Permalink

0

Surreal

surreal

Corona-Meisterschaft, Spieltage 6 und 7 (Drittliga-Spieltage 33 und 34)

Würden das Leben und der Fußball im Konjunktiv stattfinden, ließe sich dieser Text in etwa so beginnen: Der 1. FC Magdeburg könnte nach dieser Woche vier Zähler mehr auf dem Konto haben und wäre mit dann 46 Punkten wohl bereits jetzt einiger Sorgen ledig. Tatsächlich stehen nach der dritten Woche der Corona-Meisterschaft in Liga 3 allerdings nur – oder immerhin, je nach Standpunkt – zwei Unentschieden und damit insgesamt 42 Punkte zu Buche, die den Club weiterhin in akuterer Abstiegsgefahr binden. Dennoch war das unter dem Strich eine gute Woche für die Größten der Welt, die Mut machen sollte für die letzten vier Liga-Aufgaben und den Kampf um den Klassenerhalt.

Julian Weigel, Nachwuchsgott

Nach dem wichtigen Sieg gegen Viktoria Köln führte die nächste blau-weiße Dienstreise bekanntermaßen in den Süden Sachsen-Anhalts, wo ein echtes Abstiegsduell wartete. Die Konstellation: Der Gegner war zwei, das Team von Thomas Hoßmang drei Punkte vom ersten Platz unter dem Strich entfernt, mit einem Sieg hätten sich beide Mannschaften eine ganz gute Atempause verschaffen können. Und genau diesen Umstand merkte man der Partie auch an: Viel spielte sich zwischen den Strafräumen ab, das Risiko wurde beiderseits kaum gesucht, niemand wollte den ersten und vielleicht entscheidenden Fehler machen. Hier ist übrigens noch mal zu sehen, wie Podcast-Kollege Thomas und ich das Spiel verfolgten und kommentierten.

Thomas Hoßmang hatte sich für viel Erfahrung und (hoffentlich) Stabilität in der Anfangself entschieden und griff neben Behrens im Tor auf Perthel, Müller, Gjasula, Rother, Laprevotte, Preißinger, Bell Bell, Steininger, Beck und Bertram zurück. Die Jungs machten es zunächst auch recht ordentlich, ohne allerdings, wie schon viel zu oft in dieser Spielzeit, über einen längeren Zeitraum mal so etwas wie wirklichen Druck oder große Torgefahr zu erzeugen. Immerhin tat der Kapitän des Gegners, Jan Washausen, den Größten der Welt den Gefallen, erst einigermaßen übermotiviert in einen Zweikampf mit Sören Bertram zu gehen und dafür Gelb zu sehen, nur, um dann kurz vor der Halbzeit gegen Rico Preißinger zu spät dran zu sein und mit Gelb/Rot vorzeitig vom Platz zu fliegen.

Der Club würde also die Möglichkeit haben, gegen einen bis dato wenig beeindruckenden Kontrahenten eine ganze Halbzeit in Überzahl zu spielen. Bei der derzeitigen Belastung für alle Mannschaften müsste man doch jetzt “eigentlich nur” Ball und Gegner irgendwie laufen lassen, dann müssten sich die Abschlussgelegenheiten und sicher der eine oder andere Treffer doch irgendwann von allein ergeben … Soweit, so einfach, doch wer nun dachte, dass der FCM diese glänzende Ausgangslage für einen weiteren, ganz wichtigen Dreier unbedingt würde nutzen wollen, sah sich getäuscht. Es passierte nämlich herzlich wenig oder anders: Für die sportliche Situation, in der sich der Verein derzeit befindet, und für die Möglichkeit, die sich hier bot, passierte so gut wie nichts. Und das war dann doch einigermaßen, nun ja, erstaunlich …

Dementsprechend kam es natürlich, wie es irgendwie kommen musste in so einem Spiel. In der 77. Minute packten die Gastgeber mal die ganz feine Klinge aus: Boyd mit einem hervorragenden Anspiel auf Pascal Sohm, der mit der Übersicht, der Kaltschnäuzigkeit und dem Lupfer über Morten Behrens und schon stand tatsächlich ein 1:0 auf der Anzeigetafel des Kurt-Wabbel-Stadions. Es war nicht zu fassen, wieder einmal. Nicht nur, dass man die gegnerische Defensive kaum mal vor Probleme stellte und eigentlich nicht zu erkennen war, welches Team denn eigentlich in Unterzahl spielte. Man lag nun, weniger als 15 Minuten vor Schluss, auch noch mit einem Tor in Rückstand. Fantastisch.

Dann kam die 83. Minute und mit ihr Julian Weigel, seines Zeichens Kapitän der FCM-U19, der Timo Perthel ersetzte. Mit ihm wurde Anthony Roczen (für Björn Rother) eingewechselt, vorher hatte bereits Manfred Osei Kwadwo und Mario Kvesic Rico Preißinger und Daniel Steininger abgelöst. Naja, und ebenjener Julian Weigel holte sich drei Minuten nach seinem Debüt erst einmal eine gelbe Karte ab, bevor er quasi mit der letzten Aktion des Spiels und einem (abgerutschten) Schuss im Strafraum noch für den 1:1-Endstand sorgte. Es gab sicherlich schon weniger spektakuläre Debüts im deutschen Profifußball.

