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Zu dünn

Chemnitzer FC

Chemnitzer FC – 1. FC Magdeburg, 5. Spieltag, 0:0 (0:0)

Was für ein großes Glück, dass Alexander Brunst im Magdeburger Tor an diesem 16. August 2019 einen Sahnetag erwischt hatte. Und was für ein insgesamt schwacher Auftritt des 1. FC Magdeburg beim Chemnitzer FC. Waren die Jungs von Chefcoach Stefan Krämer in der ersten Halbzeit wenigstens noch das bessere und deutlich bestimmendere Team, entwickelte sich im zweiten Durchgang ein Spiel auf Augenhöhe, in dem die Gastgeber von der Gellertstraße die deutlich besseren Chancen (oder präziser: überhaupt Chancen) hatten und sich wahrscheinlich immer noch wundern, wie es vor diesem Hintergrund nur zu einem Punkt reichen konnte. Das war schon sehr schwere Kost, die der Club dem gut gefüllten Gästeblock und den Menschen an den Empfangsgeräten auftischte. Und klar, natürlich verteidigte der Chemnitzer FC den eigenen Strafraum phasenweise mit zwei Fünferketten. Nur braucht man dann eben Ideen und wenn die ausbleiben, wird es auch gegen einen Gegner, der einem im Normalfall nicht allzu viel Angst machen muss, ganz, ganz schwer.

Gegenüber dem starken Auftritt im DFB-Pokal gegen Freiburg veränderte Stefan Krämer seine Anfangself lediglich auf einer Position: Für Morten Behrens kehrte Alexander Brunst ins Tor zurück. Die Viererkette bestand demnach erneut aus Timo Perthel, Tobias Müller, Jürgen Gjasula und Dominik Ernst, auf der Doppelsechs agierten Thore Jacobsen und Charles Elie Laprevotte. Vorn begannen Manfred Osei Kwadwo diesmal links und Sören Bertram rechts (in der zweiten Hälfte tauschten beide dann die Seiten), in der Mitte sollten die Impulse von Mario Kvesic ausgehen. Kapitän Christian Beck gab den Mittelstürmer.

Viel Kontrolle, kaum Ertrag

Mit der Begegnung gegen Freiburg hatte das Team die Messlatte, an der man Spielkultur, Einsatz und Leidenschaft ablesen kann, einigermaßen hoch gelegt und zumindest in der Anfangsphase waren Selbstvertrauen und Selbstverständnis auch gut zu sehen. Bereits nach fünf Minuten hatte Sören Bertram die Gelegenheit zum 1:0, als er sich an der Strafraumkante sehenswert durch die Verteidigung dribbelte und den Abschluss suchte, der allerdings bei Jakub Jakubov im Chemnitzer Tor landete. Bekommt Bertram in der Szene noch den Kopf gehoben und sieht Kwadwo zu seiner Linken, ist das ein sicheres Tor.

Nach dieser Aktion passierte in der ersten Viertelstunde nicht mehr furchtbar viel und entwickelte sich die Partie etwa folgendermaßen: Hin und wieder hatte der Chemnitzer FC Ballbesitzphasen, im Großen und Ganzen war aber der Club am Drücker, schob sich das Spielgerät im Stile einer Handballmannschaft um den CFC-Strafraum herum zu und suchte die Lücke, fand sie aber nicht. Warum? Weil das alles ziemlich statisch und für engagiert verteidigende Chemnitzer leicht auszurechnen war.

Nach 15 Minuten dann mal der Versuch, schnell und direkt zu spielen: Dominik Ernst wird auf seiner rechten Seite von Mario Kvesic mit einem schönen Anspiel in die Tiefe geschickt, erhält den Ball im Strafraum hinter der Abwehrkette und zieht aus sehr spitzem Winkel einfach mal ab. Ob das ein Torschuss oder eine Hereingabe war, lässt sich nicht sicher sagen, in jedem Fall geht der Ball nicht aufs Tor, sondern ins Seitenaus und kam vorher Sören Bertram in der Mitte nicht rechtzeitig hin. So konnte es aber gehen, nur leider ergaben sich diese Szenen insgesamt nicht häufig genug und wenn doch, fehlte eben die letzte Präzision.

