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Könige Europas – die Größten auf der Welt!

Kuip

1. FC Magdeburg – AC Mailand, Europapokal der Pokalsieger 1974, Finale, 2:0 (1:0)

Heinz Krügel, der Pokal, die Mannschaft – und drumherum eine völlig entrückte Masse in Blau-Weiß. Es waren unglaubliche Szenen, die sich nach dem Abpfiff des Europapokalfinales zwischen dem AC Mailand und dem 1. FC Magdeburg in Rotterdam abspielten. Während die Fernsehanstalten in Ost und West nur saubere Bilder von irgendwelchen Schauspielern in weißen Bademänteln über den Äther schickten, die mit dem Pokal in der Hand über den ziemlich kaputten Rasen des „Kuip“ jubilierten, feierte die Anhängerschaft des frisch gekürten Europapokalsiegers eine epische Party, für deren Beschreibung es eigentlich keine Worte gibt. Man muss einfach dabei gewesen sein, eine*r der Glücklichen also, die eins der 6.426 Tickets ergattern konnten. Ich hatte das Privileg und auch wenn mir zwischendrin so einige Szenen fehlen, möchte ich mich hier doch an einer Rekonstruktion eines völlig utopischen Fußballerlebnisses versuchen. Es folgt also ein Augenzeugenbericht, explizit subjektiv und noch unter dem starken Eindruck der Erlebnisse an diesem magischen Abend. Leute, ernsthaft: Was für ein Abriss!

Nach einer erstaunlich reibungslosen Anreise über den Grenzübergang Marienborn und den Flughafen Berlin-Schönefeld fand sich unsere kleine Reisegruppe, die wir später „Reisegruppe Tiefenentspannt“ taufen sollten, gegen 10:30 Uhr in der Innenstadt von Rotterdam wieder. Hier erfolgt meinerseits bereits die erste, bewusste Auslassung – nicht alles, was in Rotterdam passierte, ist auch für die Öffentlichkeit bestimmt. Vielleicht nur so viel: Die Gesichtsmuskeln schmerzten vom Dauerlachflash und der Magen zwickerte ein bisschen von viel zu viel Süßkram, als wir uns gegen 14:30 Uhr am Denkmal „De verwoeste Stad“ (auf deutsch: „Die zerstörte Stadt“) einfanden, das Block U zum Treffpunkt des Fanmarsches in Richtung Stadion ausgerufen hatte. Der Name des Denkmals als Vorbote dessen, was kommen sollte – einen besseren Ort hätte sich die aktive Fanszene kaum aussuchen können.

Pünktlich um 15 Uhr erklomm schließlich einer der Vorsänger den Sockel der etwas merkwürdig aussehenden Statue und schickte per Megaphon die erste, knackige Ansage in die Menge: „Clubfans! Zuhören! Das hier ist heute das vermutlich wichtigste Spiel der Vereinsgeschichte! Heute gilt es, heute ist jeder einzelne von uns gefragt, wir können, werden und müssen hier heute den Unterschied machen! Gegen das, was wir heute leisten müssen, war Offenbach ein Fliegenschiss! Strafft Euch! Wir sind die Größten der Welt! Wir gehen jetzt gleich los, wir reiten da ins Stadion ein und dann holen wir uns diesen Scheiß-Pokal! Arme hoch! Einklatschen!“

Und eingeklatscht wurde. 12.852 Arme gingen in die Höhe, „FUSSBALLCLUB MAGDEBURG! FUSSBALLCLUB MAGDEBURG!“ donnerte es durch die Stadt, dass der Schall wohl auch in Amsterdam und Dresden noch deutlich zu vernehmen war. Erste Menschen kollabierten vor Euphorie und konnten aber von umsichtigen Clubfans gut erstversorgt werden. Am Ende siegte ohnehin das Adrenalin – dieses Spiel, diesen Auftritt wollte sich keine*r der Anwesenden entgehen lassen. Gut eine Stunde dauert der Fußmarsch vom Denkmal zum Stadion normalerweise. Wir brauchten zweieinhalb, weil immer wieder Halt gemacht wurde, die Menge Lieder anstimmte, die eine oder andere Fackel brannte und knapp 6.500 Leute ohnehin ja auch nur langsam vorankommen.

