Permalink

2

Die verlorene Folge oder: Im Gespräch mit Nils Butzen

Nils Butzen

Teil 2/7: Entwicklungen in Magdeburg | Der Fan im Profi | Der FCM-Arbeitsalltag

[AS]: Ja, krass. Ich glaube, Jena und Erfurt ärgern sich so ein bisschen, dass sie damals nicht zugegriffen haben. Thomas schüttelt den Kopf?

[TH]: Ich denke, das die im Nachhinein schon gucken und denken „Naja, Mühlhausen. Der ist uns schon ein bisschen durch die Lappen gegangen.“ Die haben ja nicht mit Absicht gesagt: „Den Nils Butzen wollen wir nicht.“ Irgendwas ist da vielleicht beim Scouting schiefgelaufen oder im Umfeld …

[NB]: Vielleicht lag es auch an mir. Vielleicht war ich auch einfach noch nicht gut genug damals. Keine Ahnung. Das ist ja auch so eine Sache, dass es vielleicht auch daran lag, dass ich damals nicht so ehrgeizig war, die ganzen Stützpunkttrainings dort wahrzunehmen, über die man in die Bezirksauswahl kommt. Ich war da einfach nicht so engagiert und hab lieber selber für mich mit meinen Kumpels trainiert. Ich bin auch zum Training gegangen, ich war auch auf einem privaten Internat für Fußball. Sowas habe ich gemacht. Aber dieses gestellte DFB-Training, da habe ich keinen Spaß dran gefunden. Das war im Nachhinein vielleicht auch nicht so clever, aber wer weiß, wie es dann gelaufen wäre? Beschweren will ich mich nicht.

[AS]: Und für uns ist es einfach ein großer Glücksfall, das kann man schon definitiv so sagen. Jetzt bist Du, wie gesagt, seit 2009 dabei und was würdest Du denn sagen, so retrospektiv vom ersten Tag, den Du beim FCM hattest bis heute: Was ist denn vielleicht im Verein die größte positive Entwicklung, so insgesamt?

[NB]: Insgesamt muss ich sagen, dass es, als ich damals hierher in die B-Jugend kam, so war, dass die Jungs in meiner Mannschaft gesagt haben: „Lieber nicht mit dem Trainingsanzug in die Stadt.“ Ich will nicht sagen, dass man belächelt wurde, aber damals war es halt nichts Besonderes. Und jetzt ist es halt so, dass man in die Stadt geht und man sieht einfach auch Leute mit dem Fußballtrikot vom FCM rumlaufen und nicht Bayern München oder Borussia Dortmund. Klar, vereinzelt gibt es das auch, aber ich finde, dass die Mehrheit einfach FCM-Trikots trägt. Und das war damals einfach nicht denkbar. Ich kann mich nicht erinnern, dass damals irgendwer im FCM-Trikot durch die Stadt gelaufen ist. Vielleicht mal ein Pullover oder sowas … aber Trikots, in der Häufigkeit, wie das heute der Fall ist – das zeigt halt einfach auch, dass der Verein auch für kleine Kinder eine Anziehungskraft hat, die auch wichtig ist, um eine Grundlage für die nächsten Jahre zu schaffen. Und wenn der Verein nicht erfolgreich ist, dann orientieren sich natürlich auch die Kinder an Vereinen wie Dortmund oder Bayern oder wen es da noch alles gibt. Ich glaube, dass das die größte Veränderung war; gerade der Fanzuspruch ist eben extrem gestiegen. Damals waren vielleicht noch fünf-, sechstausend da in der Regionalliga. Das war ja auch das Jahr, wo an diverse Spieler noch ordentlich Geld bezahlt wurde und dann ging es erstmal steil bergab und wurde tendenziell noch schlechter. Und das ist jetzt die größte und schönste Veränderung in der Stadt, auch durch den Verein.

[AS]: Ja, auch durch den Erfolg. Ich kann jetzt völlig falsch liegen, aber ich glaube, deine Debütsaison in der ersten Mannschaft war dann auch direkt die, wo wir Letzter wurden in der Regionalliga, oder war das die Saison davor?

[NB]: Ja, das war genau das Jahr. Vier Trainer …

[AS]: Oh ja.

