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„Feige Schweine“

DFB-Pokalspiel gegen die SGE

1. FC Magdeburg – SG Eintracht Frankfurt, DFB-Pokal 2016/2017, 1. Runde, 3:4 n.E. (0:1, 1:1)

Wenn man auf der Rückfahrt vom Spiel zweieinhalb Stunden im Stau steht, hat man ja viel Zeit zum Nachdenken. Zum Beispiel darüber, dass dieses Erstrundenmatch im DFB-Pokal eigentlich Stoff für mindestens drei ganz unterschiedliche Blogbeiträge geliefert hat. Da wäre zum einen die unsägliche mediale Begleitung vor und nun selbstredend auch nach dem Spiel. Es ist der Aussage unseres Trainers auf der Pressekonferenz im Anschluss an die Begegnung absolut zuzustimmen, wenn er sinngemäß sagt, dass einige Journalisten den Abpfiff vermutlich gar nicht mehr im Stadion erlebt haben, weil sie ja ihre Story längst hatten. Und ja, natürlich muss man in dem Zusammenhang auch über die Ereignisse kurz nach Beginn der 2. Halbzeit sprechen. Genauso wie aber auch über die Situation am Einlass und die Frage, wie und wann unser Verein eigentlich auf die großartige Idee kam, zu diesem Spiel lediglich einen einzigen Zugang zum „Sektor“ Nordtribüne zu öffnen. Schließlich wurde nebenbei auch noch ein wenig Fußball gespielt und hier hätten allein das Elfmeterschießen und die Abgezocktheit eines Leopold Zingerle einen eigenen Beitrag verdient. Wo also anfangen? Vielleicht einfach erst einmal beim Sportlichen.

Und das bestimmte über weite Strecken der Partie – erstaunlicherweise – der 1. FC Magdeburg. Ein Klassenunterschied war kaum zu erkennen und wenn, dann höchstens in den Kategorien „körperliche Härte“ und „Chancenverwertung“. Jens Härtel ging die Partie von der Aufstellung her erwartungsgemäß defensiv an und brachte vor Keeper Zingerle Nico Hammann, Moritz Sprenger, Steffen Puttkammer, Christopher Handke und Nils Butzen in einer Fünferkette. Davor agierte der an diesem Tag überragende Jan Löhmannsröben, ein kleines Stückchen weiter vorn spielte Niklas Brandt. Die Flügel wurden, wie schon in den vergangenen Partien, von Tobias Schwede und Manuel Farrona Pulido besetzt, im Sturmzentrum lief Ersatzkapitän Christian Beck auf. Der Club zeigte vom Start weg, wie er dieses Spiel würde angehen wollen: mit einem hohen Maß an Aggressivität, viel Laufbereitschaft, frühem Stören und schnellen Bällen wahlweise auf die Außen oder in die Spitze. In der 7. Minute schlug dann aber erst einmal der Bundesligist zu. Ein langer Ball aus der eigenen Hälfte findet Branimir Hrgota im Sturmzentrum, der spielt Christopher Handke schon bei der Ballannahme einen Knoten in die Beine, lässt Steffen Puttkammer aussteigen und kann dann mühelos zur Führung einschieben. Schön gemacht, aber auch katastrophal verteidigt.

Die Jungs auf dem Rasen beeindruckte dieser frühe Rückstand glücklicherweise wenig, die großartig aufgelegte Kurve gleich gar nicht. Es ging weiter fleißig nach vorn und bis zum Ende der ersten Hälfte war es fast ausnahmslos der Keeper der Gäste, der Gelegenheiten bekam, sich auszuzeichnen. Allerdings zielte beispielsweise Niklas Brandt in der 8. Minute mit seinem satten Schuss aus der 2. Reihe ein wenig zu hoch, fand Christopher Handke in Lukas Hradecky seinen Meister und suchte Manuel Farrona Pulido vielleicht ein, zwei Mal zu oft selbst den Abschluss, statt den besser postierten Nebenmann anzuspielen. So blieb es beim 0:1 zum Pausentee.

