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Der FCM in Liga 2 – Eine Spieltagsauswahl mit persönlichem Rückblick

xian_md

Ein Gastbeitrag von @xian_md

Ein Jahr zweite Liga mit dem Club ist rum. Für mich gefühlt die kürzeste Saison seit langem. Es sind so viele Dinge passiert, Veränderungen in einem Maß, wie wir sie als Clubfans seit Jahren nicht erlebt haben. Vorbei die Zeiten des ewigen Hurra seit Offenbach. Wir gewinnen nicht mehr jedes Spiel. Wir haben Umbrüche in der Mannschaft und im Trainerstab. Es gibt Reibung und die spürt und sieht man. Die zweite Liga geht anders.

Kiel, Montag, 3.9.2018

Danke, DFL, für diese Ansetzung. Die Wut ist eh schon groß nach diesem Beschiß im Heimspiel gegen Ingolstadt. 2 Tore – echt jetzt? Egal, das Wetter ist gut, um 12 mache ich Feierabend. Auf zum Bahnhof, treffen mit meinem Kumpel und ab nach Kiel. Dort vom Bahnhof zu Fuß zum Stadion. Sonnenschein, reichlich Zeit bis zum Spiel, viele Kleber dabei, um in Kiel Spuren zu hinterlassen. Vor dem Spiel bin ich optimistisch, gegen die Ingos war das gut, das muß heute klappen. Wir holen uns den ersten Dreier in Liga 2. Im Block angekommen, bin ich irritiert. Irgendein Pfeifenzeisig leuchtet mit ’ner Flutlichtanlage den Block aus. Ernsthaft jetze? Zum Glück geht das Licht noch vor dem Anstoß aus. Keine Ahnung, was das sollte.

Auf dem Platz debütiert Brégerie. Und mir gefällt er richtig gut. Leider muß er in Halbzeit 2 verletzungsbedingt runter. Und tatsächlich, der Club geht auswärts in der 65.!!! Minute in Führung. Geiler Scheiß, das wird heute was. Im Nachgang werde ich im Planet MD lesen, daß das Spiel heute das mit der geringsten Zahl an Auswärtsfahrern der Saison sein wird. Es fühlte sich aber nicht so an. Brachial, was der kleine Gästeblock hier auf ’nen Montagabend abfeuert. „Wir war’n noch niemals in Paris, wir war’n noch niemals in Madrid“ im Wechselgesang. So muß das! Das Spiel geht 2:1 verloren. Warum? Weil der Schiri ein Foul am Ex-Magdeburger Kinsombi sieht, was im Leben keins ist. Weil Fejzic lausig hält bzw. es nicht tut. Weil ein Spiel 90 Minuten dauert und wir hier ein Muster präsentiert bekommen, was sich noch häufig in dieser Saison zeigen wird. Die Schlußviertelstunde ist nicht die Zeit für Clubfans. Außer in Hamburg. Aber das wußte ich an diesem Spieltag noch nicht. Ich habe Hoffnung, das wird schon noch.

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Hamburg, Samstag, 22.12.19

Die Hinrunde ist gespielt, das letzte Spiel vergangenen Montag in Köln. Was für ein geiles Ding! Das Müngersdorfer komplett inn Duttn gesungen. Das erste mal für mich mit dem Club in ’nem proppevollen Bundesligastadion. Es gab zwar 3:0 sportlich auf’s Maul, auf den Rängen gab’s aber nur einen Sieger. Kölner Fans im Nachbarblock provozieren die Clubfans nach Abpfiff, Asoziale, alles Asoziale, Ordner sagt da nichts… Du sollst keine Clubfans ausfeiern, wenn du 3:0 gewonnen hast. Grüße an den Bud Spencer im Nebenblock.

