“Wir war’n noch niemals in Paris…”

25. September 2017 at 12:49

VfR Aalen – 1. FC Magdeburg, 10. Spieltag, 0:1 (0:0)

Paradoxon Ostalb Arena: Eigentlich immer eine Reise wert, eigentlich aber auch ein Ort, an den man so schnell nicht unbedingt wieder zurück muss, wenn man gerade dort war. Eventuell wird der 1. FC Magdeburg ja aber auch erst einmal nicht wieder auf der Ostalb aufdribbeln und wenn, dann hoffentlich in einer höheren gesamtdeutschen Spielklasse. Was diese Hoffnung nährt, ist die beeindruckende Abgeklärtheit, mit der die Größten der Welt ihre Auswärtspartie beim VfR Aalen am 10. Spieltag völlig verdient gewannen. Zum Abschluss einer intensiven englischen Woche bei einem traditionell unangenehmen Gegner und mit drei nicht unwesentlichen Veränderungen in der Startelf muss man eine solche Leistung erst einmal abrufen.

Knapp 1.000 sangesfreudige Schlachtenbummler*innen hatten das Team von Jens Härtel nach MDR-Informationen nach Baden-Württemberg begleitet und die sahen erwartungsgemäß eine Anfangsformation, in der Andreas Ludwig und Marius Sowislo die gelb gesperrten Björn Rother und Dennis Erdmann im zentralen Mittelfeld ersetzten. In der Dreier-Abwehrkette spielten Richard Weil zentral und Steffen Schäfer rechts, während Christopher Handke den Part auf der linken Seite übernahm. Ebenfalls links, aber eine Reihe weiter vorn, agierte Nico Hammann, der Michel Niemeyer ersetzte. Rechts startete Nils Butzen, die Offensivreihe bildeten wie zuletzt Tobias Schwede, Christian Beck und Philip Türpitz.

Zugegeben, die (eher langsame) Variante mit Christopher Handke und Nico Hammann auf der linken Defensivseite sorgte zunächst für etwas Stirnrunzeln in Anbetracht des schnellen und gefährlichen Matthias Morys in der Aalener Anfangself, der ja durchaus auch die rechte Außenbahn beackern kann. Da der dann aber doch links begann, bei Steffen Schäfer und Nils Butzen in ganz guten Händen war und der FCM die Partie über weite Strecken ohnehin gut im Griff hatte, blieben dieserlei Bedenken glücklicherweise unbegründet.

Den ersten Abschluss des Nachmittags verzeichneten dann auch gleich nach 3 Minuten die Gäste: Ludwig, der das Magdeburger Spiel insgesamt gut strukturierte, versuchte es einfach mal aus 20 Metern, fand aber in Daniel Bernhardt im Aalener Kasten seinen Meister. Insgesamt ließ der FCM den Ball in der Anfangsphase gut laufen; Aalen agierte abwartend und hatte wohl den Plan, nach Ballgewinnen schnell und flach in die Spitze zu spielen – allerdings bekam man vom Club kaum mal etwas angeboten. In Minute 10 hatte der Gästeblock das erste Mal den Torschrei auf den Lippen: Erst konnte Sascha Traut vor dem einschussbereiten Tobias Schwede nach Türpitz-Hereingabe von rechts klären, dann Christian Beck eine daraus resultierende Ecke nicht an Daniel Bernhardt vorbeiköpfen. Überragende Reaktion des gewohnt starken Keepers übrigens. Der Abpraller fällt Kapitän Sowislo vor die Füße, dieser setzt den Ball dann aber an die Unterkante der Latte. Vom Gästeblock aus war das alles eher schwierig zu sehen, trotzdem war es kaum zu fassen, dass in dieser Szene nicht bereits der Führungstreffer fiel.

