Wenn das Wörtchen „wenn“ nicht wäre…

25. Februar 2018 at 18:17

F.C. Hansa Rostock – 1. FC Magdeburg, 26. Spieltag, 1:0 (1:0)

Was wäre wohl passiert, wenn Tobias Schwedes Schuss in der 6. Minute nicht am Lattenkreuz, sondern im Tor gelandet wäre? Oder Rostocks Keeper Janis Blaswich nur einen grundsoliden und keinen herausragenden Tag erwischt hätte? Oder der 1. FC Magdeburg in der einen Szene in Halbzeit 1, die schließlich zum Tor des Tages führte, konsequenter zu Werke gegangen wäre? Man weiß es nicht. Und da das Leben nun mal nicht im Konjunktiv stattfindet, stand am Ende einer interessanten und phasenweise hochklassigen Partie mit einer spannenden Schlussphase eine 0:1-Niederlage der Größten der Welt beim F.C. Hansa Rostock. Eine Niederlage allerdings, die ungefähr in genau dem Maß, in dem sie unnötig war, eigentlich auch unproblematisch ist: Verteilt der 1. FC Magdeburg die erspielten (ja, erspielten!) Chancen dieser Partie gleichmäßig auf die bald anstehende englische Woche und nutzt davon nur jeweils eine bis zwei, sollte die Mannschaft dem Aufstieg in die 2. Bundesliga im Anschluss einen ganz großen Schritt näher gekommen sein. 

Für die traditionsreiche Begegnung zweier Drittliga-Spitzenteams entschied sich Jens Härtel, wie auch schon in der zweiten Halbzeit gegen Bremen, für die aus der Hinrunde bewährte 3-4-3-Grundordnung. Jan Glinker stand naturgemäß im Tor, davor verteidigten von links nach rechts Felix Schiller, Richard Weil und Christopher Handke in der Dreierkette. Das Mittelfeld bildeten Michel Niemeyer, der in die Startelf und auf die linke Seite zurückkehrte, Marius Sowislo, der Björn Rother ersetzte (10. Gelbe), Dennis Erdmann und auf der rechten Außenbahn Nils Butzen. Vorne sollten Tobias Schwede, Christian Beck und Philip Türpitz für Alarm sorgen.

Letzteres gelang in einem munteren Auftakt, in dem die Gäste deutlich mehr von der Partie hatten, auch direkt mal ausgesprochen gut. Bereits in der zweiten Minute konnte Michel Niemeyer auf seiner Seite den Ball gewinnen und in Richtung Rostocker Strafraum marschieren. Seine Flanke auf Christian Beck geriet dann allerdings ein Stück zu kurz und wurde zur leichten Beute für Rostocks Innenverteidigung. Nur vier Minuten später dann der Lattenkreuztreffer von Schwede – Christian Beck hatte ihm den Ball vorgelegt, der Ex-Bremer dann aber viel zu genau gezielt. Wenn er den macht… aber ach. Die Hausherren zeigten sich von diesem Beginn des Clubs einigermaßen beeindruckt und hatten zunächst Probleme mit dem aggressiven Pressing der Gäste, kamen aber nach 10 Minuten zur ersten eigenen Gelegenheit. Mitten rein in einen „Hier regiert der FCH!“ vs. „Hier regiert der FCM!“-Wechselgesang wurde eine Flanke von der rechten Seite lang und länger, sodass Jan Glinker im Magdeburger Tor den Ball vorsorglich mal über die Latte lenkte. Nach der anschließenden Ecke kam der aufgerückte Oliver Hüsing frei zu Kopfball, setzte den Abschluss aber recht deutlich neben den rechten Pfosten.

Nach ungefähr einer Viertelstunde dann ein kleiner Schreckmoment auf Magdeburger Seite. Willi Evseev und Dennis Erdmann gehen in einen Zweikampf, in dem Evseev sich unangenehm, aber sicherlich nicht vorsätzlich, auf Erdmanns Knie abrollt. Was ziemlich übel aussah, führte in der Konsequenz zu einer Behandlungspause für ‚Erde‘ an der Seitenlinie und einer kurzen Phase, in der seine Mannschaft mit einem Mann weniger auskommen musste. Die Überzahl nutzte Hansa direkt mal für einen Angriff durch die Mitte, der Ball wird im Strafraum durchgesteckt; den Abschluss hat Glinker dann aber sicher. Davon abgesehen, machte es der Club bis zur 25. Minute eigentlich auch defensiv sehr ordentlich, störte früh, bot dem F.C. Hansa (einen Diagonalball nach 24 Minuten, der auf dem rechten Flügel durchgerutscht war, mal ausgenommen) wenig Anspielstationen und sorgte dafür, dass die Hausherren den Ball häufig in der Defensive laufen ließen, ohne aber wirklich Druck nach vorn entwickeln zu können.

