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Von Haken und Fallhöhen

Heimniederlage

1. FC Magdeburg – 1. FSV Mainz 05 II, 25. Spieltag, 1:2 (1:1)

Tja, was soll man groß schreiben über ein Spiel, in dem die gegnerische Mannschaft zu keinem Zeitpunkt die Kontrolle hatte, am Ende aber trotzdem mit drei Punkten im Gepäck die Heimreise antritt? “So ist der Fußball”? “Kann halt mal passieren”? “Dumm gelaufen”? Nee. Dafür fühlt sich die vollkommen unnötige Niederlage gegen die Zweitvertretung des 1. FSV Mainz 05 viel zu falsch an und sitzt die Enttäuschung über den Heimauftritt am 25. Spieltag doch deutlich zu tief. Es gibt halt Niederlagen, die kann man relativ schnell abhaken, und dann gibt es ab und an eben auch solche Partien. Dabei geht es gar nicht mal so sehr darum, dass man als Tabellenzweiter gegen den abgeschlagenen Letzten zuhause eine Niederlage kassierte (das kann in dieser Liga tatsächlich jederzeit passieren). Zum Haareraufen ist vielmehr, dass man (bei allem Respekt für die Mainzer) einen weitgehend harmlosen Gegner zweimal förmlich zum Toreschießen eingeladen hat, selbst über weite Strecken die letzte Konsequenz vermissen ließ und folgerichtig am Ende mit leeren Händen dasteht. Und das nach zwei tollen Auftritten gegen Osnabrück und in Duisburg, mithilfe derer man sich für den vermeintlich wichtigen Monat März zumindest so ein kleines bisschen Momentum aufbauen konnte. 

Vielleicht liegt ja sogar darin und gar nicht so sehr im Spiel selbst das eigentliche Problem. Die Ausgangslage vor der Partie war wirklich gut: Vier Punkte aus den letzten beiden Begegnungen gegen (vermeintliche) Topteams, ein Grundgerüst, von dem man das Gefühl haben konnte, dass es so langsam ins Rollen kommt, dazu einen Gegner vor der Brust, der in der Vorsaison an gleicher Stelle mit 1:3 sang- und klanglos untergegangen und zumindest von der Platzierung her ohne Zweifel in die Kategorie “Pflichtsieg” einzusortieren war. Sprich: eventuell war das Spiel im Kopf ja schon entschieden, bevor es überhaupt angepfiffen wurde. Was die Fallhöhe nach so einer Begegnung dann eben nicht gerade geringer werden lässt.

Jens Härtel vertraute im Kern jedenfalls der Elf, die auch zuletzt zu überzeugen wusste. Vor Leopold Zingerle im Tor liefen links Nico Hammann, zentral Richard Weil und rechts Christopher Handke auf, davor im Vierer-Mittelfeld Tobias Schwede links, Jan Löhmannsröben sowie Marius Sowislo zentral und Nils Butzen rechts. Die einzige Änderung gab es in der Offensive, wo Christian Beck das Zentrum besetzte, Tarek Chahed rechts spielte und Michel Niemeyer für den angeschlagenen Florian Kath zu seinem ersten Startelf-Einsatz seit dem 07.05.2016 kam.

Der Club übernahm sogleich die Initiative und sollte sie, so kurios das bei dem Ergebnis vielleicht klingen mag, bis zum Schlusspfiff auch nicht mehr wirklich abgeben. Mehr als ein deutlich über den Kasten gesetzter Freistoß von Nico Hammann (1.) sowie ein halbwegs gefährlicher Abschluss von Nils Butzen (7.), der vom erneut fleißigen Tarek Chahed im Strafraum schön bedient wurde, sprangen aber zunächst nicht heraus. Auffällig war lediglich, dass der Mainzer Keeper Watkowiak in der Anfangsphase reichlich unsicher wirkte und seine Vorderleute zunächst kein großes Interesse daran zeigten, an irgendeiner Form von Offensivspiel teilzunehmen.

Auffällig auch: die Abstimmungs-Dissonanzen zwischen Leopold Zingerle und Richard Weil, die im Verlauf der ersten Halbzeit einige Male ziemlich offensichtlich wurden. Gleich zu Beginn des Spiels beispielsweise durfte der geneigte Zuschauer mal kurz den Atem anhalten, als sich beide bei einem langen Mainzer Ball in die Spitze nicht einig wurden, ob der Keeper nun rauskommen oder der Abwehrchef die Situationen klären soll – Zwickau lässt grüßen. Das Ergebnis war ein knapp 2 Meter vor dem Strafraum herumirrlichtender Zingerle, ein ziemlich angefressener Weil und eine Situation, die letztlich der Abwehrspieler mit einem Kopfball zur Grundlinie klärte. Es mag täuschen, aber irgendwie wirkt es so, als ob da grundsätzlich gar nicht so richtig klar ist, wer in Situationen, in denen das komplette Mittelfeld mit einem langen Ball überspielt wird, eigentlich die Ansagen macht – was im Falle eines spielenden Torhüters wie Leopold Zingerle schon mal das eine oder andere Problem verursachen kann.