Kurz nach Wiederanpfiff dann die Szenen, die die Erinnerungen an diese Begegnung nun wohl nachhaltig prägen werden. In Reihen der Gäste, von denen Teile bereits vor dem Anpfiff mit einem mächtigen Böller und jeder Menge dummer, aggressiver Provokationen negativ auffielen, wurde Rauch gezündet, kurz darauf flogen dann auch schon die ersten Leuchtspuren in den voll besetzen Block 12 auf der Gegengerade. Und wie es dann immer so ist, dauerte es natürlich nicht lange, bis auch auf der Nordtribüne einigen Unverbesserlichen die Sicherungen durchbrannten (oder gerade nicht, was noch viel schlimmer wäre), das Fangnetz hochgehoben wurde und man Werbebanden umtretend und Stühle werfend auf dem Platz stand.

Im Block wird später der Ausdruck „feige Schweine“ fallen, gemeint waren natürlich die Frankfurter und ihre Leuchtgeschosse. Allerdings kann man sich schon auch fragen, was sich eigentlich unsere sportliche Fraktion so denkt, wenn sie erst mit großer Geste auf den Platz purzelt, nur, um in dem Moment, in dem der erste Polizeihelm um die Ecke kommt, die Beine in die Hand zu nehmen und wieder im Block zu verschwinden. Mir wird ja in diesem Leben ohnehin nicht mehr in den Kopf gehen, wie man es für eine gute Idee halten kann, sich eine Sturmhaube in den Vereinsfarben überzuziehen und über den Zaun in den Innenraum zu klettern. Wenn man sich dann aber schon dazu entschieden hat, seinem Verein richtig nachhaltig zu schaden, und das hat man in dieser Szene definitiv, braucht man auf den letzten Metern den Schwanz auch bloß nicht mehr einzuziehen.

Für eine ausführlichere Betrachtung der Geschehnisse, die ohne die Verwendung jeder Menge wüster Schimpfwörter auskommt, bin ich im Moment noch deutlich zu aufgebracht. Sicherlich wird es in dieser Woche an der einen oder anderen Stelle noch tiefgründigere Nachbetrachtungen geben. Für den Moment schließe ich mich erst einmal der Einschätzung von MZ-Redakteur Daniel George an, der die Sache hervorragend auf den Punkt bringt:

Ein weiteres Statement, das in weiten Teilen meine Zustimmung findet und auch kritisch in den Heimbereich blickt, gibt es auf Twitter bei @slaukopp nachzulesen.

Nach einer elfminütigen Unterbrechung ging es dann weiter und ich bin ganz ehrlich: So richtig Bock auf Fußball hatte ich eigentlich nicht mehr. Auch der Support der Mannschaft fiel zunächst schwer – wie soll man nach diesen Szenen auch einfach so wieder zur Tagesordnung übergehen? Den Jungs auf dem Rasen ging es offensichtlich ähnlich: Der Schwung war weg, die (sportliche) Aggressivität irgendwie in der Kabine geblieben. Wenn das der Plan der Frankfurter Kurve war (falls Menschen, die andere Menschen mit Feuerwerkskörpern beschießen, überhaupt so etwas wie einen Plan fassen können), ging er zunächst erst einmal auf und war es Nico Hammann zu verdanken, dass die Vollidioten damit zunächst nicht durchkamen: In der 87. Minute holt er endlich mal wieder den Hammer raus und bringt einen Freistoß aufs Tor, der noch abgefälscht in den Maschen landet und den Größten der Welt den überhaupt nicht unverdienten Ausgleich beschert.