Kurz darauf war dann Schluss und auch wenn dieses Duell längst jeglichen Reiz verloren hat, war es doch eine recht große Genugtuung, dem gastgebenden Team dabei zuzuschauen, wie sich der eine oder andere Akteur nach dem Abpfiff mächtig ärgerte. Manche Sachen werden eben einfach nie alt … Angesichts des Spielverlaufs war das sicher eher ein glücklicher Punktgewinn; angesichts der Umstände hat die Truppe an der Saale allerdings zwei Zähler liegen lassen. Sehr, sehr ärgerlich, aber gut, wir nehmen dann eben das, was wir kriegen können. Nicole von Sportfotos Magdeburg hat sich das Spiel ebenfalls angesehen, ihr Bericht ist hier zu finden.

Hello again, Zweitliga-Saison

Am Samstag folgte schließlich das Duell mit den Bayern Amateuren und hätte mir am Morgen des Spieltags jemand gesagt, dass wir aus dieser Partie einen Punkt mitnehmen würden, hätte ich das vermutlich sofort unterschrieben. Große Zuversicht hatte jedenfalls nicht geherrscht angesichts der Tatsache, dass mit dem FC Bayern München II der Tabellenführer im Heinz-Krügel-Stadion gastierte, der noch dazu null Druck und einen recht ansprechenden Lauf hatte. Was dann allerdings zu sehen war, jedenfalls bis zur 85. Minute, war fast schon surreal.

Ohne Beck und Bertram, dafür aber mit Behrens im Tor, Müller, Gjasula und Koglin in der Dreierkette, Jacobsen und Laprevotte im defensiven, Bell Bell, Kvesic und Costly im offensiven Mittelfeld sowie Steininger und Conteh vorn im Sturm zeigte der Club sein bestes Spiel der jüngeren Vergangenheit und möglicherweise sogar die fußballerisch ansprechendste Leistung der gesamten Saison (wenngleich die inzwischen wirklich, wirklich lang ist und die Erinnerung da auch trügen mag). Die Spielidee war klar: Schnell (im doppelten Wortsinn) hinter die Kette kommen und dann mal schauen, was da so gehen würde.

Und es ging einiges, im ersten Durchgang hätte die Mannschaft dieses Spiel eigentlich schon komplett wegpacken müssen. Bereits in der zweiten Minute zappelte der Ball im Netz, allerdings war Sirlord Conteh beim Anspiel in die Tiefe einen Moment zu früh gestartet und stand daher im Abseits. Nach 12 Minuten war es erneut Conteh, der die Führung auf dem Fuß hatte, super freigespielt worden war und dann aber an Ron-Thorben Hoffmann im Tor der Bayern scheiterte. Nach 19 Minuten hatte dann Mario Kvesic eine gute Gelegenheit, nachdem er von Thore Jacobsen mit einem sehenswerten, langen Ball bedient worden war. Der Schuss des Bosniers ging dann allerdings deutlich über das Tor.

An dieser Stelle könnte man nun natürlich gut das alte Lied von der Chancenverwertung singen und klar, mit der Kenntnis des gesamten Spielverlaufs bleibt es super ärgerlich, dass es nicht viel öfter klingelte. Festzuhalten ist aber auch, dass man sich mitunter schon die Augen reiben konnte, wie sich der FCM Abschlussgelegenheiten erspielte. Das sah richtig nach Fußball aus! Also mit Tempo, Genauigkeit und allem drum und dran! So richtig kennen wir das an der Elbe ja gar nicht mehr … Dennoch musste letztlich wieder ein Elfmeter die völlig verdiente Führung bringen. Wriedt hatte den Ball nach einer Ecke mit der Hand abgewehrt, sodass Jürgen Gjasula antreten durfte und sehr souverän zum 1:0 netzte.

Damit aber nicht genug, weil der Club weiter Bock hatte und ordentlich Zug zum Tor entwickelte. In der 28. Minute vergab Leon Bell Bell eine Möglichkeit, nachdem Daniel Steininger im Strafraum für ihn aufgelegt hatte (der Ball ging knapp rechts am Kasten vorbei), nach 36 Minuten war es erneut der fleißige, aber glücklose Conteh, der mit seinem Abschluss scheiterte. Besser machte es dann der zuletzt viel (und auch hier in Blog und Podcast) gescholtene Daniel Steininger eine Minute vor der Halbzeitpause: Die Flanke kommt von der linken Seite passgenau, der Mittelstürmer hält den Kopf dran und bugsiert den Ball per Aufsetzer zum immer noch vollkommen verdienten 2:0 ins Tor. Es war kaum zu glauben. Abgesehen von Jena, wann war eigentlich das letzte Mal, dass der FCM in einem Spiel mit zwei Toren in Führung lag und das in dieser Höhe auch vollkommen verdient war? Mit viel guter Laune ging es also in die Pause.

