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Am Ende des Regenbogens

letztes Aufgebot

SG Sonnenhof Großaspach – 1. FC Magdeburg, 15. Spieltag, 1:3 (1:2)

„Ich hab‘ mal nachgerechnet: Normalerweise müsste ich schon ungefähr 1653 gestorben sein.“

Nein, für schwache Nerven war die Partie des 1. FC Magdeburg bei der SG Sonnenhof Großaspach sicher nichts. Ähnlich wie dem eingangs zitierten Kollegen wird es sicherlich auch dem überwiegenden Teil derjenigen Clubfans gegangen sein, die ihre Mannschaft vor Ort in der „mechatronik-Arena“ unterstützten. Sie wurden Zeuge, wie das eigene Team den Gegner zunächst 30, 35 Minuten lang vollkommen im Griff hatte, in der zweiten Hälfte dann mit viel Glück und Geschick eine 2:1-Halbzeitführung verteidigte und schließlich dank einer überragenden Einzelaktion von Julius Düker mit dem Schlusspfiff den dritten Auswärtssieg der Saison unter Dach und Fach brachte. Nach zuletzt zwei Niederlagen und zwei Unentschieden bestätigt der FCM damit einen Aufwärtstrend, der, dem Gesetz der Serie folgend, im nun anstehenden Derby gegen den Halleschen FC eigentlich nur seine Fortsetzung finden kann. 

Anders als noch in der vergangenen Saison wurde der Spieltag in der baden-württembergischen Provinz diesmal von einem merklich höheren Polizeiaufgebot begleitet, ansonsten hatte sich in Großaspach nicht viel verändert: Der Gästeparkplatz war zu geschätzten 70% (und noch dazu bei fiesem Regenwetter) eigentlich nur Fahrzeugen mit Allradantrieb zu empfehlen, das Stadion nebst Blockhütten-Funktionsgebäude wirkte mitten im Wald immer noch deplatziert und bei Einlaufen der Mannschaften musste der Stadionjubel vom Band eingespielt werden. Angesichts dieser Umstände wirkt die Maßnahme der SG Sonnenhof Großaspach, sich den Begriff „Dorfklub“ markenrechtlich schützen zu lassen, fast schon folgerichtig…

Sportlich ging es für beide Mannschaften darum, in der ohnehin engen Tabelle gar nicht erst den Anschluss nach unten herzustellen, sondern weiter in der gefühlte 15 Mannschaften umfassenden Spitzengruppe mitzuschwimmen. Die deutlich schlechteren Voraussetzungen dafür hatte das Team aus Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt. 8 verletzungs-, krankheits- oder Sperren-bedingte Ausfälle nahmen Trainer Jens Härtel die Aufstellungsüberlegungen weitestgehend ab und sorgten außerdem dafür, dass mit Nils Schätzle und Hendrik Kuhnhold zwei 17jährige Nachwuchskicker auf der Ersatzbank Platz nahmen. In der Anfangsformation standen neben Torhüter Jan Glinker Nico Hammann, Steffen Puttkammer und Felix Schiller in der Dreier-Abwehrkette, Jan Löhmannsröben und Marius Sowislo im defensiven Mittelfeld, Tobias Schwede, Sebastian Ernst und Tarek Chahed offensiv sowie Florian Kath und Christian Beck im Sturm.

Dieses vermeintlich „letzte Aufgebot“ schickte sich dann auch gleich an, die Kontrolle über das Spiel zu übernehmen und nicht nur kämpferisch, sondern tatsächlich auch spielerisch zu überzeugen. Eine erste Duftmarke setzte Jan Löhmannsröben in der ersten Spielminute mit einem schönen Fernschuss; es folgte Angriff um Angriff und nach 15 Minuten dann auch die vollkommen verdiente Führung für die Größten der Welt. Nach einer Ecke von der linken Seite landet der Ball beim mutterseelenallein stehenden Steffen Puttkammer, der wenig Mühe hat, das Spielgerät zum 1:0 in die Maschen zu schieben. Von Großaspach war bis zu diesem Zeitpunkt gar nichts zu sehen – es dauerte bis zur 18. Minute, bis die Gastgeber erstmals gefährlich vor dem Tor von Jan Glinker auftauchten. Für den bereits geschlagenen Keeper war dann aber Christian Beck zur Stelle, der kurz vor der Torlinie per Kopf klärte, Szenenapplaus und ausgelassene Stimmung im Gästeblock inklusive.