So um die 23. Minute herum wachten dann auch die Heimfans ein wenig auf, was gleich mal zu Szenenapplaus aus dem Gästeblock führte. Etliche Fanclubs und Gruppen aus Chemnitz hatten im Vorfeld der Partie zum Boykott aufgerufen, sodass die Fankurve doch einigermaßen licht aussah, aber auch nicht komplett leer blieb. Inwiefern das nun eine Aussage in Richtung “Zusammenhalt im Verein” ist, lässt sich von außen und recht weit weg nicht seriös beurteilen; stimmungstechnisch kam aus dem Heimbereich jedenfalls kaum etwas, was vor dem Hintergrund der abstrusen Ereignisse dort in Sachsen aber auch nicht verwundern kann. Bevor es hier aber um Dinge geht, bei denen aus Magdeburger Perspektive der letzte Durchblick fehlt, widmen wir uns lieber wieder dem Sportlichen.

Ab der 25. Minute machten nämlich auch die Gastgeber mit und kamen zu einem ersten Abschluss nach einem schnellen Freistoß. Der Ball ging allerdings links am Tor vorbei. Nach 33 Minuten schließlich die erste Aktion, in der Alexander Brunst erstmals ernsthaft eingreifen musste: Der sehr, sehr gefällige Tarsis Bonga wird im Mittelfeld angespielt und slalomt sich so übers Feld, lässt Timo Perthel aussteigen, verschafft sich Platz und visiert mit seinem Schuss aus 18 Metern den Magdeburger Schlussmann an, der sicher hält. Das sah schick aus, passierte nur eben leider auf der falschen Seite des Spielfelds.

Fünf Minuten vorher hatte es Perthel offensiv noch mit einer Halbfeldflanke von links probiert, die erst Christian Beck und anschließend Sören Bertram in der Mitte aber verpassten. Sehr schade. Naja, und wenn es dann doch mal klappte, die Chemnitzer Abwehr zu überspielen, fehlte an jenem Abend irgendwo auch ein Stück das Glück: 36 Minuten waren vorbei, als Mario Kvesic den wuseligen, aber überwiegend brotlos agierenden Kwadwo auf der linken Seite an die Grundlinie schickte, wo der Flügelspieler dann in aussichtsreicher Position einfach wegrutschte. Dass es einer dieser Tage werden sollte, an denen so etwas eben passiert, konnte zu dem Zeitpunkt allerdings noch niemand ahnen.

Bis auf zwei Freistöße, die verpufften, kam der Club im weiteren Verlauf der ersten Halbzeit zu keiner (Halb-)Chance mehr, dafür hatte Bonga auf der Gegenseite kurz vor dem Pausentee noch einmal die Führung auf dem Fuß. Sein Schuss aus spitzem Winkel klärt Brunst aber stark zur Ecke, an deren Ende ein Magdeburger Abstoß stand. Kurz darauf war Pause und kreisten Gedanken im Kopf wie: “Naja, wir sind hier besser, es fehlen aber noch deutlich die zündenden Ideen. Es ist wohl Geduld gefragt und mal schauen, was sich die Mannschaft für den zweiten Durchgang wohl so vornimmt und umgesetzt bekommt.”

Chemnitzer Chancenwucher

Die Antwort: Nicht so furchtbar viel, stattdessen gingen die Gastgeber nun noch mal einen Ticken engagierter zu Werke, während der Club sich überwiegend selbst im Weg stand. Etwas höheren Puls gab es im Gästeblock gleich in der 47. Minute, als Rafael Garcia einen Chemnitzer Freistoß in den Strafraum brachte, wo der Ball dann auf Bonga weitergeleitet werden sollte. Tobias Müller und Alexander Brunst klärten das dann gemeinsam und letztlich souverän, aus der Hintertorperspektive von der anderen Seite aus sah das doch deutlich wackliger aus, als es im Nachgang noch einmal den Fernsehbildern zu entnehmen war.

Apropos Hintertorperspektive: Im Gästeblock war nun erst einmal Spruchband-Zeit. Tapete Nummer 1 richtete sich an die DFL, mit der zweiten gab es ein Statement zum Thema “Mitgliederrechte”, das auch vom Heimpublikum wohlwollend applaudierend zur Kenntnis genommen wurde. Um aber gleich mal klarzumachen, dass die Gäste nicht zum Kuscheln hier waren, wurde direkt noch ein “Zickzack, Sachsenpack!” hinterhergeschickt.