Mit zunehmender Spieldauer wurde Hansa dann aber sicherer und kam, tatkräftig unterstützt durch eine zu passive Magdeburger Defensive, in Spielminute 28 zum Führungstreffer. Nach einem Rostocker Einwurf kommt der Ball über den gefälligen Evseev zu Byan Henning, dem eine einfache Körpertäuschung knapp innerhalb des Strafraums reicht, um sich Platz für den Schuss zu verschaffen und trocken flach links einzunetzen. Das war einerseits stark gespielt von Hansa, aber auch vom Einwurf weg schwach verteidigt vom FCM. Und dann genügen in so einem Spiel eben eine Unachtsamkeit und ein abgezockter Henning, um im Ostseestadion in Rückstand zu geraten. Motto jetzt: Mund abputzen, weitermachen.

Während die Führung jetzt natürlich auch das Stadion richtig ins Spiel holte, ergaben sich die nächsten Möglichkeiten der Partie tatsächlich auf der anderen Seite. Erst ist es Tobias Schwede, der nach 33 Minuten zu einem (geblockten) Abschluss kommt; die von Rostocks Abwehr produzierte ‚Kerze‘ landet in den Armen von Blaswich. Vier Minuten später kommt der Ball nach einem Handke-Einwurf zentral links an der Strafraumkante zu Dennis Erdmann, dessen Schuss noch abgefälscht wird und über das Tor geht. Die anschließende Ecke blieb – wie viel zu oft in dieser Saison – ohne Ertrag. Nach 38 Minuten kann Kapitän Sowislo den Ball im Strafraum von der Grundlinie aus nach gutem Pass von Erdmann nicht mehr gefährlich in die Mitte bringen, sondern hebt ihn elegant in die Arme von Janis Blaswich. Ärgerlich. Aber: Der Club kam eben zu Abschlussmöglichkeiten und gefühlt war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis hier der Ausgleich zwingend würde fallen müssen.

Dann die 44. Minute und Riesenglück für die Größten der Welt: Soufian Benyamina, der sich mit Felix Schiller die gesamte Partie über sehr intensive Duelle lieferte, wird von eben jenem im Strafraum am Trikot gezogen und geht zu Boden – vielleicht ein bisschen zu leicht, nichtsdestotrotz aber deutlich elfmeterwürdig. Sehr zum Ärger von Hansa-Trainer Dotchev, der an der Seitenlinie schimpfte wie ein Rohrspatz, blieb die Pfeife des sonst sehr souveränen Schiedsrichters Ittrich aber stumm. Und wo wir gerade bei Riesen sind: Kurz vor dem Halbzeitpfiff eine 100%ige Ausgleichschance für den 1. FC Magdeburg: Erneut ist es Marius Sowislo, der den Ball 7, 8 Meter vor dem Tor aufgelegt bekommt. Anstatt das Spielgerät aber mit Schmackes und Torwart in die Maschen zu donnern, entscheidet er sich für einen verunglückten Chip in Richtung des rechten Torwinkels. Der Ball fällt am langen Pfosten schließlich Richard Weil vor die Füße, der dort auch zum Schuss kommt, den Ausgleich aber verpasst. War die mangelhafte Chancenverwertung in dieser Szene schon kaum zu fassen, wurde sie in Durchgang 2 zum Haare raufen.