Ein langer Pass war es im Übrigen auch, der in Minute 8 die völlig überraschende Mainzer Führung einleitete. Aus der eigenen Hälfte geschlagen, ist der Ball eine gefühlte Ewigkeit unterwegs und findet schließlich Aaron Seydel, von dem man in Magdeburg eigentlich wissen müsste, dass er Tore schießen kann, mutterseelenallein im Zentrum. Eine optimale Situation für den Stürmer, der den Ball perfekt mitnimmt, kurz schaut und ihn dann mit Schmackes zentral ins Tor hämmert. Zingerle ohne Chance, von seinen Vorderleuten in der Situation aber auch sträflich allein gelassen. 0:1 also mit dem allerersten Mainzer Torschuss. Das war viel, viel zu einfach.

Zugute halten muss man dem FCM an jenem Nachmittag, dass der erste (und eigentlich auch der zweite) Gegentreffer nicht dazu führte, dass man von seiner Idee einer spielerischen Linie abwich. Es blieb im Wesentlichen ein Spiel auf ein Tor, bei dem es vor allem Tobias Schwede war, der auf der linken Seite von seinen Mitspielern immer wieder gesucht wurde. 34 Minuten waren gespielt, als sich Schwede schließlich mit dem Ausgleich für eine abermals starke Leistung belohnen konnte: von Marius Sowislo im Strafraum klug bedient, guckt er sich Keeper Watkowiak abgezockt aus und lupft den Ball schließlich zum 1:1 in die Maschen.

Ein schönes, ein zu diesem Zeitpunkt durchaus verdientes und noch dazu ein wichtiges Tor, hatte man den Gegner doch ab der 20. Minute immer mal wieder ein bisschen ins Spiel kommen lassen. Ein Freistoß in der 22. und ein Konterversuch in der 24. Minute (beide Male verursacht von Nico Hammann, der defensiv diesmal einen insgesamt eher gebrauchten Tag erwischt hatte) blieben nach dem Führungstreffer allerdings die einzigen nennenswerten Mainzer Offensivaktionen. Was man fairerweise aber auch sagen muss: klare Torchancen blieben nach dem 1:1 auch auf Magdeburger Seite aus. Zwar spielte man sich die Gäste phasenweise ordentlich zurecht, der letzte Pass fehlte dann aber oder fand die Füße der Gegenspieler. So ging es nach 45 Minuten ohne weitere Treffer pünktlich in die Halbzeit.

Mit Wiederanpfif dann das gewohnte Bild: Der FCM im Vorwärtsgang, allerdings wenig zwingend, Mainz immer mal wieder mit Umschaltversuchen oder langen Bällen in die Spitze, allerdings ohne Fortune. Und wenn man es selbst nicht hinkriegt, hilft manchmal ja dann einfach auch der Gegner: 53 Minuten waren gespielt, als mal wieder ein Pass aus der Tiefe in Richtung Magdeburger Strafraum unterwegs ist. Nico Hammann klärt per Kopf, allerdings ziemlich genau vor die Füße von Niki Zimling. Der wiederum hat allen Platz der Welt – auch, weil niemand große Anstalten macht, irgendwie mal mit Störungsabsichten auf den ballführenden Spieler zu gehen. Also einfach aus 30 Metern mal satt abgezogen und siehe da: wieder zappelte der Ball im Netz, wieder war Leopold Zingerle im Magdeburger Kasten ohne jede Abwehrchance.

Wie auch schon in Halbzeit 1 machte der Club einfach ziemlich unbeeindruckt weiter, leidlich angetrieben von einer Nordtribüne, die stimmungstechnisch, auch das gehört zur Geschichte dieses Spiels, schon deutlich bessere Tage gesehen hatte. Vom Vorsängerpodest wollte der Funke an diesem Nachmittag nur selten überspringen, die Mitmachquote war dementsprechend mäßig und passte sich dann irgendwann gänzlich dem Spielverlauf an. Dass man etwa fünf Minuten vor Spielende sogar mehr vom Spiel als von der Kurve hören konnte, kommt im Heinz-Krügel-Stadion wahrlich nicht allzu häufig vor.