Ich bin in Mähren, bei der Familie meiner Frau, Weihnachten steht vor der Tür. Der Wecker klingelt um 5 Uhr morgens. Ich packe meine Sachen, ab ins Auto. Von Brno nach Bratislava, weiter nach Wien zum Flughafen. Im Flieger sitzt gegenüber in der Sitzreihe ein Typ mit Bomber, Hoddie, Jeans, New Balance. Blicke treffen sich. Woher? Wohin? Er stellt sich als HSV-Fan heraus, er wünscht mir Glück gegen den Stadtrivalen, will weiter nach Kiel. Ich wünsche ihm ebenfalls Erfolg. Was wir beide noch nicht wissen: der FCM und der HSV werden heute verlieren. Und ihre Saisonziele verfehlen.

Am Stadion angekommen, übermäßige Polizeipräsenz. Wasserwerfer, Wannen, Schildkrötenalarm, alles dicht. Also rein in den Gästeblock. Irgendwie sieht mir das heute von der Mischung her komplett anders als aus als gegen Köln. Dort an ’nem Montag viele Clubfans mit Bock auf Support und Wahnsinn. Heute hat das eher was von Butterfahrt, ich entdecke sogar blau-weiße Sitzkissen. Es riecht nach Event. Nun ja.

Zum Spiel: Wer einen Marvin Knoll in der Mannschaft hat, der braucht nichts zu fürchten. Erinnerungen an das Hinspiel. Nehrig in seinem letzten Spiel für Pauli überragend. Der Club trotzdem besser im Spiel, Chancen sind da, nur wir machen sie nicht rein. Auch ein Muster, welches sich in der Saison häufiger zeigt. Chancen nicht nutzen, bei Standards offensiv und defensiv zu harmlos. Und St. Pauli gnadenlos effektiv. Resultat: 4:1 gegen uns.

Nach dem Abpfiff passieren Dinge, wo ich Puls kriege. Die Freundin meines Kumpels rennt panisch auf mich zu. Unter der Tribüne knallt’s, es wird Reizgas eingesetzt, rote Augen, Enge, Orientierungslosigkeit. Die Staatsmacht demonstriert ihre Interpretation von Verhältnismäßigkeit. Wer hier angefangen hat, ist mir in dem Moment komplett egal. Ich hab‘ ’ne bibbernde Frau an meinem Arm, die mich bittet, sie nicht allein zu lassen. Wir warten im Block an der frischen Luft. Langsam beruhigt sich die Lage, wir machen uns auf den Weg zum Ausgang. Überall Bullen. Ich sehe unseren Vorsänger, wie er einen Clubfan versorgt, der wohl ’ne Ladung Reizgas abbekommen hat. Wir kommen nicht mehr weiter, sollen alle gesammelt in Richtung HBF abgefahren werden. Es nieselt. Ich verabschiede mich, will noch Magdeburger Freunde im Hamburger Exil treffen und dann zum Flughafen. Ich habe viel Zeit und lese auf Twitter jede Menge Dummfug von St.-Paulianern, Sky-Zuschauern, Menschen mit viel Meinung und nicht so viel Ahnung. Über unser Verhalten, Nazis, Gewaltverzicht, blablabla… Die Moralkeule wird geschwungen. Kommt erstmal selber klar mit eurer Süd und der Gegengerade. Twitter aus, Tetris an, ich habe keinen Bock mehr auf das Gelaber.

Was bleibt? Ein verkorkster Start in die Rückrunde. Aber trotzdem Hoffnung. Neuer Trainer, Winterpause, Trainingslager, mögliche Neuzugänge und dann wird das schon was mit dem Klassenerhalt. Druck ist da, denn wir spielen sehr bald gegen die Mannschaften, die ebenfalls im Tabellenkeller stehen. Wir brauchen also schnell Lösungen.

Zurück in Brno ungeduscht ins Bett. Ein Kuß von nebenan. „Schön, dass du da bist.“ Und dann ist Weihnachten.