Am Stadion dann recht langwierige Einlasskontrollen. Pässe wurden kontrolliert, an der einen oder anderen Stelle gab es Rennereien (aber nichts Gravierendes) und bis wirklich alle drin waren, zeigte die Uhr im „De Kuip“ 20 Uhr. Eine halbe Stunde noch bis zum Anpfiff. Während wir uns mit leckerem Schokokuchen und Bio-Kräuter-Bratwürsten versorgten, war Block U ganz offenbar mit den Vorbereitungen einer größeren Choreografie beschäftigt. Dass sich die Jungs und Mädels ob dieser wichtigen Partie nicht würden lumpen lassen, war allen Clubfans vor Ort wohl klar. Was dann aber folgte, wird so in einem europäischen Endspiel vermutlich nie wieder zu sehen sein. Auf Blockfahnen oder Papptafeln wurde, wohl aus logistischen Gründen, verzichtet, dafür erhellte aber ein so genannter „Ring of Fire“ den Rotterdamer Nachthimmel. Die ersten Bilder kursieren, trotz Zensur, bereits auf YouTube, sicherheitshalber unterlegt mit Fangesängen aus Griechenland und getarnt als zugehörig zu einem ganz anderen Spiel.

Was die Aufnahmen nicht zeigen: Der Feuerring brannte nicht nur für ein paar Minuten, sondern für einen beträchtlichen Teil der ersten Halbzeit. Bei Sky und DDR1/DDR2 hatte man so etwas wohl geahnt; anders ist es nicht zu erklären, dass man lieber Spielszenen aus der Konserve zeigte, die bereits ein paar Tage vorher mit fußballerisch ausgebildeten Schauspielern aufgenommen worden sein müssen. Dem Rasen tat man mit der Aktion jedenfalls keinen Gefallen; als wir reinkamen und unsere Plätze im Block suchten, hatten wir uns schon sehr gewundert, dass die UEFA so ein wichtiges Spiel auf solch einem Geläuf austragen lassen würde. Dann wiederum waren wir erleichtert: Unsere Jungs kennen diesen „Rasen“ ja aus dem Heinz-Krügel-Stadion, insofern verbuchten wir das einfach als weiteres Indiz, dass das heute unser Abend werden musste.

Nachgereicht bzw. eher eingeschoben sei an dieser Stelle noch die Mannschaftsaufstellung, weil die später noch wichtig sein wird. Schulze hütete das Tor, davor begannen Abraham, Gaube, Zapf und Enge. Gaube? Wir staunten nicht schlecht, als wir diesen Namen in der Aufstellung sahen, hätten wir doch eher Jörg Ohm dort erwartet. Aber gut, Heinz Krügel würde wissen, was er da tut. Das Mittelfeld bildeten Tyll, Seguin und Pommerenke, vorn sollten Hoffmann, Sparwasser und Raugust für Gefahr sorgen.

Danke, Lanzi!

Ob das wirklich passierte, ist im Nachhinein schwer zu sagen, weil über weite Teile der ersten Halbzeit der Rauch der Fackeln die Sicht und so ein bisschen auch der Schokokuchen die Sinne vernebelte. Auszumachen war aber eine erste, richtig gute Phase des Clubs nach ungefähr einer Viertelstunde. Milan hatte bis dahin wohl die besseren Abschlüsse, allerdings musste Schulze nur einmal wirklich eingreifen und einen Schuss von der Strafraumkante halten, den er aber entspannt fangen konnte.

Nach etwa 20 Minuten dann der erste richtige Aufreger: Martin Hoffmann wurde von einem Italiener mustergültig umgehauen und blieb erstmal liegen, was auch unseren Meistertrainer dazu veranlasste, das Spielfeld zu betreten und nach seinem Schützling zu schauen. Hoffmann konnte glücklicherweise aber weitermachen und wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, beließ es Schiedsrichter Arie van Gemert bei einer Ermahnung für den Gegenspieler des jungen Manns aus Gommern. Glück für Mailand – andere geben da vielleicht sogar glatt rot.

Was insgesamt auffiel: Mailand ließ offensive Gefahr immer mal wieder aufblitzen, hatte aber das Problem, dass Spielmacher und Superstar Gianni Rivera bei Helmut Gaube in den allerbesten Händen war und kaum mal zur Entfaltung kam. Das Resultat: Die Mannschaft von Giovanni Trapattoni konnte sich kaum in den Strafraum kombinieren und verlegte sich eher auf Abschlüsse aus der zweiten Reihe. Einen solchen von Carlo Tresoldi entschärfte Schulze nach etwa 26 Minuten ganz stark zur Ecke. Es sollte in Halbzeit 1 der letzte, wirklich gefährliche Mailänder Abschluss bleiben.