In der 65. Spielminute gab dann Piotr Cwielong sein Debüt für Blau-Weiß – er ersetzte Christopher Handke. Der Wechsel bedingte nun auch Veränderungen in der taktischen Grundordnung, aus der Dreier- wurde eine Viererkette mit Hammann und Weil im Zentrum sowie Butzen und Schwede auf den Außenpositionen. Cwielong agierte quasi als zweite Spitze neben Christian Beck, holte sich aber auch immer wieder selbst die Bälle tief aus dem eigenen Mittelfeld. Während die Umstellung als solche insgesamt kaum fruchtete (klare Torchancen blieben Mangelware), hinterließ wenigstens der polnische Neuzugang in der knappen halben Stunde, die er mitwirken durfte, einen wirklich ordentlichen Eindruck. Die Frage ist eben, wo und wie er letzten Endes in Härtels System passt, aber vielleicht löst sich diese Problematik für das nächste Spiel gegen Preußen Münster auch von ganz alleine.

Es passte nämlich zu einem in vielerlei Hinsicht verkorksten Nachmittag, dass sich mit Tobias Schwede ausgerechnet der Offensivspieler, auf den die Mannschaft derzeit möglicherweise am wenigsten verzichten kann, zwei Minuten vor Abpfiff mit einer absolut unnötigen Aktion selbst aus dem Spiel nahm. Vom Schiedsrichter vor einem Einwurf ein Stückchen weiter die Linie hoch beordert, wirft er wütend den Ball weg, anstatt einfach die drei Schritte weiter nach rechts zu machen und den Einwurf auszuführen. Die Folge ist eine gelbe Karte, die man sicherlich nicht zwingend geben muss, aber durchaus geben kann. Und weil Schwede wegen Meckerns schon mit gelb vorbelastet war, gibt das dann eben gelb-rot und ein Spiel Pause für den Dauerbrenner auf der linken Seite.

Zu dem Zeitpunkt war die Stimmung im Stadion ohnehin schon auf dem Siedepunkt und lief es so, wie es in solchen Spielen gemeinhin häufig läuft: Die Struktur ging völlig flöten, die Mainzer verteidigten mit Mann, Maus und Aaron Seydel, der nun hinten alles rausköpfte, was hoch in den Strafraum kam, die Begegnung wurde hektischer, der Schiedsrichter zunehmend mehr zur Zielscheibe Magdeburger Unmutsbekundungen und die Uhr tickte unerbittlich zu Ungunsten der Hausherren. Die weiteren offensiven Wechsel (Düker für Chahed, 74., Pulido für Niemeyer, 80.) zogen nicht wie gewünscht, bis zum Abpfiff konnte die Mannschaft tatsächlich keine weitere klare Torchancen herausspielen. Einzig in Minute 83 wurde es nach einem ziemlich verunglückten Abspiel von Keeper Watkowiak noch einmal ansatzweise gefährlich, weil Christian Beck den Ball abfälschen, Julius Düker ihn dann aber nicht entscheidend in Richtung Tor bringen kann.

Ein Eckball in der 91. Minute, für den auch Leopold Zingerle mit nach vorn eilte, war schließlich die letzte erwähnenswerte Aktion an diesem Nachmittag; am Endstand änderte er freilich aber auch nichts mehr. 1:2 hieß es nach reichlichen 93 Minuten, die diejenigen Zuschauer, die zu dem Zeitpunkt noch im Stadion waren, doch einigermaßen ratlos zurückgelassen haben dürfte.

Klar kann man nicht jedes Spiel gewinnen, aber man muss beileibe auch nicht auf diese Art und Weise verlieren. Dass man über 90 Minuten das bessere bzw. dominantere Team war, ist allenfalls ein schwacher Trost; am Ende zählen, wie Jens Härtel in der anschließenden Pressekonferenz ja auch völlig zu Recht feststellte, Tore, und die hatte man Mainz an jenem Spieltag zweimal auf dem Silbertablett serviert. Tja, und wenn Du der Meinung bist, Dir selber auf diese Art und Weise den Schwierigkeitsgrad zu erhöhen, dann aber nicht zwingend genug zu eigenen Abschlüssen kommst, guckst Du Dich halt nach 90 Minuten an und fragst Dich, wo die Punkte sind. Lichtblicke gab es zwar trotzdem, so richtig gut sind am Ende des Tages aber eigentlich nur 2 Dinge: der Umstand, dass die Konkurrenz (mal wieder) für uns spielte und wir dadurch weiter auf dem zweiten Tabellenplatz rangieren und, dass es bereits in sechs Tagen die Chance gibt, es gegen Preußen Münster besser zu machen. In diesem Sinne: Haken dran, weitermachen. Und Mainz II besser ganz, ganz schnell vergessen.

Die Pressekonferenz zum Spiel (via YouTube)

2 Kommentare

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