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Der feine Unterschied

32. Spieltag

1.FC Magdeburg – FC Erzgebirge Aue, 32. Spieltag, 0:3 (0:3)

Es gab ja in dieser Saison schon einige bemerkenswerte Spiele mit blau-weißer Beteiligung. Die Begegnung gegen Aue allerdings setzte – mal wieder – neue Maßstäbe, und zwar sowohl in positiver wie in negativer Hinsicht. Betrachtet man die nackten Fakten, so hat der 1. FC Magdeburg mit der jüngsten Niederlage erstmals in dieser Saison drei Spiele in Folge verloren. Eine Premiere ist auch die Tordifferenz: Erstmals ging ein Spiel mit drei Toren Unterschied an den Gegner; in Dresden musste Jan Glinker zwar auch dreimal hinter sich greifen, es gelangen aber immerhin noch 2 eigene Treffer. Diese blieben den Größten der Welt diesmal verwehrt – ebenfalls zum dritten Mal in Folge. Kurios in diesem Zusammenhang auch: Würde man die Spiele in Cottbus, gegen Kiel und jetzt gegen Aue nebeneinander legen, würde der Auftritt gegen die Sachsen mit einiger Sicherheit als mit Abstand beste Partie aus dieser Reihe hervorstechen. Dass man trotzdem verlor, war letzten Endes einer unheimlichen Auer Kaltschnäuzigkeit, verbunden mit drei schlimmen eigenen Patzern, geschuldet – man könnte es auch auf die Formel bringen, dass der Club das Spiel und der FC Erzgebirge eben die Tore machte; der feine Unterschied halt zwischen einem Aufstiegskandidaten und einer Mannschaft, die das erste Jahr 3. Liga spielt.

Bemerkenswert war der Auftritt gegen Aue aber noch aus einem ganz anderen Grund: Ich kann mich an kein Spiel in der jüngeren Vergangenheit erinnern, in der ein Verein und eine Mannschaft trotz eines deutlichen Rückstandes derart gefeiert wurden. Dass nach Spielende und bei diesem Ergebnis die ganze Fankurve des unterlegenen Vereins in dem Moment, in dem die Mannschaft vor den Block kommt, zu “Einmal blau-weiß, immer blau-weiß!” zu springen beginnt, gibt es in dieser Form vermutlich auch nur in Magdeburg. Wüsste man es nicht besser, hätte man annehmen können, dass sich die Jungs und Mädels, die für die Anzeigetafel verantwortlich sind, einen üblen Aprilscherz erlaubt hatten.

Hatten sie aber nicht, und das lag einerseits an eiskalten Auer Gästen und andererseits an einer Magdeburger Defensive, die den Tabellenzweiten in der ersten Hälfte genau dreimal zum Toreschießen förmlich einlud. Dabei begann die Partie äußerst vielversprechend und legte nicht nur die Nordtribüne (u.a. mit einer schicken Choreo), sondern auch die Mannschaft los wie die Feuerwehr. Jens Härtel ließ Blau-Weiß im inzwischen gewohnten 4-2-3-1 beginnen, wobei Steffen Puttkammer für David Kinsombi in die Innenverteidigung rutschte und Burak Altiparmak den Platz von Niklas Brandt neben Jan Löhmannsröben im Mittelfeld einnahm. Ansonsten liefen die üblichen Verdächtigen auf: Nico Hammann links defensiv, Nils Butzen rechts, Christopher Handke als zweiter Innenverteidiger, von links nach rechts Manuel Farrona Pulido, Marius Sowislo und Sebastian Ernst in der Offensive, davor Christian Beck als einzige Spitze.

In den ersten 17 Minuten ließen die Mannen in Blau den FC Erzgebirge Aue dann auch kaum zur Entfaltung kommen und brachten all die Tugenden auf den Rasen, die man in Cottbus und gegen Kiel über weite Strecken so schmerzlich vermisste: Einsatz, Kampf und Leidenschaft. Man setzte nach, kommunizierte viel miteinander, half sich aus und spielte konsequent nach vorne, ohne allerdings – ein Manko, das mit zunehmender Saisondauer immer deutlicher zutage tritt – im letzten Drittel wirklich zwingend zu werden. So war es auch der FC Erzgebirge Aue, der in der 6. Minute den ersten, allerdings ungefährlichen Torschuss abgab. Die erste richtig gute Gelegenheit des Spiels hatte dann für die Guten Jan Löhmannsröben, der in der 11. Minute aus gut 25 Metern einfach mal draufhält und den Ball formschön an die Latte setzt – den hätte der starke Martin Männel im Tor des FCE nicht mehr gesehen.