Aalen brauchte eine gute Viertelstunde, bis das Team von Peter Vollmann erstmals in der Magdeburger Hälfte in Erscheinung trat. Eine Ecke bekommt der Club nicht recht geklärt, sodass Matthias Morys über rechts zum Passen kommt, in der Mitte aber keinen Abnehmer findet. Und auch wenn der VfR jetzt ein bisschen besser im Spiel war, war diese Hereingabe ins Leere eine der beiden gefährlicheren Aalener Offensivaktionen in Halbzeit 1. Die andere war ein Schuss von Morys in der 35. Minute, der knapp über das Magdeburger Gehäuse ging und bei der sich der Außenstürmer den Ball mit Hand vorgelegt hatte. Die Aktion folgerichtig abgepfiffen, der Treffer hätte also ohnehin nicht gezählt.

Auf der anderen Seite wurde es durch Standards und Fernschüsse gefährlich: In der 19. Minute wird ein Hammann-Freistoß zunächst geklärt, landet der Ball dann aber vor den Füßen von Tobias Schwede im Strafraum, dessen Abschluss ebenfalls aus der Gefahrenzone befördert werden kann. Nach einer halben Stunde fasste sich Türpitz ein Herz, zog aus 30 Metern ab und setzte den Ball auf die Latte – inzwischen schon zum 3. Mal in der ersten Hälfte nach der Aktion von Marius Sowislo vorher und einer verunglückten Butzen-Flanke aus der Anfangsphase, die statt beim Mitspieler quasi auf dem Lattenkreuz landete. Mittlerweile war der Führungstreffer für Blau-Weiß eigentlich nur noch eine Frage der Zeit. Schließlich die 39. Minute: Freistoßvariante mit Hammann und Türpitz, der den Ball quer aufgelegt bekommt und satt in Richtung Tor befördert. Auf der Linie klärt dann aber akrobatisch, hüfthoch und mit dem Fuß (!) Torben Rehfeldt. Dass es ihm bei dem Strahl nicht den Schuh vom Fuß gefetzt hat, war durchaus verwunderlich. Torlos ging es jedenfalls in die Halbzeitpause.

Halbzeit in Aalen, das bedeutet ja auch: Stadionsprecher-Durchsagen bei gefühlten 3.000 Dezibel aus der offenbar einzigen Box im Stadion, die noch dazu genau vor dem Gästeblock postiert ist. Das grenzte tatsächlich an Körperverletzung. Zur Aalener Ehrenrettung sei aber auch gesagt, dass es in der 3. Liga durchaus schlechtere Gastgeber gibt. Vor der Partie wurde – in annehmbarer Lautstärke – die Vereinshymne gespielt; die Ansagen in Richtung Gästeanhang fielen durchaus freundlich und wohlwollend aus. Kennt man ja auch anders, Grüße zum Beispiel nach Großaspach an dieser Stelle.

Rein in die zweite Hälfte, in der die ersten gut zehn Minuten erst einmal nichts passierte. Viel Mittelfeldgeplänkel, ein halbmotivierter Fernschuss von Aalen in Minute 56 und ein Freistoß nach 57 Minuten, den Jan Glinker im Magdeburger Tor aber sicher hält – mehr Erwähnenswertes war tatsächlich nicht zu beobachten. Dafür gab es auf den Rängen bzw. im Block ganz gute Stimmung und den einen oder anderen älteren Gassenhauer. Schon irgendwie großartig, fernab der Heimat auf dieser recht coolen, unüberdachten Stehplatztribüne “Auf einer grünen Wiese” und Co. anzustimmen.

Nach 67 Minuten dann die vielleicht beste Aalener Chance im gesamten Spiel: Es gibt einen Freistoß aus zentraler Position, den Jan Glinker fangen möchte, aber nicht festhalten kann. Der nach vorne wegspringende Ball kommt aus kurzer Distanz zu Gerrit Wegkamp, der ihn aber nicht kontrolliert bekommt und so glücklicherweise rechts am Tor vorbeispielt. Glück für Glinker in der Situation; fällt da das 1:0 für die Hausherren, wäre das sicher zu einem guten Stück auch seine Bude gewesen. Inzwischen war übrigens Tarek Chahed für Christopher Handke in die Partie gekommen (64.), sodass Nico Hammann jetzt hinten links in die Abwehrreihe rutschte und Chahed dafür das linke Mittelfeld übernahm.

