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Mentalitätsmonster

Freakspiel

1. FC Magdeburg – Chemnitzer FC, 12. Spieltag, 2:4 (0:2)

Was für ein Freakspiel. Mit 2:4 verlieren die Größten der Welt in der 12. Runde unter dem Strich verdient gegen starke Chemnitzer, können dabei noch froh sein, dass am Ende nicht sogar 5 oder 6 Gegentore auf der Anzeigetafel stehen und hatten zwischendrin trotzdem noch Möglichkeiten, dem Spiel eine positive Wendung zu geben. Irre eigentlich. Dass es an diesem Nachmittag im Heinz-Krügel-Stadion nicht zu Punkten reichte, lag neben einer merkwürdigen Systemumstellung erneut an zum Teil haarsträubenden Defensivschnitzern, wobei sich sicherlich trefflich darüber streiten lässt, ob Punkt 1 nicht möglicherweise Punkt 2 mit provoziert hat. Wenn dann auch noch ein wenig souveräner Schiedsrichter dazu kommt, die offensive Schaltzentrale in den ersten 45 Minuten ein Totalausfall ist und in einigen guten Situationen einfach auch das Quäntchen Glück fehlt, tja, dann verlierst Du halt so ein Spiel und musst ein wenig aufpassen, dass in absehbarer Zeit der Blick nicht doch wieder eher nach unten geht. 

Bevor das Geschehen auf dem Rasen in den Fokus rückte, stand natürlich noch einmal der Abschied von Hannes im Mittelpunkt. Klar, dass das Thema auch und besonders im ersten Heimspiel nach seinem Tod im Stadion allgegenwärtig war. Unbegreiflich deshalb, wie sich einige unverbesserliche Vollidioten während der Schweigeminute, der sich auch der gut gefüllte Gästeblock ohne hörbare Ausnahme anschloss, nicht zu blöd waren, die Stille mit Zwischenrufen zu stören. Unbegreiflicher noch, dass diese Zwischenrufe aus dem Heimbereich kamen. Wie wenig Anstand kann man eigentlich besitzen?

Und nur vorsorglich für den Fall, dass sich die Leute, die da rumgrölten, an den Fackeln gestört haben, die in die Stille hinein auf der Nordtribüne leuchteten: Tja nun. Das war, ist und bleibt nunmal eine der Ausdrucksformen der aktiven Fanszene. Einer Fanszene, die in den letzten Jahren in Magdeburg unfassbar viel auf die Beine gestellt hat und die, abgesehen natürlich von seiner Familie und engsten Freunden, Hannes’ Tod mit Abstand am stärksten beschäftigen dürfte. Was übrigens, auch das sei an dieser Stelle explizit erwähnt, in einem unglaublich bewegenden Text im aktuellen “Planet MD” zum Ausdruck kommt. Wenn diese Fanszene sich jetzt dazu entschließt, mit dem einen oder anderen Leuchtfeuer von einem Freund und Wegbegleiter Abschied zu nehmen, muss man Pyrotechnik zwar sicherlich immer noch nicht grundsätzlich gutheißen, sollte es aber zumindest für den Moment respektieren und wenigstens in dieser einen Minute einfach mal die Klappe halten.

Viel problematischer als ein paar Lichter auf der Tribüne sind ja ohnehin Tapeten, auf denen sowas wie “Politik raus aus dem Stadion!” geschrieben steht. Warum? Weil es sich dabei u.a. auch um Nazi-Parolen handelt, die immer mal wieder gern genommen werden, um im vermeintlich “unpolitischen” Fußballumfeld Anhänger*innen für die eigene – politische – Sache zu gewinnen. Klingt vielleicht komisch, ist aber tatsächlich so. Nicht falsch verstehen: Ich möchte gar nicht unterstellen, dass diejenigen, die solche Tapeten vorbereitet und pünktlich zur Schweigeminute hochgehalten haben, mit diesen Motiven unterwegs waren. Nur muss man aus meiner Sicht den Zusammenhang zwischen solcherlei Aussagen und einer gefährlichen Öffnung nach rechts auf dem Schirm haben. Wie problematisch es werden kann, wenn man (auch als Verein!) so eine *räusper* Politik des angeblich unpolitischen Stadionbesuchs fährt, sieht man unter anderem in Aachen, Braunschweig, Dortmund oder – wer es fußballerisch näher braucht – in Duisburg. Mal ganz davon abgesehen, dass solche Slogans ja letzten Endes genau das sind, wogegen sie sich wenden: politische Aussagen nämlich und damit quasi ein Widerspruch in sich. Schwieriges Thema insgesamt und eins, das sich in so einem Spielbericht notwendigerweise nur in Ansätzen entfalten lässt. Soll reichen an der Stelle, wobei ‘aufgeschoben’ aber natürlich nicht ‘aufgehoben’ bedeutet.