Erst einmal war aber Halbzeit und trotz des Rückstandes durfte man angesichts des Chancenplus’ durchaus guten Mutes sein, dass an jenem Nachmittag in Rostock noch etwas gehen könnte. Gleiches dachte sich wohl auch die erlebnisorientierte Fraktion beider Fanlager. Mit dem Halbzeitpfiff gab es hinter der Tribüne, die bekanntermaßen ja sowohl die Heim- als auch die Gästekurve beherbergt, ein paar Böller, schnell machten sich hüben wie vermutlich auch drüben (die Sicht auf die Heimkurve war durch die „Sogenannte Fußballfans“-Zaunfahne verdeckt) einige Personen auf den Weg nach draußen. Passiert ist im Endeffekt, bis auf den Austausch einiger Nettigkeiten durch den Zaun, wohl nichts, allerdings hatte die in aberwitzig großer Zahl abgestellte Polizei vermutlich genau die Bilder, die später eventuell irgendwann wieder rausgekramt werden, um vor irgendwelchen unkritischen, nichts hinterfragenden Medienvertretern Material- und Personalaufwand zu rechtfertigen. Sehr ärgerlich, das, und schade, dass ein solches Duell offenbar nicht ohne ein gewisses Maß an derartiger, gegenseitiger Provokation auskommen kann. Tja nun.

Zurück zum Sportlichen, und das hatte in Halbzeit 2 durchaus noch einiges zu bieten, versuchte sich der Club doch mit Macht am Ausgleich und spielte auch der F.C. Hansa beileibe nicht nur defensiv, sondern ging seinerseits auf das zweite Tor. Zunächst hatte aber erst einmal der Club Möglichkeiten, den Ausgleich zu erzielen. Direkt nach Wiederanpfiff verliert Hansa den Ball in der Vorwärtsbewegung, Philip Türpitz, der im zweiten Durchgang stark aufdrehte, reagierte am schnellsten, nahm den ihm entgegen fliegenden Ball direkt, brachte ihn aber nicht aufs Tor. Ab Minute 48 dann ein wahres Ecken-Slapstick-Festival vor dem Rostocker Kasten: Ausgangspunkt war ein Foul an Marius Sowislo an der Strafraumkante und ein Türpitz-Freistoß aus 19 Metern, der zum Eckstoß abgefälscht wird. Dieser kommt von links und gerät zur Karikatur eines Standards, bringt aber immerhin eine zweite Ecke ein. Noch mal also, aber wieder nichts, dafür nun aber von rechts der Versuch. Nils Butzen schnappt sich den Ball, bringt ihn auch hoch rein, allerdings klärt die Rostocker Verteidigung erneut zur – na klar – Ecke. Diesmal gibt es eine Variante mit Philip Türpitz, der von Butzen im Rückraum flach angespielt wird und den Ball dann auch in den Sechzehnmeterraum, aber eben nicht auf den Kopf oder Fuß eines Mitspielern flanken kann. Man muss es schon so sagen: In einer Liga, in der dem Gefühl nach besonders auch durch Standards eine Menge guter Dinge passieren können, ist es schon einigermaßen kläglich, was der FCM in schöner Regelmäßigkeit aus derlei Aktionen macht.

Nach dieser Einlage des Clubs und einer weiteren Kopfballchance von Christian Beck (Flanke von Butzen nach Foul an Handke, 52., drüber) kam auch der F.C. Hansa mal wieder vor das Magdeburger Tor. In Spielminute 55 kann Glinker eine Flanke von Rankovic nur nach vorn prallen lassen, Rostock aus der Szene aber kein Kapital schlagen. Eine Minute später gibt es eine weitere Abschlusschance für Hüsing aus dem Gewühl heraus, der Ball geht allerdings über das Tor.

Kurz vor dieser Szene war für Christian Beck bereits Feierabend, für ihn kam Julius Düker in die Partie, der positionsgetreu in die Sturmspitze rückte. Der Wechsel sorgte zunächst für etwas Unbehagen (Düker ist bekanntermaßen kein 1:1-Ersatz für Beck, sondern war zuletzt hinter der Spitze deutlich besser aufgehoben), belebte dann aber das Spiel der Größten der Welt noch einmal merklich. Bereits drei Minuten nach seiner Einwechslung hatte Düker den Ausgleich auf dem Fuß, zögerte aber – im Strafraum stark bedient von Türpitz – einen Ticken zu lange und konnte den eigentlich freien Ball aus kürzester Distanz nicht an Blaswich vorbeischieben. Und während Hansa immer mal wieder Nadelstiche setzte, vergab der neue Mann im Zentrum in Spielminute 63 die nächste gute Gelegenheit: Diesmal bekommt er den Ball auf der rechten Seite und versucht sich an einer Direktabnahme, die zu einem tollen Treffer hätte werden können, wenn, ja wenn sie sich noch in die linke Ecke gesenkt hätte und nicht einen halben Meter über das Tor gesegelt wäre. Schade eigentlich.