Die Qualität der Gäste zeigte sich erstmals sehr deutlich in Spielminute 18: Ein Magdeburger Ballverlust in der Vorwärtsbewegung (ärgerlich) führt zu einem langen Ball auf den rechten Auer Flügel, die flache Hereingabe (noch ärgerlicher) landet bei Pascal Köpke, der sich gegen Christopher Handke durchsetzt (extrem ärgerlich) und die Kugel aus spitzem Winkel durch die Hosenträger von Jan Glinker ins Tor schießt (am aller ärgerlichsten). Die Führung für die Gäste wie aus dem Nichts mit dem ersten ordentlich vorgetragenen Angriff, der gleich zu einem Torerfolg führte. Der Stimmung tat das allerdings keinen Abbruch – “Jetzt erst recht!” lautete das Motto und so wurde die Mannschaft weiter bedingungslos nach vorne gepeitscht. Oder um an dieser Stelle mal meinen Nebenmann zu zitieren: “Zwanzig Minuten in die erste Halbzeit und ich bin jetzt schon heiser!”. So wie dem guten Martin wird es wohl einigen auf der Nordtribüne gegangen sein.

Nach 25 Minuten wären der Einsatz auf dem Rasen und der auf den Rängen fast belohnt worden: Erst kann Martin Männel mit der Heimkurve im Rücken aber einen weiteren Fernschuss entschärfen und auch direkt im Anschluss den versuchten Nachschuss durch den gut einrückenden Marius Sowislo stark zur Ecke klären. Eine solche führte in der 38. Minute zum zweiten Tor des Tages, allerdings ärgerlicherweise wieder auf der falschen Seite des Spielfeldes. Der Magdeburger Standard wird von der Auer Verteidigung lang abgewehrt und fällt ca. 30 Meter vor dem Tor sowohl Sebastian Ernst als auch Burak Altiparmak vor die Füße. Getreu dem Motto “Nimm Du ihn nicht, ich hab ihn sicher!” wollen beide draufhalten, verpassen aber in slapstickhafter Manier und eröffnen den herausrückenden Kvesic und Köpke eine hervorragende Kontermöglichkeit. Eine Kontermöglichkeit auch, die Nils Butzen noch besser macht, indem er sich nicht entscheiden kann, ob er auf den zu dem Zeitpunkt noch freien Ball gehen oder doch lieber zurücklaufen soll. So entsteht letzten Endes eine klare 2-gegen-1-Situation, die Pascal Köpke schließlich gegen den machtlosen Jan Glinker zum 0:2 aus Magdeburger Sicht nutzen kann.

Noch keine 40 Minuten gespielt, klare Feldüberlegenheit und trotzdem ein 0:2-Rückstand im Flutlichtheimspiel. Was in 9 von 10 Stadien ein deutlicher Stimmungskiller wäre, ließ die Nordtribüne im Heinz-Krügel-Stadion nur sehr kurz innehalten – und das lag auch daran, dass die Jungs auf dem Feld einfach nicht aufsteckten. Nach den letzten Auftritten konnte man eine solche Reaktion bei diesem Spielstand nicht unbedingt erwarten, umso großartiger war es, zu sehen, dass die Mannschaft weiter kämpfte und viel versuchte. Allerdings fiel eben auch der dritte Treffer des Abends für die Gäste, nachdem diesmal Jan Glinker patzte, seine missglückte Faustabwehr bei Skarlatidis landete und dieser den Ball in der 44. Minute gekonnt rechts oben ins Tor platziert. Kurz darauf war Halbzeit und warum die Mannschaft nach diesem Auftritt erneut mit Pfiffen in die Kabine verabschiedet wurde, will sich mir auch gute 24 Stunden nach dem Spiel einfach nicht erschließen. Klar war indes, dass die Messen an diesem Abend bereits nach 45 Minuten gesungen waren. Auch wenn man sich im Block natürlich umgehend an etliche Fußballwunder erinnerte, glaubte wohl niemand wirklich ernsthaft daran, dass die Größten der Welt diese Partie noch drehen würden.