Kommen wir lieber zum sportlichen Teil der Veranstaltung, und der gestaltete sich aus Magdeburger Sicht in den ersten 45 Minuten, nun ja, erschreckend. Jens Härtel schickte seine Jungs im 4-2-3-1 in die Partie, in jener Grundordnung also, die schon zu Saisonbeginn eher mäßig funktionierte. Dazu dribbelten einige Akteure in ungewohnten Positionen auf: Nico Hammann z.B. bildete mit Felix Schiller die Innenverteidigung, links statt rechts spielte Nils Butzen, auf der anderen Seite Tarek Chahed. Jan Löhmannsröben und Marius Sowislo agierten, wie gewohnt, im Mittelfeld vor der Abwehr, die Offensivreihe bestand aus Tobias Schwede links, Gerrit Müller zentral und Ahmed Waseem Razeek rechts. Christian Beck gab die einzige Spitze. Insgesamt also vier Änderungen gegenüber dem Auftritt in Erfurt und eine nominell ziemlich offensive Ausrichtung – was man durchaus mal machen kann, wenn die Defensive sicher steht und die Offensive zuverlässig klickt.

Dass beides zunächst ziemlich schief ging, lag zum einen an einer Abwehrreihe, die dem schnellen, ballsicheren und direkten Spiel der Chemnitzer Gäste lediglich bis zur 12. Minute standhalten konnte. Einem Ballverlust im Spielaufbau folgt ein schnelles Umschalten des CFC und ein Pass aus abseitsverdächtiger Position in die Mitte, wo Marius Sowislo und Nils Butzen den Ball nicht geklärt kriegen und sich Anton Fink aufseiten der Himmelblauen in seiner Rolle als Drittliga-Rekordtorschütze nicht lange bitten lässt. Ärgerlicher Gegentreffer, zumal der Club bis dahin recht ordentlich mitgespielt hatte und sich Chemnitz im Prinzip gleich mit der ersten gefährlichen Aktion belohnen konnte.

Zum anderen musste der Matchplan in Halbzeit 1 scheitern, weil Gerrit Müller einen völlig gebrauchten Tag erwischt hatte (passiert!) und nach der Halbzeitpause folgerichtig auch für Manuel Farrona Pulido Platz machen musste, der sich die ersten 45 Minuten wiederum etwas überraschend von der Bank aus ansah. Wenigstens wurde er von dort gemeinsam mit den 17.700 Stadionbesuchern in der 7. Minute Zeuge, wie Jan Glinker an der Strafraumgrenze erst einmal ganz geschmeidig den balljagenden Daniel Frahn aussteigen lässt, sodass der sogar selber lachen muss. Konnte zu dem Zeitpunkt ja noch keiner ahnen, dass der Lacher nach dem Schlusspfiff aufseiten des Ex-Leipzigers sein würde…

In Spielminute 16 dann fast die Antwort der Hausherren auf den durch Fink herbeigeführten Rückstand, und zwar in Person von Christian Beck: Schön auf links (und dort nicht zum ersten Mal) freigespielt, scheitert er allerdings am Chemnitzer Schlussmann. Die Bewegung gab es ein wenig später in fast identischer Form noch mal, diesmal missglückte allerdings ein Pass in die Mitte. Ansonsten, das muss man schon auch sagen, befand sich unsere Sturmspitze bei der 1,96-m-Schrankwand Emmanuel Mbende überwiegend in ziemlich guten Händen. Als der Club nach 36 Minuten durch Felix Schillers Kopfball erneut gefährlich wird, steht es bereits 0:2 – einen letztlich wohl berechtigten Elfmeter hatte Anton Fink in der 24. Minute im Nachschuss verwandelt. Und in der 34. Minute sogar noch das 0:3 auf dem Fuß, nachdem er Nico Hammann in der Konterbewegung mit einer einfachen Körpertäuschung aussteigen und Jan Glinker mit seinem Schlenzer aufs lange Eck ordentlich fliegen ließ. Der Club brachte derweil offensiv nichts weiter zustande, sodass es mit dem ernüchternden 0:2 in die Pause ging.

Halbzeit 2 startete dann so, wie man sich den 1. FC Magdeburg in den ersten 45 Minuten schon gewünscht hatte: mit viel Schwung, großem Engagement, etlichen Standards, Manuel Farrona Pulido auf dem Feld und durchaus der einen oder anderen vielversprechenden Szene im Strafraum. Bis zur 61. Minute fand Chemnitz offensiv im Prinzip nicht mehr statt, sondern hatte alle Hände voll zu tun, sich Abschlüssen von Hammann (Freistoß, 46.), Pulido, Löhmannsröben (Fernschüsse, 57. bzw. 61) und Beck (Kopfball, 58.) zu erwehren. Mitten rein in die Magdeburger Drangphase dann allerdings die vermeintliche Vorentscheidung: Nach einem von vielen recht merkwürdigen Pfiffen des reichlich unsouverän wirkenden Harm Osmers ist der Club noch mit Lamentieren beschäftigt, während Chemnitz einfach weiter Fußball spielt und nach schönem Konter nebst überragender Hereingabe vom gut aufgelegten Anton Fink in Person von Dennis Grote auf 0:3 erhöht. “Messe gelesen”, dürfte der überwiegende Teil der Anhänger zu diesem Zeitpunkt gemeint haben – und lag kurioserweise falsch.