So blieb es beim 1:0 für Hansa Rostock, das in der 66. Minute nach einem schnell ausgeführten Freistoß durch Evseev zur nächsten Gelegenheit kam, die Führung auszubauen. Diesmal war aber Jan Glinker zur Stelle, der den strammen Schuss des ehemals besten Spielers beim Matthias-Pape-Gedächtnisturnier (2007) stark parieren konnte. Was dann folgte, waren die Rostocker Janis-Blaswich-Festspiele, die Spieler und Anhängerschaft des 1. FC Magdeburg ganz ordentlich zur Verzweiflung trieben. Erst parierte der 26jährige einen Aufsetzer von Marius Sowislo (71.), dann fischte er eine gefährliche Flanke des spielfreudigen Julius Düker herunter (75.), antizipierte einen klugen Ball auf Erdmann, den er außerhalb des Strafraums ablief (76., Erdmann wäre durch gewesen) und machte sich schließlich vor Julius Düker groß, der in Spielminute 82 einen weiteren Hochkaräter liegen ließ: Erneut ist es Türpitz, der im Mittelfeld schnell, direkt und stark auf den Richtung Strafraum startenden Stürmer weiterleiten kann. Frei vor Blaswich, aber noch gestört vom unheimlich aufmerksamen Hüsing, legt die Nummer 21 den Ball dann allerdings mit dem Außenrist links am Tor vorbei. In der Mitte war Dennis Erdmann noch mitgelaufen, ein flacher Pass auf den defensiven Mittelfeldmann wäre allerdings wohl beim Innenverteidiger gelandet.

Der FCM versuchte in der insgesamt sehr, sehr ordentlichen zweiten Hälfte wirklich alles, um irgendwie noch zum Ausgleich zu kommen; Hansa hatte derweil einige Kontergelegenheiten, die die Hausherren glücklicherweise aber alle nicht zu Ende zu spielen vermochten. In der 72. Minute war Florian Pick für Michel Niemeyer gekommen, nach 84 Minuten machte Christopher Handke für Andreas Ludwig Platz. Jens Härtel brachte also alles, was er offensiv noch so auf der Bank hatte, allein, ein Treffer sollte seiner Mannschaft an diesem Nachmittag einfach nicht mehr gelingen. Am nächsten kam dem Ausgleich noch Dennis Erdmann, der in der 90. Minute eine Flanke von der rechten Seite eigentlich mustergültig gegen den Laufweg von Blaswich köpfte. Der war an jenem Nachmittag aber schlicht und ergreifend nicht zu überwinden, durfte noch einmal abheben und fing den Ball.

Tja, und dann war irgendwann Schluss, hatte sich der F.C. Hansa Rostock die drei Punkte irgendwie auch erkämpft und mussten die Größten der Welt ohne etwas Zählbares die Heimreise antreten. Unter dem Strich bleiben zwiespältige, im Großen und Ganzen aber überwiegend positive Eindrücke. Es gibt halt so Tage, da will der Ball trotz bester Gelegenheiten einfach nicht über die Linie und was man dem 1. FC Magdeburg beileibe nicht vorwerfen kann, ist, keine Torgelegenheiten herausgespielt zu haben. Sinngemäß sagte Tobias Schwede nach der Partie, dass der Mannschaft vor dem Tor eine gewisse Kaltschnäuzigkeit gefehlt habe – eine Kaltschnäuzigkeit, die der F.C. Hansa in Person von Bryan Henning eben unter Beweis stellen konnte. Trotzdem war es ein über weite Strecken gutes Spiel der Größten der Welt und kann man den Schwung aus dieser Partie sicherlich gut mitnehmen, wenn es am kommenden Samstag in das schwierige Duell mit dem FSV Zwickau geht. Allerdings werden sich da mit einiger Sicherheit deutlich weniger Torchancen ergeben – die man dann eben nutzen muss. Und wird. In diesem Sinne:

„Immer kämpfen, immer siegen! Immer vorwärts, FCM!“

Die Pressekonferenz nach dem Spiel (via YouTube)

Die Bewegtbilder zur Partie von “Sport im Osten” gibt es bei YouTube.