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Kampfpunkt

1. FSV Mainz 05 II – 1. FC Magdeburg, 2. Spieltag, 2-2 (0-2)

Jens Härtel wusste, dass es schwer werden würde gegen die U23 von Mainz 05, und er sollte Recht behalten. 2-2 trennten sich die Größten der Welt und der Mainzer Bundesliganachwuchs am 2. Spieltag nach einem intensiven Drittligaspiel. Dass der 1. FC Magdeburg im ersten Auswärtsspiel in der neuen Liga am Ende überhaupt einen Punkt mitnahm, hat er zum einen einer überragenden kämpferischen Leistung und zum anderen dem Umstand zu verdanken, dass man 2 Standardsituationen in der ersten Hälfte mustergültig zu verwerten wusste. Spielerisch indes konnten vor allem die Gastgeber überzeugen, sodass die Punkteteilung am Ende vollkommen in Ordnung geht.

Unser Trainer hatte die Anfangsformation gegenüber dem Drittligadebüt gegen Erfurt auf einer Position verändert, nicht ganz unerwartet spielte Ahmed Waseem Razeek für Manuel Farrona-Pulido von Beginn an. Und kaum hatte man sich im Gästeblock am Mainzer Bruchweg einigermaßen sortiert, eingeklatscht und eingesungen, stand es auch schon 1-0 für die Guten. Nach einem langen Fuchs-Freistoß von der linken Seite bekommt die Hintermannschaft der Gastgeber den Ball nur per Kerze geklärt, der Mainzer Torhüter kommt nicht konsequent raus, Nicolas Hebisch sagt „Dankeschön“ und versenkt die Kugel mit einem klugen Kopfball. Die erste Reaktion auf das Tor im Gästeblock? Erst einmal gar keine, weil man ungläubig dabei zuschaute, wie die Kugel sich über den Mainzer Keeper so langsam ins Tor senkte. Erst als die Mannschaft auf dem Platz zum kollektiven Jubeln zusammenkam, gab es auch im Gästeblock die ersten Eskalationen nebst Bierduschen und Abklatschen mit dem Nebenmann. 1-0 nach 6 Minuten – besser kann ein Matchplan gegen so eine Mannschaft eigentlich gar nicht funktionieren.

Der Treffer gab nun natürlich ein gewisses Maß an Sicherheit und Selbstvertrauen, wenngleich die jungen Mainzer weiterhin sehr (und überwiegend erfolgreich) darum bemüht waren, Partie und Tempo zu kontrollieren und sich spielerisch vor das Magdeburger Tor zu arbeiten. Blau-Weiß hielt mit Kampf und Leidenschaft dagegen und konnte hier und da auch eigene spielerische Akzente setzen. Die zweite dicke Chance der Begegnung ergab sich aber wiederum aus einer Standardsituation: Ahmed Waseem Razeek kommt in zentraler Position zu Fall, die nicht immer wirklich souveräne Schiedsrichterin Riem Hussein gibt Freistoß – und Lars Fuchs verwandelt selbigen direkt und knochentrocken über die Mainzer Mauer hinweg rechts ins Tor. 2-0 nun und diesmal sofort ein völlig ekstatischer Gästeblock nebst Bierdusche Nummer 2 an diesem Freitagabend.

Zwei-Tore-Führung gegen Mainz 05 II und nicht mal unverdient, wer hätte das gedacht? Kurz vor der Halbzeit dann noch einmal einige gute Szenen der Gastgeber, dann war Pause. Zeit zum Durchatmen und Zeit auch, sich noch einmal verwundert die Augen zu reiben. Sollten wir wirklich gleich im ersten Auswärtsspiel den ersten Auswärtssieg holen?

Klar klingt eine 2-0-Halbzeitführung erst einmal komfortabel; klar war aber eigentlich auch: Sollte Mainz der Anschlusstreffer gelingen, bevor wir ein möglicherweise vorentscheidendes 3-0 erzielen, würde es noch einmal eine richtig enge Kiste werden.

Glücklicherweise waren es dann aber die Größten der Welt, die eigentlich besser aus der Kabine kamen und überhaupt gar keine Anstalten machten, sich irgendwie hinten reinzustellen und nur noch das 2-0 zu sichern. Ist halt nicht unser Spiel und das ist auch verdammt gut so. In der 55. Minute wird auf Mainzer Seite dann Devante Parker eingewechselt – und dieser Wechsel sollte sich gleich bezahlt machen. In einer Phase, in der der FCM die Begegnung eigentlich ganz gut im Griff hat, zieht ebenjener Parker zentral aus etwa 25 Metern einfach mal ab und nagelt die Kugel unhaltbar für Jan Glinker unter die Latte. Genau das, was am allerwenigsten hätte passieren sollen, war eingetreten: Der Mainzer Anschlusstreffer, noch dazu nach einem ziemlichen Sonntagsschuss.