54 Minuten waren gespielt, als Chemnitz zu einer Kontergelegenheit kam: Tarsis Bonga entwischt Tobias Müller, marschiert bis zur Grundlinie und legt von dort in die Mitte, findet aber zunächst keinen Abnehmer, der den Ball gefährlich machen kann. Der Abschluss, der letztlich zustande kam, landete sicher in den Armen von Brunst und CFC-Coach David Bergner wird sich gedacht haben: “Da kann man durchaus mehr draus machen.” Drei Minuten später dann großes Glück für den FCM, dass es keinen Elfmeter für die Hausherren gibt: Davud Tuma geht im Strafraum ins Dribbling und wird von Sören Bertram in bester Eishockey-Manier fein säuberlich weggecheckt. Schiedsrichter Martin Petersen aus Stuttgart bewertete das Ganze als normalen Zweikampf und ließ weiterspielen. Danke dafür.

Die vielleicht intensivste Phase der Partie begann dann so um die 60. Minute rum, als der Club – stark animiert durch Kapitän Beck – endlich mal hoch presste. Intensität und Aggressivität stiegen an, Torgelegenheiten ergab sich aber erneut nur für den CFC: Nach einem Foul an Bonga führt Chemnitz den fälligen Freistoß schnell aus, über Garcia landet der Ball bei Tuma. Der hat vor dem Tor die freie Auswahl, entscheidet sich aber dafür, Alexander Brunst gut aussehen zu lassen, der den Einschlag mit einer starken Parade verhindern kann.

5.598 Zuschauer sehen nur vier Minuten später die nächste Riesenchance für die Gastgeber, Ausgangspunkt war eine Flanke von Garcia auf Bonga. Der hat wenig Probleme, sich am langen Pfosten zu lösen und aus kurzer Distanz zum Kopfball zu kommen. Im letzten Moment reißt aber Brunst noch den Arm hoch und sorgt dafür, dass es weiterhin 0:0 steht. Was für eine Monster-Parade! Und wie schlecht verteidigt vom Club, der sich aufgrund der Chancenverteilung zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht hätte beklagen können, wenn er hier längst hinten liegt. Uff.

Die Antwort des FCM sah so aus, dass sich das Team dann zwar noch mal am Chemnitzer Strafraum festbeißen, aber keine wirkliche Torchance mehr herausarbeiten konnte. Halbchancen ergaben sich lediglich durch Thore Jacobsen, der einen in den Rückraum geklärten Kvesic-Freistoß aus der Distanz ins Fangnetz jagte (79.) und durch Bertram, der auf seiner linken Seite marschieren konnte und scharf in die Mitte auf Kvesic spielte, der aber vor der aufmerksamen Chemnitzer Innenverteidigung nicht an den Ball kam (81).

Langsam stellte sich nun das Gefühl ein, dass das hier heute wohl nichts mehr werden würde mit einem Tor für die Guten. Symptomatisch für das Magdeburger Spiel im zweiten Durchgang eine Szene in der 90. Minute: Von rechts wird der komplette Chemnitzer Strafraum mit einem hohen Ball überspielt, der letztlich und eigentlich in aussichtsreicher Position bei Timo Perthel landet. Der nimmt den Ball herunter, will ihn sich zur Hereingabe vorlegen und schiebt die Kugel stattdessen aber ins Toraus. Nicht falsch verstehen, das soll keine Kritik an unserem Linksverteidiger sein, in dieser Partie wäre das vermutlich jedem anderen auch passiert. Wie gesagt, gibt es so Tage, an denen wenig zusammengeht. Der 16.8.2019 war so einer.

Nicht unterschlagen werden soll natürlich auch die letzte Riesenchance der Chemnitzer in Halbzeit 2, die sich um die 85. Minute herum ergab. Nach einem Freistoß setzte Matti Langer einen Kopfball über Brunst hinweg auf die Latte, von wo aus die Kugel dann ins Toraus ging.

