Puls

26. November 2017 at 10:59

1. FC Magdeburg – Hallescher FC, 17. Spieltag, 2:1 (2:0)

Keine Ahnung, wie viele Jahre wertvoller Lebenszeit mich dieser Verein inzwischen gekostet hat. Sicher ist allerdings, dass an diesem 17. Spieltag noch so 10-15 dazugekommen sein dürften. Auch wenn das 2:1, das letztendlich auf der Anzeigetafel stand, gar nicht so spektakulär klingt, hatte die Partie gegen den Halleschen FC so einige Aufreger parat und wartete mit einer Schlussphase auf, die wir in dieser Saison in dieser Form noch nicht erleben durften. Zwei Platzverweise, ein ungeahndeter Biss (!), die Beinahe-Entscheidung durch Tobias Schwede und der eigentlich sichere Ausgleich für den HFC in der dritten Minute der Nachspielzeit, dem dann jedoch Christopher Handke und die Latte im Weg standen, sorgten für Wendungen, die man nach einer völlig souveränen ersten Hälfte eigentlich gar nicht mehr für möglich gehalten hatte. Und das ausgerechnet in diesem Spiel, bei dem vieles aus naheliegenden Gründen irgendwie anders war als sonst. 

Waren die Partien gegen den lästigen Nachbarn aus dem Süden früher noch etwas besonderes, hat sich mit dem Tod von Hannes im letzten Jahr, zumindest für mich bzw. in meiner Wahrnehmung, der Stellenwert der Paarung komplett verändert. Das Gefühl an diesem Samstagnachmittag war dementsprechend nicht von Vorfreude, sondern eher von großer Unsicherheit geprägt, was so passieren würde, gepaart mit einer eher nachdenklichen Stimmung und so einer “Lasst es uns einfach hinter uns bringen”-Einstellung, die ich sonst eigentlich gar nicht kenne. Dass sich das in den folgenden 90 Minuten noch mal gewaltig drehen würde, konnte zu diesem Zeitpunkt ja noch niemand ahnen.

Der Gästeblock auf der gegenüberliegenden Seite füllte sich jedenfalls 30 Minuten vor Anpfiff so langsam und spätestens, als die Gegenseite eine große Schwenkfahne mit Vereinslogo auspackte, wurde es erstmals etwas lauter im Heinz-Krügel-Stadion. “Alle, alle, alle gegen Halle!” schallte es vor allem aus einer Ecke des Stadions – für meinen Geschmack völlig deplatziert, zumal ich mir sehr gewünscht hätte, dass man die paar Heinis da im Gästebereich einfach ignorieren und im Rest des Stadions sein eigenes Ding machen würde. Aber gut, die Perspektive auf diesen Gegner ist halt inzwischen für jede*n eine andere. Kommen wir lieber zum Sportlichen.

Jens Härtel hatte sich gegenüber des erfolgreichen Auftritts bei Fortuna Köln für lediglich eine Änderung in der Anfangsformation entschieden und ließ Marius Sowislo für Dennis Erdmann starten. Neben dem Kapitän lief Björn Rother im Mittelfeld auf, die Außenbahnen besetzten erneut Nico Hammann links und Nils Butzen rechts. Die defensive Dreierreihe bildeten Steffen Schäfer, Richard Weil und Christopher Handke, in der Offensive wirbelten Michel Niemeyer, Christian Beck und Julius Düker, der zu seinem zweiten Startelfeinsatz in Folge kam und seine Leistung aus dem Köln-Spiel noch einmal deutlich bestätigen konnte.

Die erste Chance der Partie ergab sich allerdings bereits nach 4 Minuten für die Gäste von der Saale, als Ajani frei vor Jan Glinker auftauchte, mit seinem Abschluss glücklicherweise aber nach links verzog. Eine Minute später das erste Mal der FCM: Der erneut überragende Michel Niemeyer wurde gut 20 Meter vor dem gegnerischen Tor von den Beinen geholt, den fälligen Freistoß nahm Nico Hammann direkt und zirkelte ihn auf die linke Ecke, allerdings deutlich zu unplatziert, um Tom Müller gefährlich zu werden. Tja, und nach 8 Minuten stand es dann 1:0 für die Größten der Welt: Einen langen Ball von Richard Weil in Richtung Strafraum konnte Marius Sowislo mit dem Kopf verlängern, in der Mitte war Christian Beck gestartet. Eigentlich als Vorlage für einen Kopfball gedacht, passte bei Beck dann das Timing nicht, sodass er den Ball nur noch irgendwie mit der Hacke mitnehmen konnte – und in “Tor des Monats”-Manier hinter Müller in die Maschen bugsierte. Überragende Aktion von der Nummer 11, die er mit einiger Sicherheit in seiner Karriere so nie wieder hinbekommen wird. Sei es drum: der 1. FC Magdeburg in Führung, das Stadion voll dabei – so langsam begann das hier doch merklich Spaß zu machen.