Die interessanten Ereignisse der zweiten Halbzeit spielten sich dann folgerichtig auch zunächst erst einmal auf den Rängen ab. Der Auer Block auf der Südtribüne zeigte eine nette, kleine Pyroshow mit Rauch in den Vereinsfarben und einigen Blinkern unter einer Blockfahne, was den Schiedsrichter direkt zu einer kurzen Spielunterbrechung veranlasste. Auf der Nordtribüne gab es indes eine beeindruckende Ansprache vom Vorsängerpodest, die fast schon einer kleinen Rede glich. Zusammengefasst ging es darum, dass der Spielstand zwar jetzt nicht so dolle ist, die Mannschaft aber eine überragende Saison spielt, den Klassenerhalt schon früh sicher gemacht hat, jetzt vielleicht ein wenig die Luft raus sei und man das dem Team aber vielleicht einfach auch mal zugestehen müsse. Folgerichtig wurde einmal mehr zur Geschlossenheit aufgerufen, weiterhin ein bedingungsloser und lautstarker Support eingefordert und noch einmal sehr deutlich gemacht, dass wir nicht für den schnellen Erfolg, sondern für unsere Farben und unseren Verein in der Kurve stehen und niemals vergessen sollten, wo wir hergekommen sind. Chapeau, Block U! Großartige Ansage und für meinen Geschmack genau die richtigen Worte zu genau dem richtigen Zeitpunkt. Und das geht auch noch einmal an den Genossen hinter mir im Block, der in der ersten Halbzeit jede misslungene Aktion unserer Mannschaft lautstark und deftig kommentieren musste, sich fürs Singen und Unterstützen aber zu fein war und sich ergo zu Recht irgendwann ordentlich was anhören durfte. Wenn Du meckern willst und alles scheiße findest, fahr’ doch nach Halle.

Sportlich passierte in der zweiten Hälfte dann auch nur noch wenig Spektakuläres, und zur Wahrheit des Spiels gehört eben auch, dass viel versprechende Magdeburger Abschlüsse im gegnerischen 16-Meter-Raum eher die Ausnahme als die Regel blieben. Gefährlich wurde es, wenn überhaupt, durch Fernschüsse, aber irgendwie auch nicht so richtig, sodass Aue die Führung einigermaßen entspannt verwalten konnte und Du als Heimmannschaft dann eben nicht mehr zum Anschlusstreffer kommst. Auf den Rängen wurde der zweite Durchgang stattdessen dafür genutzt, sich selbst und den Verein ausgiebig zu feiern und vor allem einen neuen Wechselgesang einzuüben, der auch auf Anhieb saß – auch das ist eben Magdeburg. “Kämpfe, FCM! Kämpfe, FCM!” wurde von der Gegengeraden und Teilen der Haupttribüne mit einem “Du auf dem Platz und wir auf den Rängen!” beantwortet, nach einigen Durchgängen ging es andersrum. Dazu kam irgendwann noch der “Unser Club ist unbesiegbar!”-Ohrwurm, gefolgt von einem “Der FCM ist wieder da!” zum Ende der Partie – während die Anzeigetafel ein 0:3 auswies. Die Größten der Welt, Beweisstück Nummer 65/74.

Unter dem Strich bleibt paradoxerweise eine richtig stimmungsvolle Heimniederlage, die den sportlich Verantwortlichen einmal mehr aufgezeigt haben dürfte, wo der Schuh drückt und es für die kommende Saison personell nachzulegen gilt. Dass das nicht ganz einfach wird, klang zuletzt ja bereits an, trotzdem sollte es jetzt heißen: Die Punkterunde noch ordentlich zu Ende spielen, mit Blick auf die kommende Saison vielleicht hier und da noch das eine oder andere ausprobieren, den Landespokal holen und potentiellen Neuzugängen zeigen, was in Magdeburg in der 3. Liga so abgehen kann. Dazu können auch die Kurve und das restliche Stadion ihren Teil beitragen, indem wir in den verbleibenden Heimspielen gegen Dynamo Dresden, Großaspach und die Würzburger Kickers noch mal so richtig Alarm machen, die Mannschaft so unterstützen, wie es sich gehört und weiterhin unter Beweis stellen, dass man so eine Atmosphäre wie bei uns nirgendwo anders bekommt. Alle zusammen, alles für den Club! Und dann? Tja, dann kann es ja eigentlich irgendwann nur noch weiter nach oben gehen.

 

(Beitragsbild: @denjanm)

2 Kommentare

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