[NB]: … da war ich offiziell zwar Männerspieler, aber vom Alter her konnte ich noch U19 spielen. Ich hab also noch viele Spiele in der U19 und U23 gemacht, hab aber schon die Möglichkeit bekommen, komplett im Trainingskader der ersten Mannschaft zu sein, was auch für mich extrem lukrativ war. Einfach, um sich zu zeigen, vielleicht irgendwie eine Chance zu bekommen und am Ende war es ja unser jetzige Co-Trainer Thielemann, der dann am Freitag oder Samstag nach dem Training zu mir sagte: „Du spielst morgen.“ Das war damals gegen den BAK – also unseren jetzigen Trainer, was auch eine lustige Geschichte ist. Und das war diese Aktion mit den Pfeilen. Das Spiel werde ich einfach nie vergessen. So viele lustige Sachen: Der jetzige Co-Trainer gegen den jetzigen Trainer, das mit den Pfeilen, ein Spiel, das um die Welt ging. Das war damals mein erstes Regionalligaspiel. Das war auch das Jahr, in dem wir Letzter geworden sind, im Landespokalhalbfinale ausgeschieden sind gegen Haldensleben. Viele negative Dinge, die damals passiert sind, auch wenn es für mich positiv war, dass ich dann meine ersten Spiele im Männerbereich, beziehungsweise in der ersten Mannschaft, gemacht habe. Ja, nach diesem Jahr hätten viele wahrscheinlich auch einfach sagen können: „Ich hab’ keine Lust mehr“. So wie das gelaufen ist, es ging ja drunter und drüber. Da müssen wir nicht drumrum reden.

[AS]: Ja, wir saßen da irgendwie noch mit 2500 Leuten gegen Lübeck beim letzten Heimspiel. Das war ja die Saison, wo wir nur ein Heimspiel gewonnen haben, wo viele Leute – und da schließe ich mich nicht aus – wirklich nur noch hingegangen sind, um zu gucken, ob es wirklich möglich ist, in einer Saison kein einziges Heimspiel zu gewinnen.

[TH]: Wir haben es aber noch geschafft, gegen Wilhelmshaven, glaube ich.

[AS]: Ja, genau. Das war ganz übel. Aber lasst uns lieber nicht von den doofen Zeiten sprechen. Die sind leider noch nicht so lange her, aber wie gesagt: Heute sind wir da schon wesentlich besser unterwegs. Jetzt habe ich hier noch so eine Frage, die passt vielleicht auch ganz gut: Wie sehr ist man eigentlich als Fußballprofi selbst noch Fan? Oder anders gefragt: Guckst Du Dir, oder die ganze Mannschaft, weil Ihr Bock habt, einfach noch Spiele an? Oder gibt’s irgendwo den Punkt, wo man sagt: „Jetzt ist auch mal gut, jetzt will ich mal was anderes sehen.“

[NB]: Also grundsätzlich habe ich früher, bevor ich beim FCM war und als ich noch ein kleines Kind war, hab ich mich extrem für Dortmund interessiert, das war so ein Familiending. Das ist mittlerweile aber gegen Null gegangen. Ich hab schon noch Sympathien für den Verein, aber dass ich jetzt Fan bin, würde ich gar nicht mehr sagen. Ich guck mir Spiele an, auch abends, wenn Bundesliga oder Champions League läuft, guck’ ich mir das natürlich an. Aber ich guck’ auch sehr gerne Länderspiele, das muss ich auch sagen. Gerade nicht nur WM und EM, sondern auch die Testspiele, dafür interessiere ich mich sehr. Wenn ich also sagen würde, ich bin Fan einer Mannschaft, dann würde ich sagen von der Nationalmannschaft. Ich glaub’, das Trikot der Nationalmannschaft war auch das letzte Trikot, dass ich mir gekauft habe, abgesehen vom FCM-Trikot. Aber wie gesagt: Fan einer spezifischen Mannschaft im Vereinsfußball bin ich jetzt gar nicht mehr.

