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Das Ende einer Ära

Christian Beck steht mit gesenktem Haupt auf dem Platz

Es war klar, dass dieser Tag irgendwann kommen würde. Für die zugehörige Meldung hätte ich mir allerdings eine andere Überschrift gewünscht. So etwas wie: „Christian Beck beendet seine aktive Karriere, bleibt dem 1. FC Magdeburg aber in anderer Funktion erhalten“. Stattdessen hieß es: „Vertrag von Christian Beck wird nicht verlängert. Stürmer erzielte 148 Tore seit 2013“. So nüchtern, so trocken liest sich das also, wenn eine Ära endet.

Was ist faktisch eigentlich passiert? Becks Vertrag läuft, genau wie die Arbeitspapiere einiger seiner Kollegen, am 30.6.2021 aus. Seit dem Jahreswechsel spielt der ehemalige Kapitän sportlich im Prinzip keine Rolle mehr, nach dem 9.1.2021 kommt er nur noch auf insgesamt 178 Einsatzminuten in 20 Partien (im Vergleich zu 921 Minuten in den ersten 16 Begegnungen der Saison). In der Startelf stand er das letzte Mal beim 1:1 gegen den KFC Uerdingen am 18. Spieltag, unter Christian Titz spielte Christian Beck gar nur noch 126 Minuten (davon allerdings gegen Duisburg 57 am Stück). Kurzum: Es braucht keinen Fußballlehrer*innen-Schein, um zu erkennen, dass die sportliche Leitung in der Offensive auf andere Akteure setzt – und das erfolgreich, wie die Bilanz von zuletzt neun Siegen in elf Partien zeigt.

Nüchtern betrachtet, ist es also aus der Perspektive von Otmar Schork und Christian Titz, die den Kader für die neue Spielzeit planen, vollkommen legitim, Christian Beck keinen neuen Vertrag anzubieten. Warum Geld für einen Spieler ausgeben und einen Kaderplatz besetzen, wenn von vornherein klar ist, dass dieser Spieler in der aktuellen Konstellation keine Aussicht auf Einsatzminuten hat, weil der Trainer, so traurig das ist, nicht mit ihm plant? Dazu kommt, dass Beck selbst irgendwann mal irgendwo zu Protokoll gegeben hat, noch zwei Jahre Fußball spielen zu wollen. Wäre es vor dem Hintergrund fair, ihm einen Vertrag für die Tribüne zu geben?

Sportlich ist die Sache also im Prinzip recht einfach und für mich persönlich kein Grund, Gift und Galle über den Verein auszukippen. Es ist eine harte Entscheidung, ohne jede Frage, aber eben eine, die man durchaus so treffen und auch legitimieren kann. Ob sie richtig ist? Keine Ahnung. Seriös beurteilen können werden wir das alle erst in der kommenden Spielzeit.

Emotional liegt die Sache freilich komplett anders.

Die Entscheidung, die Wortwahl bei der Kommunikation und die Begründung seitens der sportlich Verantwortlichen markieren definitiv eine Grenze, und zwar in mindestens dreifacher Hinsicht. Mit Christian Beck lässt der 1. FC Magdeburg die Identifikationsfigur seit dem Mauerfall ziehen. Bzw. korrekter: Mit Christian Beck gibt der 1. FC Magdeburg der Identifikationsfigur seit dem Mauerfall den Laufpass. Es kommt zwar immer mal wieder vor, ist im bezahlten Fußball aber wirklich selten geworden, dass ein Spieler einem Verein durch unterschiedliche Phasen hindurch, in unterschiedlichen Ligen, nach Aufstiegen und einem Abstieg und trotz gut dotierter Angebote höherklassiger Klubs die Treue hält. Ich meine, achteinhalb Jahre! Drei Ligen!

Es gibt Clubfans, die kennen den 1. FC Magdeburg ohne Beck gar nicht. Und ich lege mich fest: So einen wie ihn, der den FCM über diese lange Zeit gelebt, verkörpert und geprägt hat, wird es so schnell nicht wieder geben. Das klingt jetzt unfassbar pathetisch, stimmt aber, glaube ich: Der FCM war in den letzten Jahren ein Stück weit Christian Beck und Christian Beck ganz sicher ein ganz großes Stück FCM. Der 30.6.2021 markiert in diesem Sinne also die Grenze zwischen einem „Vorher“ und einem „Nachher“, zwischen der Zeit mit und der Zeit nach Christian Beck. Da geht schon ein gutes Stück Identifikation verloren, was jetzt nicht gerade dazu beiträgt, den Prozess der Entfremdung seit der Entlassung von Stefan Krämer entscheidend umzukehren. Und ja, das tut für den Moment gerade noch ziemlich weh. Ist doch klar.