In der 65. Minute schickte Jens Härtel Florian Kath für Tarek Chahed in die Partie, beorderte Tobias Schwede auf die Linksverteidiger-Position und gab Kath auf dem linken Flügel die Gelegenheit, sich erstmals seit der Partie gegen Paderborn wieder über einen längeren Zeitraum zu zeigen. Und genau das tat er auch, was darauf hoffen lässt, ihn in Regensburg vielleicht sogar noch ein kleines bisschen länger zu sehen. Zwei schwer zu nehmende, aber immerhin aufs Tor gebrachte Kopfbälle in kurzer Folge, ein Lattenschuss sowie ein paar gute Dribblings und kluge Pässe sind jedenfalls für 25 Minuten kein ganz so schlechter Arbeitsnachweis. Wie es nicht geht, zeigte indes einmal mehr – leider – Maurice Exslager, der in der 77. Minute für Ahmed Waseem Razeek ins Spiel kam. An irgendeine (!) Ballaktion des Ex-Zweitligaspielers kann ich mich jedenfalls nicht erinnern, was aber auch nicht verwundern kann, wenn u.a. die Weigerung, bei hohen Bällen wenigstens mal hochzuspringen, wohl als so etwas wie ‘Anti-Antizipation’ durchgeht.

Mag ja sein, dass Exslager seine Qualitäten hat, wie jetzt unter der Woche mehrfach zu hören und zu lesen war. Ich würde das gern glauben. Nur ist es dann einfach problematisch, dass jemand mit seinem Anspruch nicht schon kurz vor der Einwechslung an der Seitenlinie beim “Mit-den-Füßen-scharren” Löcher in den Rasen schaufelt, um dann, wenn er aufs Feld kommt, auf allen seinen Laufwegen Brandspuren zu hinterlassen. Aus meiner naiven Fan-Sicht erwarte ich mit Maurice Exslager jemanden, der, wenn er seine Einsatzzeit bekommt, massiv an den Ketten zerrt und nicht einen Spieler, der nach Abpfiff sein Trikot im Prinzip blitzeblank und unverschwitzt wieder in den Spind räumen kann. Aber gut und 5 Euro ins Phrasenschwein: Die Saison ist noch lang und Exslager wird sicherlich, ganz bestimmt, auf jeden Fall und selbstverständlich noch sehr, sehr wertvoll werden….

Richtig verrückt wurde es dann in den letzten 11 Minuten: Zunächst kann Christian Beck auf 1:3 verkürzen und tut das auch, nur, um zwei Minuten später Daniel Frahn dabei zuschauen zu müssen, wie der einen weiteren mustergültigen Konter gegen eine aufgerückte Magdeburger Defensive zum 1:4 abschließt. Und wenig später, während etliche Stadionbesucher schon auf dem Weg zu ihren Autos sind, das eigentlich fällige 1:5 recht kläglich vergibt. Der neuerliche Anschluss von Kapitän Marius Sowislo fällt dann in Spielminute 87, kommt letzten Endes aber zu spät, sodass der Chemnitzer FC das erste Mal in dieser Saison drei Punkte mit nach Hause nehmen kann und dem 1. FC Magdeburg die zweite Niederlage in Folge beschert.

Unter dem Strich bleibt eine verdiente, aber ärgerliche Heimpleite, bei der die ersten 45 Minuten den Ausschlag gaben und die Mentalität des Teams im zweiten Durchgang dafür sorgte, dass es zwischendrin wenigstens noch mal ein wenig spannend wurde. Was dann im Prinzip auch einer der wenigen Lichtblicke ist, die man aus dem Spiel mitnehmen sollte; es war schon beeindruckend, wie sich die Mannschaft einfach weigerte, sich in die Niederlage zu fügen. Der zweite Lichtblick trägt den Namen Florian Kath, der gezeigt hat, dass er definitiv mehr als nur eine Alternative sein kann und sicherlich im weiteren Saisonverlauf noch seine Einsätze bekommen wird. Was den Systemwechsel von 3-5-2 auf 4-2-3-1 betrifft, hat ja Jens Härtel in der Pressekonferenz nach der Partie schon bilanziert, dass das und auch die Umstellungen insgesamt nicht so sehr gefruchtet haben. Aber auch hier gilt: Matchpläne können eben auch mal nicht aufgehen; überrennen wir den Chemnitzer FC, gehen vielleicht unsererseits in Führung und gewinnen möglicherweise sogar die Partie, würden wir den Trainer jetzt alle für seinen genialen taktischen Schachzug feiern. Mal ganz davon ab, dass der Chemnitzer FC eben auch mit einer sehr, sehr guten Mannschaft unterwegs ist und die Saison mit einiger Sicherheit nicht in den unteren Tabellenregionen beenden wird.

Für die Größten der Welt kann es jetzt nur heißen, nach der Sieges- bloß keine Niederlagenserie zu starten, sondern bestenfalls gleich am kommenden Wochenende im fernen Regensburg wieder in die Erfolgsspur zu finden. Und mit dem Einsatz aus der zweiten Halbzeit gegen Chemnitz sollte sich das eigentlich auch machen lassen. In diesem Sinne: weiter, immer weiter!

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