Und es sollte noch besser kommen: In der 21. Minute gibt es erneut einen Eckball für den 1. FC Magdeburg, Marius Sowislo ist zur Stelle und köpft den Ball aus nahezu der gleichen Position in die Maschen, aus der Puttkammer nur wenige Minute vorher per Fuß das 1:0 besorgte. „Auswärtssieg! Auswärtssieg!“ schallte es nun im wahrsten Sinne des Wortes von den Rängen – wobei es natürlich half, dass die Tribüne auf der Gegenseite, von einigen tapferen Großaspachern abgesehen, weitestgehend leer geblieben war. Mit der 2:0-Führung im Rücken schaltete der Club nun so ein kleines bisschen zurück, ohne aber die Kontrolle über das Spiel abzugeben. Exemplarisch für die ersten 45 Minuten vielleicht eine Szene vom guten Tarek Chahed in der 29. Minute, der im Konter wenig Probleme hat, den Ball allein auf weiter Flur und gewaltig abgeklärt gegen drei Großaspacher zu behaupten und für seine Farben eine Ecke herauszuholen.

Dann die 39. Minute und ein erster Geistesblitz vom ingesamt überragenden Manfred Osei Kwadwo aufseiten der Hausherren: Ein Doppelpass mit Lucas Röser lässt die pfeilschnelle Leihgabe vom 1. FC Kaiserslautern von der linken Seite in den Strafraum eindringen. Kapitän Sowislo versucht noch zu stören, kommt aber zu spät, sodass der 21jährige keine Probleme hat, den Ball links in die kurze Ecke zu platzieren. Schickes und aus Magdeburger Sicht natürlich mehr als ärgerliches Gegentor, das aber zu diesem Zeitpunkt eigentlich keinen großen Anlass zur Sorge gab. Zu souverän bis dato der Auftritt der Größten der Welt, bei denen Christian Beck kurz vor der Pause sogar die Möglichkeit hatte, den alten Abstand wieder herzustellen, mit seinem Drehschuss aus fünf Metern aber an Kevin Broll im Großaspacher Tor scheitert.

In der zweiten Hälfte dann ein Bild, das sich so oder so ähnlich in dieser Saison schon ein paar Mal bot: Der Gegner massiv im Vorwärtsgang, Blau-Weiß gewaltig unter Druck und nur noch mit wenig Entlastung und klaren Aktionen nach vorn. Viel Glück in Minute 53, dass ein Ausgleichstreffer der Großaspacher nicht gegeben wird, weil das Schiedsrichtergespann ein rustikales Luftduell zwischen Daniel Hägele und Nico Hammann als Foul des Großaspachers wertete, bevor der anschließende Schuss von Nicolas Jüllich den Weg in die Maschen fand. Kann man in der Szene sicherlich so entscheiden; hätte der Schiedsrichter laufen lassen und das Tor gegeben, hätte man sich allerdings wohl auch nicht beschweren dürfen.

Überhaupt lag der Ausgleich in der zweiten Halbzeit gleich in mehreren Szenen in der Luft und fielen dem Spielgeschehen im weiteren Verlauf etliche geraufte Haare und abgekaute Fingernägel zum Opfer. So zum Beispiel nach 65 Minuten, als sich der Club böse auskontern lässt und viel Glück hat, dass der völlig freie Schuss nach guter Vorarbeit von Osei Kwadwo haarscharf am linken Pfosten vorbei pfeift. Während die Gastgeber nun also stärker wurden und durch die Umstellung auf drei Stürmer den Druck auf das Magdeburger Tor konstant hoch hielten, schickte Großaspachs Trainer Oliver Zapel seine Ersatzspieler vor dem Gästeblock zum Aufwärmen. Mittendrin: Sportfreund Timo Röttger, der sichtlich Spaß daran hatte, vom Gästeanhang lautstark ausgepfiffen zu werden und es sich seinerseits nicht nehmen ließ, gesten- und wortreich zu provozieren. Armselig, so ein Verhalten, aber vielleicht gehört das bei Spielern, bei denen es sportlich für die Startelf in der 3. Liga nicht mehr reicht, auch einfach zum Kompensationsprogramm. Man weiß es nicht.