Mit dem feststehenden Abschied endet außerdem final und unwiederbringlich die großartige Geschichte einer eingeschworenen Truppe, die den 1. FC Magdeburg aus den Niederungen des Amateurfußballs zurück ins bundesdeutsche Rampenlicht geführt hat. Im Prinzip ist das ja irgendwie auch so ein Fußball-Märchen, das wir unseren Enkelinnen und Enkeln noch erzählen und das wir so vielleicht nie wieder erleben werden. Ich glaube, für so eine Phase mit so einem gewachsenen Team kann die 3. Liga nicht die Basisstation sein; das funktioniert wahrscheinlich nur, wenn man unterhalb des Profifußballs ganz in Ruhe aufbauen kann und dann mit einem starken „Wir“-Gefühl gemeinsam höherklassig angreift.

Christian Beck war der letzte noch verbliebene Akteur, der bereits in der Regionalliga die Knochen für den Club hingehalten hat. Er hat in seinen achteinhalb Jahren hier alles erlebt, die eigene Demontage durch den jetzigen Geschäftsführer Finanzen inklusive. Das reicht eigentlich alles für mindestens mal zwei Fußballerleben. Ich erinnere mich jedenfalls noch gut daran, was das damals für ein Gefühl war, als wir gegen den FC Rot-Weiß Erfurt das erste Punktspiel nach dem Aufstieg in die 3. Liga spielten: Wir alle gemeinsam, Team und Fans, gegen den Rest der Welt, und Christian Beck mittendrin, Drittliga-Premierentor gegen den Heimatverein inklusive. Ach ja, solche Geschichten …

Jedenfalls verabschiedet sich mit Christian Beck für mich ganz persönlich das letzte Stückchen dieses „Wir“-Gefühls; in Zukunft wird für mich deutlich weniger Fußballromantik durch das Heinz-Krügel-Stadion wehen. Auch das, klar, ist irgendwie der Lauf der Dinge, schließlich endet alles mal irgendwann. Trotzdem bleibt eine gute Portion Wehmut zurück, gepaart mit Erinnerungen an eine wahnsinnig intensive Zeit, die eben ganz stark und zuletzt vor allem mit dem Namen Christian Beck verbunden war.

Naja, und zum guten Schluss markiert der Abschied unserer Nummer 11 auch mit Blick auf den Verein eine finale Zeitenwende, womit ich noch einmal auf die Meldung zur unterbleibenden Vertragsverlängerung nebst sportlicher Begründung zurückkomme. Der Text, hier noch mal nachzulesen, ist letztlich ja einfach nur Ausdruck des eiskalten Profifußballgeschäfts. Lesen könnte man das Ganze nämlich auch als „Es reicht für Dich sportlich einfach nicht mehr, dankeschön, tschüss!“. Da menschelt nichts, da wird eben knallhart entschieden. „Bestenauslese“, wenn man so will, alles für den sportlichen Erfolg, auf Einzelschicksale kann da halt keine Rücksicht genommen werden. Auch diese Erkenntnis versetzt mir einen Stich ins Herz, bestärkt mich aber noch mal in dem Gefühl, dass mit dem Abgang von Beck deutlich mehr endet als einfach nur der Vertrag eines Lizenzspielers.

Neben den Dingen, die zu Ende gehen, gibt es natürlich aber auch vieles, das bleibt. Und ich wünsche mir sehr, dass es mittel- und langfristig vor allem die vielen schönen, spektakulären, emotionalen, adrenalingeladenen Momente sind, über die wir reden und die wir in Erinnerung behalten. Ich bin jetzt über 20 Jahre Fan dieses Vereins und kann mich an keinen Spieler erinnern, der sich – vollkommen zu Recht! – so einen Legendenstatus erspielt hat wie Christian Beck. Ich denke, die Zahlen sprechen für sich, und das sollten sie auch hier tun:

  • Landespokalsieger 2013, 2014, 2017, 2018
  • Regionalligameister 2015
  • Drittliga-Aufsteiger 2015
  • Zweitliga-Aufsteiger 2018
  • Torschützenkönig der Regionalliga Nordost 2013/2014 und 2014/2015
  • Torschützenkönig der 3. Liga 2016/2017
  • Schütze des „Tors des Monats“ im November 2017 und im Februar 2018
  • 301 Spiele für die Größten der Welt
  • 130 Tore
  • 53 Vorlagen

Christian, auch wenn das jetzt komisch klingt, weil’s ja doch einiges an Text war: Deine Bedeutung für den 1. FC Magdeburg können weder Zahlen noch Worte adäquat beschreiben. Am Ende bleibt viel Wehmut, es bleiben schöne Erinnerungen an eine geile Zeit und es bleibt vor allem Dankbarkeit, einen so integren Spieler wie Dich im Trikot meines Herzensvereins erlebt haben zu dürfen.

Danke für alles, Christian Beck! Danke, Legende!

Christian Beck steht mit gesenktem Haupt auf dem Platz

(c) Norman Scholz

 

7 Kommentare

  1. Pingback: Ein Spiel, zwei Perspektiven: KFC Uerdingen (A) - nurderfcm.de

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