Es ging jetzt so ein bisschen hoch und runter, allerdings verhinderten hüben wie drüben ungenaue Zuspiele und aufmerksame Abwehrbeine gute, klare Torchancen. In Spielminute 76 kam Aalen nach einer langen Flanke noch mal per Kopfball zum Abschluss, zwei Minuten später zeigte Daniel Bernhardt eine starke Parade gegen Philip Türpitz. Vorausgegangen war eine schöne Einzelaktion von Julius Düker im Mittelfeld (kam kurz vorher für Christian Beck) und ein leicht verunglückter Klärungsversuch des Aalener Keepers, den er aber mit seiner guten Reaktion gegen den Abschluss von rechts direkt wieder wettmachen konnte.

Der Club legte jetzt noch einmal einen Gang zu; der Wille, in Aalen nicht nur einen Punkt mitzunehmen, war nun deutlich zu spüren. In der 80. Minute war es dann endlich so weit und erzielte Tobias Schwede nach starker Flanke von Nils Butzen und der rechten Seite per Kopf das längst verdiente Tor des Tages. Butzen damit mit seinem ersten Flanken-Scorerpunkt in 78 Drittliga-Einsätzen (danke an Stephan für diese Statistik) und Schwede mit seinem 2. Saisontor, bei dem es ihm die Aalener Innenverteidigung allerdings auch ausgesprochen leicht machte.

Derweil im Gästeblock: 2, 3 Runden Pogo und ein paar ordentlich laute “Wir war’n noch niemals in Paris…”-Gesänge. So geht auswärts, so muss das, so soll das, so kann das gerne weitergehen. Solider Auftritt insgesamt, was bei dieser Stadionarchitektur und den Kurven-Highlights der letzten Spieltage auch nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit ist. Beste Partylaune also auf dem Weg zum zweiten Sieg in Folge, die auch der Beinahe-Ausgleich der Aalener zwei Minuten vor Abpfiff nicht mehr wirklich schmälern konnte. Trianni war nach einem hohen Ball aus dem linken Mittelfeld nebst Kopfballverlängerung rechts im Strafraum in eine gute Schussposition gekommen; Glinker lenkte den ordentlichen Abschluss aber reaktionsstark noch an den Pfosten.

Auf der Gegenseite dann fast die Entscheidung durch Felix Lohkemper, der in der 86. Minute für Philip Türpitz gekommen war. Lohkemper, der nach einem Foul kurz nach seiner Einwechslung eigentlich nicht mehr wirklich rund lief, wird auf der rechten Seite noch einmal geschickt und läuft einigermaßen frei auf das Aalener Tor zu. Statt aber früh den Abschluss zu suchen, legt er sich den Ball einen Ticken zu weit vor und rauscht in der Konsequenz ungebremst mit dem herauseilenden Daniel Bernhardt zusammen. Das hatte mal ordentlich gescheppert und führte zu einer längeren Behandlungspause für beide, die die Begegnung dann aber glücklicherweise regulär beenden konnten. Lange war allerdings ohnehin nicht mehr zu spielen – sehr pünktlich schließlich der erlösende Pfiff von Schiedsrichter Michael Bacher und damit die nächsten drei Punkte für die Größten der Welt.

Bevor es dann wieder auf die Autobahn ging, sorgte die Stadionregie noch einmal für einen Schmunzler und – vermutlich ungewollt – einen ziemlich treffenden Abschluss diesen 10. Spieltags auf der Ostalb: “Es ist einfach eine geile Zeit mit Euch” schallte es aus dem Lautsprecher des Todes vor dem Gästeblock. Wie wahr, wie wahr – auf dass wir unsere neue, kleine Serie auch gegen Jena weiter wachsen lassen.

Die Pressekonferenz zum Spiel (via YouTube)
Die Zusammenfassung des Spiels bei 'Sport im Osten' (via YouTube)