[AS]: Das finde ich aber spannend. Ich habe nämlich vorher auch überlegt: Wenn man jetzt den ganzen Tag nur mit Fußball beschäftigt ist… Ich vergleich das mal – obwohl das an vielen Stellen hinkt – mit so einem ganz regulären Job. Da gibt es ja auch Leute, die sagen: „OK, ich mach meine 40 Stunden und hab’ dann aber meine Hobbies und mach‘ was anderes.“ Es ist also schon interessant, dass Du jetzt sagst: „Na klar guckt man sich das noch an.“

[NB]: Aber es ist ja eben auch mein Hobby, das ist dann vielleicht nochmal was anderes.

[AS]: Ja, klar. Nur, dass Du dafür dann natürlich auch Dein Geld kriegst. Cool. Wir haben uns vorhin draußen, als wir Deine Kollegen vom Training haben kommen sehen, gefragt: Wie kann man sich denn so einen normalen Arbeitstag vorstellen, als Profispieler beim FCM? Gibt es das eigentlich? Also habt Ihr sowas wie „acht Stunden auf dem Gelände sein“? Wie sieht er denn aus, der typische Tag beim 1. FC Magdeburg?

[NB]: Also festgelegte Acht-Stunden-Tage haben wir nicht. Ich hab davon auch schon gehört, dass der eine oder andere Verein das gemacht hat, aber ich glaube, das sind Einzelfälle – meistens Vereine, bei denen es nicht so gut lief und die das dann gesagt haben: „So, jetzt bleibt Ihr mal acht Stunden da“. Aber das werden die auch nicht jeden Tag gemacht haben. Wenn wir so wie heute zweimal Training haben, ist 8:30 Uhr das erste Training, man muss immer eine halbe Stunde vorher da sein. Ich bin um sieben aufgestanden, ich wohne ja nicht weit weg vom Stadion, also ist das für mich ein kurzer Weg. Dann trainiert man – heute war es eine Krafteinheit, bei der wir auch mal etwas Neues ausprobiert haben mit einem Speedcourt von der Uni. Dann isst man eventuell Frühstück, weil man ja schon relativ zeitig fertig ist, oder geht Mittagessen. Um 14 Uhr ist das zweite Training, da muss man auch wieder eine halbe Stunde vorher da sein, analysiert vielleicht mal ein Spiel. Heute war das nicht der Fall, für Erfurt machen wir das morgen. Dann trainiert man bis 16 Uhr oder 16:30 Uhr und dann macht man halt noch viel für sich selbst: Dehnen, Kräftigung, so Sachen, die jeder für sich selbst braucht. Aber das ist eben jedem individuell überlassen. Wenn ich jetzt sage: „Ich brauch nix mehr“, dann gehe ich duschen und fahre nach Hause. Aber so bin ich nicht, ich mach immer noch meine halbe Stunde nach dem Training – auch vor dem Training – , weil ich mich dann einfach auch besser fühle, als wenn ich dusche, nach Hause fahre und mich ins Bett lege. Das habe ich auch erst so für mich entdeckt, das war nicht immer so. Das kam irgendwann auch durch ältere Spieler, die das öfter gemacht haben und seitdem mache ich das auch. Mittlerweile bin ich dadurch auch immer erst relativ spät aus der Kabine raus, immer einer der letzten. Das ist aber so eine Sache, ich mach das nicht, um der letzte zu sein, sondern ich bin dann eben auch immer dabei, irgendwas zu machen. Man hängt also nicht einfach in der Kabine rum, klar – mal sitzt man ein paar Minuten und unterhält sich, aber wir haben auch unser Wärmebecken und Kältebecken, um einfach auch für die Regeneration was zu tun. Der Tag ist dann schon relativ lang. Aber es ist halt auch nicht nur effektive Arbeitszeit, wie es bei normalen Arbeitsplätzen wäre, wo man die ganze Zeit am Arbeiten ist. Wir haben da schon unsere Freizeit zwischendurch, Mittagessen, das ist schon alles Luxus, wenn man überlegt, dass andere Leute acht Stunden arbeiten. Aber man darf eben auch nicht vergessen, dass man kein Wochenende hat, wenn wir sonntags spielen. Und freie Tage: Einer in der Woche. Es ist eben auch nicht so, dass wir unser Wochenende mit zwei freien Tagen hätten. Das so eine Sache, die viele auch vergessen.

2 Kommentare

  1. Pingback: Die verlorene Folge oder: Im Gespräch mit Nils Butzen | re: Fußball

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.