Nach Wiederanpfiff waren es dann zunächst die kleinen Bayern, die kurz hintereinander für zwei ordentliche Ausrufezeichen sorgten. Gleich in der 46. Minute war ordentlich Alarm im Magdeburger Strafraum (mit anschließendem Konter über Conteh, der mit seinem Schuss aus spitzem Winkel an Hoffmann scheiterte), nach 50 Minuten klatschte ein Schuss von Tillman laut hörbar ans Gebälk. Es war also keineswegs so, dass die Gäste chancenlos waren (im Gegenteil, auch in der ersten Hälfte hatte es ganz gute Torgelegenheiten gegeben), noch aber waren Glück und defensives Geschick auf der richtigen Seite.

In der 52. Minute dann die gefühlt zehnte sehr, sehr gute Gelegenheit für Sirlord Conteh, in Spielminute 56 der letzte vielversprechende blau-weiße Abschluss: Der Club kontert im eigenen Stadion, Bell Bell setzte den Schuss dann allerdings, genau wie Kollege Conteh vorher, über das Tor.

Nach einer guten Stunde schließlich hatte der Dauersprinter da vorn im Sturm Feierabend, für ihn kam kurz Sören Bertram, der allerdings nach 85 Minuten verletzungsbedingt direkt wieder runter musste. Die Diagnose: Schultereckgelenksverletzung und Schlüsselbeinanbruch. Schöner Mist. Gute Besserung an der Stelle! Außerdem kam für die letzten gut 20 Minuten Kapitän Christian Beck für Daniel Steininger, Nachwuchsspieler Theo Ogbidi ersetzte Mario Kvesic. Und während spätestens mit diesen Wechseln irgendwie auch die Offensivbemühungen der Hausherren endeten, was allerdings auch am aufwendigen Spiel und der entsprechend nachlassenden Kraft gelegen haben dürfte, spielten die Bayern Amateure einfach ihren Stiefel weiter und verdienten sich in einer aus Magdeburger Sicht mehr als ärgerlichen Schlussphase noch einen Punkt.

In der 85. Minute war es Julian Weigel, der etwas unbeholfen in einen Zweikampf im Strafraum ging, in dessen Folge Schiedsrichter Rohde auf Elfmeter für die Gäste entschied. Wriedt ließ sich diese Gelegenheit nicht entgehen und verkürzte mit seinem 23. (!) Saisontor auf 2:1 für seine Farben. Naja, und in der 91. Minute gab es dann den Stich ins Herz, als Timo Kern nach einer Ecke und einer schicken Direktabnahme im Strafraum auch noch den Ausgleich erzielte. Da war es wieder, dieses Gefühl aus viel zu vielen Zweitligaspielen, in denen der Club mögliche Punktgewinne in der Schlussphase noch verschenkte. Wirklich, wirklich bitter, wenngleich es natürlich auch für die Qualität der Bayern Amateure spricht, diese Partie nicht verloren zu haben.

Warum war das nun eigentlich trotzdem eine ganz gute Woche für die Größten der Welt? Nun, einerseits ging kein Spiel verloren, konnte man im Süden sogar und völlig unerwartet noch einen Rückstand ausgleichen und holte man gegen die Bayern Amateure einen Punkt, mit dem vorher so vielleicht nicht unbedingt zu rechnen war. Außerdem kamen Julian Weigel und Theo Ogbidi zu ihren Profidebüts, was immer eine schöne Sache ist; es ist toll, dass Thomas Hoßmang „seinen“ Magdeburger Jungs auch eine Etage weiter oben zutraut, mithalten zu können, und den Jungs diese Gelegenheit auch gibt. Naja, und dann war das, was im letzten Spiel zu sehen war, tatsächlich weitgehend richtig guter Fußball, den ich, da bin ich ehrlich, mit dieser Mannschaft in dieser Saison nicht mehr für möglich gehalten habe. Es geht also und vielleicht brauchte es einfach nur die richtigen Basics und die richtigen Ansagen. Wenn es jetzt noch mit der Chancenverwertung klappt … Leute, Leute, wir werden auf Jahre hinaus unschlagbar sein!

Aber mal im Ernst: Das, was gegen die Bayern Amateure zu sehen war, hat dann doch für einiges entschädigt, was bisher in dieser Spielzeit auf dem Rasen zu bewundern war. Das Positive mitnehmen, weiter mutig spielen und an sich glauben; dazu noch das eine oder andere Ding mehr reinkegeln und dann müsste es doch eigentlich möglich sein, dass wir uns da unten noch irgendwie rausziehen können. Vier Spiele sind’s noch, 12 Punkte zu holen. Und der 1. FC Magdeburg wird niemals untergehen. Niemals!

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.