Auffällig war auch, wie fahrlässig der FCM zum Teil mit seinen Konterchancen umging. Exemplarisch eine Szene nach etwa einer halben Stunde, in der Raugust den Ball in der Vorwärtsbewegung verliert, seine Abwehrkollegen die Mailänder Umschaltbewegung aber glücklicherweise zügig unterbinden konnten.

Unterdessen hatte sich der überwiegende Teil der blau-weißen Anhänger*innen-Schar auf den Rängen längst in Trance gesungen. Unfassbar laut, unfassbar knackig und für über 6.000 Leute erstaunlich koordiniert donnerten die Magdeburger Lieder durch’s Stadionrund. Die wenigen Tifosi, die sich aus Italiens Norden auf den Weg gemacht hatten, waren gar nicht zu hören, hatten Fahnen und Trommeln offenbar auch schnell wieder eingepackt und verlegten sich eher darauf, Schulze im Magdeburger Tor kirre machen zu wollen. Der ließ sich allerdings nicht beirren und wurde im Nachgang der Partie mehrfach mit der Aussage zitiert, dass das doch einen Clubspieler nicht erschüttern könne. Gut zu wissen, dass wir da einen richtig nervenstarken Keeper zwischen den Pfosten haben!

Zur Wahrheit der ersten Hälfte gehört auch, dass der Club seinerseits zwar mutig spielte, bis auf einen Kopfball von Sparwasser nach Flanke von Seguin (28.) und einen Abraham-Kopfball, der ins Toraus ging, offensiv allerdings kaum Akzente setzen konnte. Dann aber die 40. Spielminute: Raugust hatte auf der linken Seite ordentlich marschieren können, weil die Mailänder Hintermannschaft durch einen guten Pass aus der Abwehr für einen Moment unsortiert war. Der Zerbster mit einer Hereingabe in die Mitte, wo Jürgen Sparwasser in bester Christian-Beck-Manier gestartet war. Bevor er den Ball aber erreichen konnte, war Enrico Lanzi zur Stelle – und spitzelte die Kugel formschön und unhaltbar für Keeper Pierluigi Pizzaballa in die Maschen. Eins zu null für Magdeburg! Wahnsinn! Irre! Und in den Blöcken pure Eskalation.

Bald darauf war Halbzeit, viel Zeit zum Verschnaufen blieb allerdings nichts. An Bier, Bratwürste oder Schokokuchen war ohnehin nicht zu denken; der niederländische Catering-Dienst hatte nach der imposanten Pyroshow von Block U kurzerhand entschieden, sein Standpersonal abzuziehen und die Buden sicherheitshalber feuerfest zu verschließen. Also blieb uns auf den Rängen gar nichts anderes übrig, als einfach durchzusingen. „Unser Club ist unbesiegbar!“ war die Dauerschleife, die die Vorsänger wählten, und beim Blick in die Augen der Nebenstehenden konnte man fast Angst bekommen, so entschlossen, verzaubert und bissig waren die Blicke der Leute um uns herum.

Seguins Treffer für die Ewigkeit

Aber zurück zum Sportlichen: Wer gedacht hatte, dass die Mailänder mit Wucht aus der Kabine kommen würden, um den Rückstand auszugleichen, sah sich getäuscht. Es war der FCM, der Druck machte und sich die eine oder andere viel versprechende Torraumszene erarbeiten konnte. Nach 50 Minuten hätte es eigentlich zwingend 2:0 stehen müssen – Hoffmann hatte von der linken Seite abgezogen, Pizzaballa nur prallen, Sparwasser die Riesenchance, die Führung auszubauen, aber liegen lassen. Wenig später stand der Torhüter der Italiener erneut im Fokus: Seguin flankt von rechts, der Schlussmann kann die Hereingabe nicht festhalten. Glück für Mailand, dass da kein Blau-Weißer in der Mitte stand, um sich des freien Balls anzunehmen. Und Glück für den Club, dass die Italiener die sich aus dieser Szene ergebende Konterchance nicht nutzen konnten.