Und es dauerte nur 4 weitere Minuten, bis sich die Laune noch einmal deutlich verbesserte. Julius Düker hatte einen Traumpass auf Michel Niemeyer gespielt, der den Ball auf diese Weise hinter der Abwehrkette in den Lauf bekam, ihn direkt nahm und trocken und flach von links in die rechte Ecke abschließen konnte. 2:0. Im Boxen nennt man sowas wohl “one-two punch” und auch beim HFC hatte dieser Doppelschlag gewaltig Wirkung hinterlassen. Zwar gab es nach 15 Minuten und einem Eckball noch einmal eine Kopfballchance, ansonsten waren die Gäste aber gut von der Rolle und spielte bis ungefähr fünf Minuten vor dem Pausenpfiff nur der 1. FC Magdeburg. Es war schon beeindruckend, wie der Club phasenweise Ball und Gegner laufen ließ, was bei hässlichem Nieselregen und einigermaßen tiefem Platz erstens gar nicht so einfach und zweitens eine ziemlich gute Idee war.

Bis zur 29. Minute ereignete sich nichts weiter aufregendes, dann kamen allerdings die Hausherren noch drei Mal vielversprechend vor den Kasten des jungen Tom Müller: Erst hatte Niemeyer auf der linken Seite einen scharfen Ball in den Strafraum und in Richtung Christian Beck gespielt, den der Hallenser Keeper allerdings vor dem Mittelstürmer erreichen konnte (29.). Dann war es Marius Sowislo, der ebenfalls auf der linken Seite zum Abschluss kam, allerdings erneut in Müller seinen Meister fand (31.). Der Ball blieb heiß, zu einem weiteren Torschuss reichte es allerdings nicht. Schließlich trug sich noch Julius Düker in die Halbchancen-Liste ein, als er nach 36 Minuten einen eher missglückten Abschlag von Müller stark erlaufen und einen schnellen Flachpass in die Mitte spielen konnte, wo allerdings ein Abwehrbein zur Ecke klärte.

Die letzten 5 Minuten der Halbzeit gehörten dann noch einmal dem HFC – ironischerweise genau ab dem Moment, ab dem sich aus irgendwelchen Gründen fast der komplette Gästeblock leerte. Komische Symbiose da zwischen Mannschaft und Fans, aber okay, das muss man auch nicht verstehen. Schnell machten Gerüchte die Runde, dass etliche Menschen aus der Gästekurve wohl gewaltsam versucht hätten, in den Heimbereich zu gelangen. Sollte da was dran sein, kann man einfach nur noch mit dem Kopf schütteln und hätten diese Idioten wirklich so überhaupt gar nichts verstanden. In jedem Fall verpassten sie aber eine Möglichkeit von Fetsch, der von Toni Lindenhahn im Strafraum halbhoch bedient wurde und seine Direktabnahme neben den Kasten setzte sowie einige weitere brenzlige Szenen ohne Torabschluss, die auf Heimseite für einen etwas höheren Ruhepuls sorgten. So ein bisschen rettete man sich jetzt in die Halbzeitpause; der Stand von 2:0 ging angesichts des deutlichen Chancenplus’ trotzdem völlig in Ordnung.

Also gleich rein in Durchgang 2, der zunächst wenig ereignisreich begann. Einziges Highlight in den ersten 15 Minuten: Ein “FCM”-Wechselgesang, den man wohl bis nach Halle hören konnte. Nach 58 Minuten versuchte sich dann Julius Düker an einem schicken und noch dazu verdeckten Schuss aus der Drehung, den Tom Müller gerade noch so über den Kasten lenken konnte. Die anschließende Ecke fand den Kopf von Christian Beck, der ziemlich frei aber rechts am Kasten vorbeiköpfte. Weiterhin also 2:0.

Dann der Moment, in dem das Spiel aus Hausherren-Perspektive begann, einigermaßen hässlich zu werden: Wir schreiben die 67. Spielminute, Halle kommt über die eigene rechte Seite vor das von Jan Glinker bis dahin ohne großen Aufwand gehütete Tor. Ein kurzer Moment der Unsicherheit in der Abwehr und schon kann Mathias Fetsch ungehindert abziehen. Der Ball wäre wohl vorbeigegangen, wenn, ja wenn in der Mitte nicht Christopher Handke irgendwie noch reingerutscht wäre und das Spielgerät unglücklich ins eigene Tor befördert hätte. Super ärgerlicher Anschlusstreffer, der zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich in der Luft lag und die Angelegenheit hier nun noch einmal unnötig spannend machte.