Jetzt war – im positiven Sinne – wieder Stimmung in der Bude, das Stadion (akustisch) am Kochen und der 1. FC Magdeburg drauf und dran, die Sache in der regulären Spielzeit zu seinen Gunsten zu entscheiden. Nach einem Traumpass vom eingewechselten Gerrit Müller scheitert aber zunächst (95.) der ebenfalls eingewechselte Tarek Chahed am überragenden Lukas Hradecki, in Spielminute 99 ist es Christian Beck, der völlig frei vor dem Tor auftaucht, den Ball nur schieben muss, ihn aber mit ordentlich Wucht ebenfalls auf den Frankfurter Keeper bringt. Unfassbar eigentlich, solche Situationen löst unsere Nummer 11 normalerweise mit verbunden Augen. Verlängerung also.

Auch in den 30 Bonusminuten lief, abgesehen von einer Riesengelegenheit für Alex Meier (Pfosten, 104.) eigentlich alles für den Club: Nach 100 Minuten darf Hector vorzeitig duschen gehen, nach 105 Minuten muss es eigentlich erneut 2:1 für die Guten stehen, allerdings bringt Christian Beck den Ball abermals nicht über die Linie. Was man nun spätestens im zweiten Abschnitt der Verlängerung auch merkte: Das Spiel hatte auf beiden Seiten Kraft gekostet, man tat sich nicht mehr groß weh und so musste das Elfmeterschießen die Entscheidung bringen.

Elfmeterschießen. Das hässliche, eitrige Furunkel am Hinterteil eines jeden K.O.-Spiels und noch dazu eins, das im Heinz-Krügel-Stadion in der letzten Zeit irgendwie immer nur den Gegnern zum Vorteil gereichte. So auch diesmal, wenngleich es Leopold Zingerle im Kasten der Blau-Weißen nach Fehlversuchen von Steffen Puttkammer und Gerrit Müller mit zwei sauber gehaltenen Schüssen noch einmal ordentlich spannend machte. Weil aber auch Jan Löhmannsröben vergab und es Guillermo Varela mit dem letzten Schuss besser machte, steht nun die Frankfurter Eintracht in der zweiten Pokalrunde – ohne so richtig zu wissen, warum eigentlich. Aber: So ist das eben im Fußball. Wenn Du gegen einen Bundesligisten im Pokal die Chancen hast, musst Du sie einfach auch nutzen. Tust Du es nicht, guckst Du am Ende eben in die Röhre und Pokalrunde 2 dann halt auf der Couch. Ärgerlich.

In den nächsten Tagen wird nun wohl vor allem die elfminütige Spielunterbrechung in den Redaktionsräumen verschiedener Medien für feuchte Hände und ein Leuchten in den Chefredakteur*innen-Augen sorgen. Ich habe da überhaupt gar keine Lust drauf, weil man das halt einfach alles (leider!) schon ungefähr 1.000 Mal gelesen hat und den Eindruck nicht los wird, dass bei solchen Spielen die Texte immer schon halb vorbereitet in den Schubladen liegen. Und dann gibt es doch tatsächlich immer wieder irgendwelche Trottel, die dafür sorgen, dass diese Vorlagen dann auch zum Einsatz kommen. Es ist zum Kotzen.

Davon abgesehen, stellt sich für mich nun viel eher die Frage, was man sportlich mit einem solchen Pokalauftritt anfängt. Klar, man hat sehr gut gespielt, hervorragend gekämpft und sich den Applaus von den Rängen nach dem Abpfiff mehr als redlich verdient. Nur: Man hat auch 120 Minuten in den Knochen, genau wie ein weiteres verlorenes Elfmeterschießen, und steht am Ende mit leeren Händen da. Nicht ganz einfach für den Kopf, was sicherlich auch für Christian Beck und seine zwei Riesenchancen gilt, das Spiel zu entscheiden. Hoffen wir, dass er im Nachgang der Partie jetzt nicht übermäßig zu grübeln beginnt. Und dann hat man am kommenden Freitag die nächste Liga-Aufgabe vor der Brust, die „MSV Duisburg“ heißt und alles andere als einfach wird.