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Zeliv, Freitag, 29.3.2019

Wie hart ist das! Der Club hat Heimspiel und ich muß zu einer Hochzeit. Es ist das erste Spiel nach dem Beginn der Sanierungsarbeiten der Nord. Und ich bin nicht dabei, die Dauerkarte geht an eine Arbeitskollegin. Alles Reden mit meiner Frau war sinnlos, Zwischenübernachtung in Magdeburg abgelehnt. Daher umdisponieren. Frühe Anreise sichert ggf. noch ein entspanntes TV-Erlebnis am mobilen Endgerät. Die Hochzeit findet in einem Kloster in Tschechien statt. Es gibt W-LAN, durch die fast meterdicken Wände kommt aber null Signal im Zimmer an. Toll. Und Kind Nr. 2 hat 3-Monats-Koliken, Frau ist kollossal genervt. Zum Anpfiff schnappe ich mir den Neugeborenen in einem Tragetuch, zwei Bier und dackele Richtung Lobby. Dort ist das Signal gut. Ich renne Sky schauend die Lobby auf und ab.

Es geht um so viel in dieser Partie. Die letzten drei Spieltage waren ergebnistechnische Katastrophen. Es ging gegen Mannschaften aus dem Tabellenkeller, so genannte 6-Punkte-Spiele. Wir liefern die Zähler aber bei Sandhausen und Duisburg brav ab. Auch Dynamo, die wir noch in den Abstiegskampf verwickeln konnten, nehmen wir nach eigener Führung nur einen Punkt ab. Obwohl wir die spielbestimmende Mannschaft waren. Ohne Beck wird unser Offensivproblem offenkundig. Und dann ist da noch die Schlußviertelstunde…

Darum ist dieses Spiel heute so wichtig. Wir brauchen Punkte, damit wir nicht vollends unten drin stehen. Aktuell sind wir noch auf einem Relegationsplatz. Und das Muster wiederholt sich. Viel Ballbesitz, gute Aktionen nach vorne, aber ohne Ertrag. 0:0 zur Pause, ich bin optimistisch. Meine Biere sind alle. Ich hole in der Pause Nachschub, frisch gezapft aus der Bar nebenan. Wenigstens was. Halbzeit 2 dann Heidenheim irgendwie komplett neben sich. Schmidt – sonst die Ruhe in Person – sieht man die Unzufriedenheit an. In Minute 73 dann Heidenheim nur noch zu zehnt – hier muß doch was gehen! Diese Ohnmacht aus der Ferne ist kaum auszuhalten. Die Empfangsdame schaut mich komisch an. Dann Foul an Bülter in der 90. Minute – Elfer für den Club. Ich stehe komplett unter Strom, bin bereit zu eskalieren und hier ein blau-weißes Wochenende in der Ferne zu feiern. Lohkemper tritt an – Heidenheims Keeper hält. WTF!!! Ich eskaliere, wieder Blicke von der Empfangsdame. Wie kann man nur so dämlich sein? Warum Club, warum? Was ist los mit dir? Wo ist ein Türpitz, wenn man ihn braucht? Ach ja – ausgewechselt. In der 65.!!! Minute… Ach ja… 21:10 Türschüsse, 61% Ballbesitz, 11:1 Ecken, 20 Minuten in Überzahl, Elfer… und dann gewinnst du dieses Spiel nicht?

Nach diesem Spieltag war für mich die Saison gelaufen. Wir waren noch auf einem Relegationplatz, so weit, so gut. Aber der Blick auf das Restprogramm im Vergleich zur Konkurrenz verheißt nichts Gutes. Nach diesem Spieltag habe ich den Glauben an den Klassenerhalt aus eigener Kraft verloren. Und dann kam das, was man mit Menschen, die emotional am Abgrund stehen, nicht machen soll: Ihnen Hoffnung geben. Hallo HSV, Hallo Fürth.

[…]

Die Saison ist vorbei. Ich bin um Jahre gealtert durch das Hoffen und Verzweifeln. Wir haben neue Stadien gesehen und Support in einem Stil geliefert, der koordinativ in dieser Größenordnung Neuland war. Es gab Widerstände in großem Ausmaß – besonders durch die Polizei, Veränderungen durch die Liga, die Mannschaft, den Verein, das Stadion. Ob ich mich auf die 3. Liga freue? Nicht so richtig. Worauf ich mich aber freue sind all die vertrauten Gesichter und Menschen rund um den FCM und das gemeinsame Erlebnis Fußball mit all seinen Begleiterscheinungen rund um den Spieltag. Und dieses Erlebnis korreliert nicht mit der Zugehörigkeit zu einer Liga.

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