Überhaupt, Stichwort Chancenverwertung: Nach einer knappen Stunden musste Abraham einen Mailänder Kopfball auf der Linie klären, nach 65 Minuten und einem kleinen Tänzchen von Benetti zentral an der Strafraumgrenze nebst Abschluss war Schulze zur Stelle. Es war also nicht so, als hätte Milan nicht in die Partie zurückfinden können, im Gegenteil: Spielglück und eine sehr, sehr aufmerksame Abwehr verhinderten über die gesamten 90 Minuten den Ausgleich gegen dieses italienische Spitzenteam – wer hätte das vor der Begegnung wirklich für möglich gehalten?

Kurze Aufregung gab es dann noch rund um die 64. Minute, in der sich ein paar italienische Halbstarke dachten, es wäre eine gute Idee, von ihrer Position hinter der Bande aus Glasflaschen auf unseren Torwart zu werfen. Nun, es stellte sich schnell heraus, dass sie das lieber hätten lassen sollen. Drei sportliche Clubfans und vier, fünf Ordnungsschellen reichten, um dem Treiben Einhalt zu gebieten. Später war zu hören, dass die Tifosi von der Aktion derart beeindruckt waren, dass sie mit Block U Kontakt aufnahmen und um ein paar private Kampfsporttrainingsstunden baten. Fußball verbindet eben auch über Länder- und Sportartgrenzen hinweg.

Die letzte konkrete Erinnerung, die ich an das Spielgeschehen habe, ist eine Szene in der 74. Minute. „Paule“ Seguin war im Strafraum an den Ball gekommen und zimmerte ihn humorlos auf den kurzen Pfosten – in der Mitte waren zwar Kollegen mitgelaufen, die Mailänder Hintermannschaft hatte aber aufgepasst und war zur Stelle, sodass nur der direkte Weg zum Tor blieb. Und was soll man sagen? Pizzaballa machte die Tür auf, Seguin sagte „Dankeschön!“ und hämmerte das Spielgerät zum 2:0 unter die Latte.

Alles, was danach passierte, geht in meiner Erinnerung in einem orgastischen Jubel unter, dem weitere Fackeln, übereinander liegende Clubfans, verlorene Kleidungsstücke und im Eifer des Gefechts eingebüßte Frontzähne folgten. Ich hatte ja immer gedacht, die Nachspielzeit beim HSV war krass – dieser Abriss in Rotterdam war deutlich krasser. Meinen linken Schuh vermisse ich bis heute; glücklicherweise fand ich schnell einen anderen, passenden, aber das war und ist mir vollkommen egal. Der große 1. FC Magdeburg lag gegen den AC Mailand mit 2:0 in Front und schickte sich an, hier tatsächlich einen Europapokal zu gewinnen!

Jegliches Zeitgefühl war natürlich längst verloren gegangen, irgendwann aber purzelten Menschen nach unten in Richtung Spielfeld, irgendwer musste wohl die Tore aufgemacht haben. Podcast-Kollege Thomas, der in Halbzeit 1 irgendwie so gar nicht gut ausgesehen hatte, schaute mich ungläubig an und wollte ständig wissen, was hier los ist, schließlich war doch noch eine ganze Halbzeit zu gehen. Ich brüllte die ganze Zeit nur „Europapokal! EUROPAPOKAL, ALTER!“ und bald standen wir alle unten auf dem heiligen Rasen, umringten unsere Mannschaft und ließen Heinz Krügel, der das, glaube ich, gar nicht so geil fand, auf unseren Schultern hochleben.

Fazit:

Ich erwähnte es eingangs bereits: Die Gefühle, das Ambiente, das Chaos, der Abriss, der Wahnsinn – was nach dem Abpfiff im „Kuip“ passierte, ist schlicht und ergreifend nicht in Worte zu fassen. Da fährst Du jahrelang nach Meuselwitz, musst grausame Kicks auf dem Dorf in Sandhausen oder Halle erleben, hast zwar den Zweitliga-Aufstieg, klar, dann aber eben auch schlimme Partien in Jena oder zuhause gegen Meppen im Gepäck – und feierst dann mit Deiner Mannschaft so einen Erfolg in einer Partie, die Du auf dem Papier eigentlich nur verlieren kannst. Wahnsinn, unklar, episch – und ohne jede Frage ein Sieg für die Ewigkeit!

Der 1. FC Magdeburg: Könige Europas – die Größten auf der Welt! Dass wir das noch mal erleben durften …

3 Kommentare

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