Wie die Mannschaft das alles wegsteckt, werden wir spätestens am 5. Spieltag sehen, wenn wir unter Flutlicht um die nächsten 3 Punkte für den Klassenerhalt kämpfen. Was Umfeld, Verein und Verband aus diesem Erstrundenmatch machen, steht derweil noch einmal auf einem ganz anderen Blatt. Eins ist ganz sicher: es wird in jedem Fall eine interessante Woche.

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*Update: Die @naja_xaoticca hat das Spiel im Gästeblock verfolgt und schildert nachfolgend ihre Eindrücke von der Begegnung und dem Drumherum aus Eintracht-Perspektive. Vielen Dank dafür!*

„Zunächst rechtfertigt nichts, Raketen in einen anderen Block auf Menschen zu werfen. Das möchte ich klarstellen. Eine selten dämliche Aktion, die für die Eintracht und die Fans zu Recht unangenehme Folgen haben wird.

Für mich waren diese Hooligans vom BFC direkt neben dem Block allerdings eine höchst befremdliche Angelegenheit. Alles muskelbepackte Glatzen, gut positioniert am Zaun. Und vor allem wohl mit den Ordnern gut vertraut. Ich habe die erst wegen der blauen Shirts für Anhänger vom FCM gehalten. Interesse für den Spielverlauf war nicht vorhanden. Da war alles auf Provokation ausgerichtet. Es wurde auch „Jude, Jude“ oder „Zigeuner“ (habe ich allerdings nicht selbst gehört) gerufen. Die haben Beschimpfungen wie „Nazischweine“ so sehr als Kompliment gefeiert, dass ich lieber still war. Solche Erlebnisse sind mir bis jetzt erspart geblieben. Dank der Vorfälle wird es auch keinen mehr interessieren oder gar aufarbeiten. Deshalb liegt mir daran, dies zu erwähnen.

Ob diese Provokation jetzt zu den Raketenwürfen führte, ist eine Spekulation, die ich auch für gefährlich halte, weil es eher eine Ausflucht ist. Immerhin hatte man die Teile dabei und wollte sie einsetzen. Nicht auszudenken, wenn es Verletze gegeben hätte.

Der Support beim FCM war klasse. Diese dämliche Aktion hat bei sehr vielen im Eintracht-Block Verärgerungen hervorgerufen, dass vielen die Lust vergangen ist, sich zu beteiligen.

Organisatorisch war alles super. Alles, was im Vorfeld geschrieben wurde, hat sich – wie ich es mir schon dachte – als Panikmache herausgestellt. Bei manchen Leuten las sich das eher nach einem Besuch im Krisengebiet. Trotz dieser Vorfälle gab es keine Schikane, wie noch ewig nicht aus dem Block gelassen zu werden. Ansonsten war es halt recht eng im Block, aber keinesfalls so schlimm wie in dem Vice-Artikel beschrieben. Schlimmer war es bisher im Stehblock in Hoffenheim oder bei der Relegation in Nürnberg. Ich war zweimal von ganz oben draußen, mit ein bisschen resolutem Auftreten kein Problem. Aber so wird man halt auf keinen Fall Vice-Autorin.

Auch spielerisch ist alles in den Hintergrund geraten. Nur hatte ich schon – wie so oft bei der Eintracht – bei der frühen Führung kein gutes Gefühl. Insgesamt ist mit der neu zusammengewürfelten Mannschaft noch Luft nach oben, nicht eingespielt und gerade die Defensive noch sehr verbesserungswürdig.

Die Saison wird schwer werden. Die Strafen werden zu neuen Vorfällen führen und die wieder zu neuen Strafen. Ich erwarte da nichts Gutes.

Vielen Dank für Dein Interesse. Ich wünsche dir noch eine gute Saison. In deinen Blog werde ich auch mal wieder reinschauen.“

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