Das Spiel wurde nun intensiver und so ein wenig konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass auch der Unparteiische langsam die Kontrolle über die immer verbissener geführte Partie verlor. Erinnerungen wurden wach an den letzten Auftritt in der mechatronik-Arena, in der nicht zuletzt auch ein heillos überforderter Nachwuchs-Referee seinen Teil zur ordentlich hitzigen Atmosphäre auf dem Rasen beitrug. Beleg der ingesamt durchwachsenen Leistung von Benjamin Bläser und seinem Team in diesem Spiel die vollkommen überzogene glatt rote Karte gegen Christian Beck in Minute 74: Im Stadion konnte sich zunächst niemand erklären, wie es zu dem Platzverweis gekommen sein soll; TV-Bilder zeigen, wie Beck, nachdem er von seinem Gegenspieler Kai Gehring vollkommen unnötig und heftig am Trikot gezogen wird, leicht nach hinten tritt und Gehrings Bein (wenn überhaupt) nur leicht streift. Glückwunsch an den Großaspacher in dieser Szene, für die er sich eine Oscar-Nominierung redlich verdient hätte. Wenn das eine rot-würdige Aktion war, müsste im Prinzip jedes Fußballspiel irgendwann abgebrochen werden, weil nicht mehr genügend Akteure auf dem Rasen stehen. Bleibt zu hoffen, dass der Deutsche Fußball Bund hier ausnahmsweise mal genau hinschaut. Es wäre jedenfalls nicht das erste Mal in dieser Saison, dass eine krasse Fehlentscheidung nachträglich wieder zurückgenommen wird.

Es galt von hier an also, die letzten 15, 20 Minuten zu zehnt zu überstehen und anders als noch gegen den F.C. Hansa Rostock die knappe Führung auch über die Zeit zu bringen. Im Vorwärtsgang befand sich jetzt eigentlich nur noch die SG Sonnenhof Großaspach; im Gästeblock schwankte die Stimmung zwischen angespannter Sprachlosigkeit und nervositätsentlastendem Gesang. Wie lange das wohl gut gehen würde?

Jens Härtel hatte zwischendurch Razeek für Ernst gebracht und wechselte in Spielminute 84 erneut, für den abermals starken Florian Kath kam Julius Düker in die Partie. Ebenjener Düker war es dann auch, der die Begegnung mit einer ganz starken Aktion in der Nachspielzeit entscheidet. Erst erläuft er einen Rückpass von Manfred Osei Kwadwo, hat Glück, dass Jeremias Lorch die Standfestigkeit verliert und auch der herauseilende Kevin Broll den Ball zwar erreicht, aber genau in Dükers Laufweg klärt. Statt nun den (naheliegenden) Weg in Richtung Eckfahne anzutreten und Zeit von der Uhr zu nehmen, entscheidet sich der Ex-Braunschweiger für den Zug zum Tor, behält am Ball die Ruhe und den Kopf oben, bedient den mitgelaufenen Jan Löhmannsröben und verdient sich den vielleicht großartigsten Assist-Punkt der laufenden Spielzeit, weil unsere Nummer 6 nur noch zum entscheidenden 3:1 einschieben muss. Das Spiel war damit durch, der Gästeblock am Ausrasten und auch die Mannschaft feierte ausgelassen eine riesige Energieleistung und die insgesamt nicht so ganz unverdienten, aber in jedem Fall unheimlich wichtigen drei Punkte. Und noch einer hatte Grund zum Feiern: In der 93. Minute betrat Lukás Novy den Rasen und durfte erstmals seit seinem Wechsel zur Saison 2015/2016 (!) für den 1. FC Magdeburg Punktspielluft schnuppern.

Nach dem obligatorischen Einklatschen mit der Mannschaft ging es dann wieder zurück auf die tiefe Wiese, die man in Großaspach „Gästeparkplatz“ nennt. Und als wäre der Nachmittag nicht so schon überragend genug gewesen, zeigte sich auch das Wetter – quasi symbolisch – von einer seiner schöneren Seiten:

letztes Aufgebot

Nun haben wir in Großaspach zwar keinen Topf voll Gold, aber immerhin drei Bigpoints auf dem Weg zur magischen 45-Punkte-Marke gesammelt. Und wer weiß schon, was nach dieser Partie am Ende des Regenbogens noch so auf uns wartet?

3 Kommentare

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