Jetzt waren die Gastgeber da, zogen ihr Spiel auf und setzten unsere Defensive gehörig unter Druck – und Jens Härtel an der Seitenlinie mutierte so langsam zum Rumpelstilzchen. Vermutlich ahnte er da schon, was kommen würde: In der 64. Minute wühlt sich Chinedu Ede auf unserer linken Abwehrseite in den Strafraum, kann querlegen, findet in Julian Derstroff einen dankbaren Abnehmer und zack! steht es nicht ganz unerwartet 2-2.

Dass Mainz in der zweiten Halbzeit nicht noch ein drittes Tor nachlegen konnte, lag neben dem Unvermögen, vielversprechende Angriffe zu Ende zu spielen, vor allem daran, dass sich Blau-Weiß nun mit allem, was verfügbar war, in die Bälle warf – und dann eben auch mal Glück hatte, dass der eine oder andere Abpraller nicht beim Gegner, sondern beim eigenen Mann landete. Eigene Chancen ergaben sich allerdings bis auf einen Hebisch-Schuss lediglich noch nach Freistößen und Ecken, aus dem Spiel heraus passierte so gut wie nichts mehr. Daran änderten auch die beiden offensiven bzw. positionsgetreuen Wechsel (Chahed für Hebisch, Kruschke für Fuchs) nichts (Silvio Bankert war zuvor bereits für Christopher Handke gekommen).

Am Ende steht damit definitiv eher ein gewonnener Punkt als zwei verlorene. Natürlich kann man sich jetzt darüber ärgern, dass man einen Zwei-Tore-Vorsprung nicht über die Zeit brachte. Wir sprechen hier aber von einem Gegner, der noch vor einer knappen Woche in Kiel vier Tore erzielen konnte und in der Begegnung gegen uns eigentlich zu jedem Zeitpunkt gefährlich wirkte. Und auch wenn jetzt mindestens 5 Euro für das Phrasenschwein fällig werden: Im Bruchwegstadion werden noch ganz andere Mannschaften Punkte lassen. Ein 2-2 ist damit für einen Aufsteiger, der wir nun einmal sind, aller Ehren wert.

Ebenfalls darüber ärgern könnte man sich, dass wir noch nicht genügend spielerische Lösungen finden, hier und da noch (auch gedanklich) zu spät kommen und mitunter die Präzision fehlt. Möglicherweise sind das auch die Punkte, die Jens Härtel in der zweiten Halbzeit an der Seitenlinie das eine oder andere Mal haben sehr aus sich herausgehen lassen. In Erinnerung rufen sollte man sich aber bei solchen Gedanken, dass es eben das zweite Spiel in Liga 3 war und zwar für einen Kader, der bisher so wahnsinnig viel Profifußballerfahrung noch nicht sammeln konnte. Auch vor diesem Hintergrund muss man das Ergebnis einfach positiv einschätzen. Und dass es nur und ausschließlich mit Einsatz, Kampf und Entschlossenheit im weiteren Saisonverlauf nicht immer reichen wird, wissen Jens Härtel, sein Trainerteam und die Mannschaft mit Sicherheit selbst am besten.

So steht unter dem Strich eine eigentlich ganz entspannte Auswärtsfahrt mit einem intensiven, spannenden Spiel in einem irgendwie abgefahrenen, aber recht charmanten Stadion, zu dem im Laufe der nächsten Woche vermutlich noch ein gesonderter Beitrag erscheint. Eine Auswärtsfahrt, von der die Größten der Welt mit einem Punkt gegen den Abstieg im Gepäck wieder zurückkehren. Nicht mehr, aber definitiv auch nicht weniger.

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3 Kommentare

  1. Pingback: Kampfpunkt | re: Fußball

  2. Meinte Härtel nicht neulich noch, man müsse sich bei Standards verbessern? Das hat mit 3/4 der Tore ja funktioniert.
    Beim 1:2 waren sie natürlich arg schlafmützig, danach dann unsortiert.
    War denn was von Verunsicherung danach zu merken? Daran hatt’s ja gerne mal gekrankt, konnte man aber beim Sport im Osten nicht wirklich rauskriegen.

    • Verunsichert wirkte die Mannschaft eigentlich nicht, aber eben durch die Mainzer Spielweise in HZ 2 stark unter Druck. Am Ende war es dann nochmal ein ziemlich intensiver Schlagabtausch, bei dem man den Eindruck hatte, dass beide Teams den Sieg wollten. Härtel hat ja auch nicht defensiv gewechselt, sodass die Marschroute offenbar schon war, einfach weiter dagegen zu halten.

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