Fazit:

Ging es in den letzten Spielen durchaus in eine vielversprechende Richtung, muss man diesen Auftritt in Chemnitz ganz klar als Rückschlag bewerten. Es fehlten Ideen, Tempo und vor allem gute Torgelegenheiten, die es ja erst einmal braucht, um überhaupt einen Treffer erzielen zu können. Bedanken darf sich der 1. FC Magdeburg bei der Chemnitzer Unfähigkeit, beste Gelegenheiten zu nutzen und, wie gesagt, bei Alexander Brunst, der seiner Mannschaft in dieser Partie definitiv den Punkt rettete. Oder um es deutlich kürzer zu machen: Das war nix, da müssen wir auch nichts schönreden. Nun ist es aber eben auch so, dass Rückschläge im Prozess der Entwicklung einer Mannschaft vermutlich einfach dazugehören und solange das Trainerteam daraus nun die richtigen Schlüsse zieht, war der Auftritt in Chemnitz vielleicht sogar erkenntnisreich. Wir werden es sehen, am kommenden Samstag geht es gegen den TSV 1860 München weiter. Dann im Übrigen auch wieder mit Menschen in den Blöcken 1 und 2, weil die Umbauarbeiten im Heinz-Krügel-Stadion schneller voranschreiten als ursprünglich geplant. Schöne Sache.

In diesem Sinne: Kauft die zusätzlichen Tickets und dann lasst uns die Mannschaft wieder lautstark unterstützen und ihr die Sicherheit geben, dass wir auch nach Rückschlägen hinter ihr stehen. Und mit so einem Heimdreier gegen das blaue Team aus München sieht die Welt dann schon wieder ganz anders aus.

3 Kommentare

  1. Es geht munter weiter , wie in der vergangenen Saison, wo man leichtfertig die 2. Bundesliga durch inkompetenz vergeigt hat.Wenn kein Geld da wäre, dann wäre es was anderes, aber so fehlt mir einfach das Verständnis bei den Verantwortlichen..Sie merken es einfach nicht das da unter anderem ein Vollblutstürmer fehlt.Wenn sich da nichts ändert, wird das eine ganz schwere
    Saison.

  2. Hallo Freund. Mit Verwunderung habe ich im Blog zum Chemnitzspiel die Diskussionen zum Schalverbot für Gästefans außerhalb des Gästeblocks gelesen. Ihr findet das richtig? Was für ein Armutszeugnis. In welcher Welt leben wir, wenn man sich aus Angst, verprügelt zu werden, nicht mehr zu seiner Mannschaft bekennen kann. Dass das so nicht sein muss, habe ich positiv bei unserem Auswärtsspiel bei Union gesehen. Ich habe versäumt, mir rechtzeitig Karten zu besorgen. Mein in Berlin lebender Bruder hat mir ausgeholfen und für den “normalen” Heimblock Karten besorgt. Schon der Weg in die alte Försterei war wie beim Heimspiel. Ich war natürlich deutlich sichtbar als FCM-Fan zu erkennen. Keinerlei aggressives Verhalten der Unioner, ein paar mitleidige Kommentare war alles. Im Stadion selbst volle Akzeptanz. Ich saß mitten unter Rot-Weißen. Meine Anfeuerung für unsere Jungs wurde ohne Häme toleriert. Und dann die Provokationen aus unserem Fan-Block. Ich sah mich veranlasst, mich dafür mit dem Kommentar zu entschuldigen – “das sind die Scheiß- BFCer”.

    Mehr Toleranz wünsche ich mir auch für unsere Heimspiele. Die Schmähungen gegnerischer Fans geht mir zum Teil zu weit. Union scheint eben doch noch etwas besonderer zu sein.

    • Hallo Madlax,

      ich finde es richtig, als Gast im Heimbereich mit Farben der Gastmannschaft vorsichtig zu sein, ja. Im Zweifelsfall würde ich jeder und jedem immer empfehlen, sich da neutral gekleidet hinzusetzen. Klar kann man das als Armutszeugnis bezeichnen, aber a) hat das für mich auch ein Stück weit was mit Respekt zu tun und b) sind mir genügend Situationen bekannt, in denen das schief ging. Wenn das bei Union geht, ist das prima. Ich würde es trotzdem nicht tun, aber das kann natürlich jede*r halten, wie sie oder er es für richtig hält.

      BWG,
      Alex

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