gar nicht so gut, das muss man sagen, weil eigentlich vorher schon alle davon ausgegangen waren, dass wir uns dann wieder qualifizieren müssen. Es war innerhalb der Mannschaft weniger euphorisch so in Richtung “Jetzt werden wir dann Erster nächstes Jahr”, sondern, ja, ich weiß nicht, ich empfand das zu der Zeit schon als eher brisant. Es wurde zu dem Zeitpunkt eine relativ starke Mannschaft zusammen geholt, will ich mal sagen, wo doch sehr fraglich war, ob man mit so einem zusammengewürfelten Haufen irgendwas bewegen kann. Aber dann zeigte sich doch, dass wir da eine Mannschaft wurden und die Klasse einzelner Spieler hat dann auch mit dazu geführt, dass man dann auch mal den Ticken besser war als der Gegner. Ja, und dann kam es eigentlich zu dieser wirklich auch super schönen Saison, wo wir viele Erfolge feierten, wo wir Erster wurden, aufstiegen, und dann diese Pokalspiele, wo wir unglaublich weit kamen und Magdeburg, glaube ich, auch ganz tolle Fußballerlebnisse beschert haben. Das war eigentlich eine super Saison und dann waren wir wieder in der Regionalliga nach dem Aufstieg und haben es ja letztendlich sportlich auch geschafft, drinzubleiben.

AS: Warum haben Sie sich die vierte Liga damals eigentlich angetan? Warum haben Sie dann nicht gesagt: “Okay, jetzt haben wir die Qualifikation verpasst, dann bin ich jetzt mal weg.”

BS: Ist vielleicht auch eine berechtigte Frage, so jetzt im Nachhinein… Es war tatsächlich so, wir haben uns als Familie in Magdeburg einfach sehr wohl gefühlt. Unsere ältere Tochter ist in Magdeburg eingeschult worden, wir haben da quasi schon begonnen, Wurzeln zu schlagen, sage ich jetzt mal und ich glaube, ganz ehrlich, diese Frage hat sich mir gar nicht gestellt. Ich hatte dann einen Vertrag, hatte mich jetzt auch nicht mehr richtig massiv, aktiv um weitere Angebote gekümmert und hatte für mich dann auch irgendwie mit den Auftrag, wie meine Mitspieler ja auch: “Okay, komm, jetzt müssen wir gucken, dass wir mit dieser Mannschaft wieder den Aufstieg schaffen.” Ich glaube nicht, dass ich zu dem Zeitpunkt den Gedanken hatte, zu wechseln. Inzwischen war ich so sehr angekommen beim FCM, dass das meine Aufgabe mit war, jetzt dafür zu sorgen, dass dieser Verein sportlich aus dieser vierten Liga wieder in die 3. Liga kommt, damit es da weitergeht.

AS: Gab es zwischendurch höherklassige Angebote?

BS: Nee. Also das ist tatsächlich so, dass, wenn man erst mal so ein bisschen von der Bühne weg ist, dann ist man auch so ein bisschen aus dem Fokus, aus dem Blickfeld. Nö, da ist niemand an mich herangetreten aus dem professionellen Bereich und ich selbst hab’s ja auch nicht forciert, wie gesagt. Ich war ja dann auch schon 33 inzwischen, sodass es dann so in Richtung ‘alter Spieler’ geht, um es ganz ehrlich zu sagen. Ich hätte sicherlich körperlich auch noch länger spielen können beim FCM, aber da kam es ja dann am Schluss dazu, dass die Mannschaft auch irgendwie aufgelöst wurde.


Im zweiten Teil des Interviews lest Ihr, wie Bodo Schmidt die turbulenten Zeiten mit Aufstieg, Lizenzsorgen und letztendlicher Insolvenz erlebt hat, wie es für ihn nach der Magdeburger Zeit weiterging und warum mindestens einem klar war, dass der 1. FC Magdeburg die Bayern schlagen würde.

Dieser Text wurde möglich, weil Ihr Nur der FCM! unterstützt. Vielen Dank dafür!

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