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Zwischen Angst und Hoffnung

Angst

Ich habe Angst vor diesem Beitrag. Einerseits, weil ich meine Sprache, was Fußball und das ganze Drumherum betrifft, seit Mittwoch noch nicht so recht wiedergefunden habe. Andererseits, weil die Gedanken im Kopf immer noch Karussell fahren. Und schließlich auch, weil ich einfach keine Antwort auf die Frage finden kann, wie es nun eigentlich weitergehen soll. Aber wie auch? So, wie die Sache momentan liegt, dürfte das niemand wissen. Die Fanszene nicht, der Verein nicht, die Behörden nicht und irgendwelche Politiker schon gleich gar nicht. Es ist mir ja sowieso unbegreiflich, wie man Stunden nach dem Tod eines Fußballfans mit Forderungen und vermeintlich klugen Ideen um die Ecke kommen kann. Aber vermutlich hat man, wenn man in bestimmten Ämtern und Würden ist, auch gar keine andere Wahl, als sich entsprechend zu äußern. Möglicherweise glaubt man auch, dass die Öffentlichkeit das von einem erwartet. Kann man aus der Perspektive vielleicht auch verstehen. Oder auch nicht. Keine Ahnung.

Für die Medien gilt das ganz ähnlich. Ich weiß nicht, wem es nützt und worin der Nachrichtenwert besteht, wenn es in den ersten 24 Stunden nach der traurigen Mitteilung quasi Liveticker zum Geschehen gibt und minütlich irgendwelche Updates aufpoppen. “So nimmt das Netz Anteil”, “Das sagt der Trainer”, “Hier gibt es Fotos von den Mahnwachen in Magdeburg und Haldensleben” etc. pp. Klar, die Menschen in den Redaktionen machen auch nur ihren Job, aber für mein Gefühl war das alles doch einen Ticken drüber. Kluge, differenzierende Texte gab es wenige, aber vielleicht ist es dafür auch noch etwas zu früh. Gleichzeitig wirft das aber auch die Frage auf, in was für einer Welt wir eigentlich leben, wenn die gebotene Sachlichkeit und Zurückhaltung in der Berichterstattung offenbar hinter Live-Meldungen über trauernde Menschen und irgendwelchen Kommentaren und Wertungen zurückstehen muss. Was ja aber nicht nur für diesen speziellen Fall, sondern generell gilt. Und da gehören zwei Seiten zu – diejenige, die entsprechende Meldungen produziert und jene, von denen sie eben konsumiert wird. Aber das ist sowieso noch mal ein Thema für sich.

Hannes’ Tod hat, so geht es zumindest mir gerade, alles verändert. Bis Mittwoch war jeder Spieltag ein Feiertag, Fußball vor allem Spaß, Leidenschaft, Nervenkitzel, Euphorie und ganz oft alles zusammen. Jetzt am Samstag werde ich das erste Mal in meinem Fan-Leben zu einem Pflichtspiel des 1. FC Magdeburg fahren und es wird nicht in erster Linie um Fußball oder die Unterstützung der Mannschaft gehen. Sondern darum, zusammenzustehen und einfach nur da zu sein. Irgendwie. Es ist schwer zu erklären. Und ich habe keine Ahnung, wann sich der Gedanke, irgendwo in der Republik in einem Fanblock zu stehen und aus voller Kehle unbeschwert sowas wie “Unser Club ist unbesiegbar!” oder “Von Hamburg bis nach Liverpool…” zu singen, nicht mehr vollkommen deplatziert anfühlt. Würde man richtig pathetisch werden wollen, könnte man jetzt Sätze bringen wie “Der Fußball hat seine Unschuld verloren”. Was natürlich völliger Quatsch ist, die Sache ist ja längst durch. Aber auch das ist noch mal ein Thema für sich.

