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Leseempfehlung: “Zeitspiel”

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

Wenn ich der Sommerpause einen einzigen positiven Aspekt abgewinnen müsste, wäre es vermutlich der, sich endlich mal wieder in Ruhe mit Fußballgeschichten abseits des eigenen Vereins beschäftigen zu können. Und so traf es sich natürlich gut, dass Ende Juni mit “Zeitspiel”, der ersten Ausgabe des “Magazins für Fußball-Zeitgeschichte”, neuer Lesestoff in meinen Briefkasten wanderte. Beim ersten Durchblättern dann gleich die angenehme Überraschung: Nix da mit “Fußballgeschichten abseits des eigenen Vereins”, jedenfalls nicht ausschließlich. Der 1. FC Magdeburg taucht nämlich nicht nur in der Rubrik “Gästeblock” auf einer Doppelseite auf, sondern wird auch in den Beiträgen zum Thema “Überleben im Turbokapitalismus”, gleichzeitig Titelthema der Erstausgabe, immer mal wieder als Referenz herangezogen. Grund genug, die Premierennummer der Herausgeber Hardy Grüne und Frank Willig hier im Blog ein wenig genauer vorzustellen. 

“Zeitspiel möchte eine Lücke füllen zwischen der Hochglanzberichterstattung über den “großen” Fußball mit all seiner schillernden Starattitüde und dem von Fans wie Funktionären gleichermaßen betriebenen “kleinen” Fußball zwischen dritter und sechster Liga. Den Kommerzfußball überlassen wir mit reinem Gewissen anderen Medien und kümmern uns lieber um jene Bereiche, die im Schatten der von exzessiver Vermarktung geprägten Events wie Weltmeisterschaft, Champions League und Bundesliga stehen.”

Mit dieser Ansage im Vorwort zur ersten Ausgabe, die hier “Kabinenpredigt” heißt, schicken die Herausgeber die geneigte Leserin und den geneigten Leser auf eine Reise in die Bereiche des Fußballs, die im Medienmainstream tatsächlich ein ziemlich stiefmütterliches Dasein führen. Wo erhält man schließlich sonst noch ausführliche Einblicke in die Fußballkultur Tansanias, erfährt etwas über den Werdegang des hessischen Traditionsvereins Borussia Fulda oder kann seine Fußballgeschichts-Kenntnisse mit einem ausführlichen Beitrag über Schlesien aufpolieren?

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Verwendung mit freundlicher Genehmigung der “Zeitspiel”-Redaktion

Und damit ist das Titelthema der ersten „Zeitspiel“-Ausgabe noch gar nicht angesprochen: Aus verschiedenen Blickwinkeln widmen sich unterschiedliche Autoren der Frage, wie insbesondere Vereine in der vierten und fünften Liga den Spagat zwischen einer ausgeglichenen wirtschaftlichen Bilanz und sportlichen Ambitionen hinkriegen. Insbesondere dann, wenn es sich um Vereine handelt, die in ihrer Geschichte nicht immer im (leistungsorientierten) Amateurfußball unterwegs waren. Spätestens hier sollte es dann auch bei den Anhängern der Größten der Welt klingeln, schaffte unser Club diesen Balanceakt zwischen 1989 und 2015 doch mal mehr, mal weniger gut. Besonders interessant fand ich in diesem Zusammenhang den Beitrag von Christian Jessen, der darin auf die Frage, ob der hochklassige Amateurfußball noch zu retten sei, mit zwei Gegenfragen antwortet: „Kann der jeweilige Verein seinen eigenen Ansprüchen genügen, gehört er überhaupt in die Reihe der 56 Profiklubs unseres Landes? Und ist die aktuelle Ligenstruktur geeignet, um Traditionsvereinen gute Möglichkeiten zu bieten?“

Überhaupt besteht die große Stärke des Heftes darin, über das Stellen der richtigen Fragen einfach mal die Perspektive zu wechseln und so die gängigen Mechanismen des Fußballgeschäfts auch aus dem Blickwinkel der vermeintlich ‚Kleinen’ anschaulich darzustellen. Und das liest sich dann bisweilen so:

„Viert- und Fünftklassigkeit sind die fußballerischen Wellblechhütten des Turbokapitalismus. In ihr treffen Traditionsvereine wie Rot-Weiss Essen, Kickers Offenbach oder 1. FC Saarbrücken auf namenlose Dorfklubs, stehen tausendköpfige Auswärtsfanscharen überforderten Amateurvereinen gegenüber. Es tobt ein Verdrängungs- und Überlebenskampf, der in den letzten Jahren zahlreiche Opfer gefordert hat.“

Plauen, anyone?

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Verwendung mit freundlicher Genehmigung der “Zeitspiel”-Redaktion

Insgesamt besticht „Zeitspiel“ durch hervorragend recherchierte Beiträge zu interessanten Themen abseits des Hochglanzfußballs, durch Texte mit Herzblut und durch ein ansprechendes Layout mit schönen Bildbeiträgen. Das Heft kommt ohne Werbung aus, dafür werden für die Einzelausgabe allerdings auch 7,80 € fällig. Das Magazin gibt es nicht im Handel, sondern lediglich per Direktbezug oder als Abonnement. Näheres hier.

Wenn man Hardy und Frank vom “Zeitspiel”-Magazin einen Vorwurf machen kann, dann den, dass die erste Ausgabe ‘nur’ 90 Seiten dick wurde. Wie soll man so vernünftig über eine ausgewachsene Sommerpause kommen?

Aber im Ernst: Von mir gibt es für das Heft eine uneingeschränkte Leseempfehlung und ich freue mich jetzt schon auf Ausgabe 2, deren Titelthema “Süße Hölle Aufstiegsspiele” lauten wird.

 

1 Kommentar

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