Ganz ehrlich: Ich habe Angst davor, wie es jetzt weitergeht. Angst vor den Antworten, die im Zusammenhang mit Hannes’ Sturz immer noch ausstehen. Angst vor den Konsequenzen aus der ganzen Situation. Ja, auch Angst vor der Atmosphäre am Samstag in Erfurt oder überhaupt bei den nächsten Spielen. Vom Derby Ende November fange ich mal gar nicht erst an – zumal der DFB in seiner unglaublichen Güte und Weitsicht gestern ja direkt mal wieder mächtig Fingerspitzengefühl bewies und uns bei jener Partie womöglich sogar vor der Tür stehen lässt. Und ja, ich weiß, da sind wir selbst nicht ganz unschuldig dran, aber auch das ist noch mal… Ihr wisst schon.

Wenn es denn stimmt, was man sagt und in jedem Dunkel auch ein wenig Licht steckt, bleibt am Ende des Tages aber neben ganz viel Ungewissheit eben auch Hoffnung übrig. “Es ist ein Krieg, den Ihr nie verstehen werdet” hat man in der Vergangenheit immer mal wieder gelesen, wenn es um Halle und den FCM ging. Und das stimmt. Vielleicht kann es ja aber, um in der Rhetorik zu bleiben, wenigstens einen dauerhaften Waffenstillstand geben. So als ersten Schritt. Vielleicht engagieren sich die Vereine in Zukunft stärker nicht nur für schwarze Nullen, tolle Events und zufriedene Sponsoren, sondern auch für gesellschaftliche Fragen. Also ernsthaft. Es gibt starke und mutige Beispiele, die aber Ressourcen, Haltung, Rückgrat und Bewusstsein dafür verlangen, dass man eben auch ein großes Stück gesellschaftliche Verantwortung trägt. Was im übrigen auch für die Medien und nicht zuletzt auch für jeden einzelnen von uns gilt. Vielleicht müssen wir uns alle mal wieder ganz deutlich bewusst machen, dass wir letzten Endes doch eigentlich alle nur Fußballfans sind, vollkommen unabhängig davon, welche Farben die Schals haben, die wir am Spieltag tragen. Und dass das, was an so einem Spieltag passiert, eben kein Krieg ist, sondern einfach nur ein Fußballspiel. Man muss ja nicht gleich mit der anderen Seite in den Urlaub fahren, aber so ein grundlegendes Maß an Respekt sollte doch eigentlich drin sein.

Hannes hilft das alles nicht mehr. Aber gerade deswegen kann es jetzt eigentlich nur darum gehen, mit der ganzen Situation behutsam und vor allem konstruktiv umzugehen. Wie, weiß ich am Ende des Textes immer noch nicht. Aber zumindest ist ein Stück der Angst einem gewissen Maß an Hoffnung gewichen. Es liegt (auch) an uns.

 

Beitragsbild: “hope” (geändert) von transp, Lizenz: CC BY 2.0

3 Kommentare

  1. Pingback: Zwischen Angst und Hoffnung | re: Fußball

  2. Hi Alex!
    Dein muliges Gefühl vor dem Erfurtspiel kann ich absolut verstehen. Wie soll man in nächster Zukunft je wieder unbeschwert Fussball feiern können..?
    Ich war zur Mahnwache vor dem HKS und es waren sehr sehr viele Menschen da. Mich hat beeindruckt, wie so viele Menschen so leise sein können. Aber es hat mir auch Kraft gegeben, einfach nur da zu sein. Ähnlich wird es vielleicht auch in Erfurt sein.
    Perspektivisch denke ich, dass wir nach dem Hallespiel (in dem hoffentlich alle die Nerven behalten) nicht mehr so niedergeschlagen sein werden.

    Ich wünsch Dir ganz viel Kraft! Du bist nicht allein.

  3. Manchmal hilft es schon, die Gedanken, die einem im Kopf umherkreisen, ein wenig zu ordnen und zu Papier zu bringen. Umso besser, wenn dabei so vernünftige Worte herauskommen wie in diesem Falle.

    Hannes’ Tod sollte uns Mahnung und Auftrag sein, so etwas nie wieder zuzulassen. Eine Art “Gentlemen-Agreement” zwischen jenen, die diesen “Krieg” führen, wäre ein erster Schritt.

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