In der 69. Minute wechselte Jens Härtel zum ersten Mal, für Julius Düker kam Philip Türpitz in die Partie – und durfte sich nach seiner gefühlt ersten Aktion gleich wieder umziehen gehen. Im Stadion war die ganze Situation ein wenig unübersichtlich, gut erkennbar war allerdings, dass Türpitz gegen Daniel Bohl, während beide nach einem Zweikampf am Boden lagen, kräftig ausgeteilt hatte (71.). Eine klare Tätlichkeit, selbstverständlich glatt rot und, so die erste Wahrnehmung, eine ausgesprochen dumme Aktion des Flügelflitzers. Was von der Tribüne aus allerdings nicht zu sehen war: Bohl hatte Türpitz am Boden liegend gebissen (!!), was vom Schiedsrichtergespann nicht bemerkt wurde und dementsprechend ungeahndet blieb. Dass man in so einer Situation intuitiv mit einer körperlichen Ermahnung reagiert, ist prinzipiell sicherlich erst einmal menschlich. Wenig clever war die Reaktion trotzdem, zumal es dafür sicherlich deutlich mehr als nur ein Spiel Sperre geben wird.

Glücklicherweise ging es im weiteren Verlauf mit 10 gegen 10 weiter, weil Schiedsrichter Jablonski auch Marvin Ajani via roter Karte unter die Dusche schickte – er soll Björn Rother zu Boden gestoßen haben. Das war allerdings, so fair muss man bleiben, eine krasse Fehlentscheidung. Die Fernsehbilder zeigen, dass es Richard Weil war, der Rother gestoßen (bzw. eher geschoben) hatte, während Ajani den defensiven Mittelfeldspieler nur leicht berührt. Ein Platzverweis ist das im Leben nicht, hier durfte sich der FCM wohl eher bei den schauspielerischen Talenten von Rother und Weil bedanken. Tja nun.

Sämtliche taktischen Marschrouten waren nun natürlich vollkommen hinfällig; der HFC begann, zu drücken, beim FCM konnte es jetzt nur noch darum gehen, den Vorsprung irgendwie über die Zeit zu bringen. In der 76. Minute wechselte Härtel ein zweites Mal, für den völlig platten Christian Beck kam Dennis Erdmann in die Partie. Nach 81 Minuten war dann auch für Michel Niemeyer Feierabend, er wurde durch Tobias Schwede ersetzt. Der gab dann auch gleich die einzige noch verbliebene blau-weiße Spitze, während sich die Kollegen überwiegend hinter der Mittellinie in der eigenen Hälfte aufhielten. Und Angriffsversuch um Angriffsversuch des HFC abwehren mussten. “Das kann eigentlich nicht lange gut gehen”, spukte es durch den Hinterkopf, während die Anspannung dafür sorgte, dass das Mitsingen zunehmend unmöglicher wurde und jede Salzsäule ob der Haltungsnoten wohl vor Neid erblasst wäre.

Die Zeit verging mal wieder wahnsinnig langsam und klar war auch, dass es durch die zwei roten Karten, denen ja ein ordentliches Maß an Rudelbildung vorausging und folgte, noch ein gutes Stück Nachschlag geben würde. In der 88. Minute dann mal der erhoffte Konter, der hier vielleicht den Deckel draufmachen und die Luft rauslassen würde. Tobias Schwede scheiterte allerdings am glänzend reagierenden Müller – statt der Vorentscheidung gab es Ballbesitz für Rot-Weiß. Das Mittel der Wahl aufseiten der Gäste war nun der lange Hafer, gefühlt im Sekundentakt landeten die Bälle aus der Hallenser Hälfte nun im oder am Magdeburger Strafraum. Es war nicht zum Aushalten. Noch mal ein langer Ball. Noch mal eine Abwehraktion. Raus, raus, nur raus das Ding, irgendwie.

In der dritten Minute der Nachspielzeit passierte dann das, was fast schon zu befürchten war: Röser hat an der Strafraumgrenze freie Bahn und fackelt nicht lange, für seinen geschlagenen Keeper rettet Christopher Handke – ausgerechnet! – auf der Linie. Und genau in die Füße von Baumgärtel. Dessen Schuss aufs leere Tor (!) geht an die Latte (!!), der Abpraller landet wieder im Strafraum und wird schließlich von Handke in den Magdeburger Nachmittagshimmel gedroschen.

Abpfiff.

Während der eine oder die andere auf den Rängen erst einmal auf den Sitz sank, fand sich Christopher Handke unter einer Traube aus ungefähr allen seinen Kollegen wieder. Von der tragischen Eigentor-Figur zum Abwehr-Helden, der noch dazu in den letzten Minuten alles andere als rund lief – auch für solche Geschichten sind wir irgendwie alle Fußballfans geworden.

Unter dem Strich und inzwischen wieder mit Normalpuls steht ein verdienter, wenn am Ende auch glücklicher Sieg der Größten der Welt gegen eine Mannschaft, die mit ihrer Fanszene hoffentlich vorerst das letzte Mal zu einem Pflichtspiel im Heinz-Krügel-Stadion aufdribbelte. Während besagte Anhängerschaft nun in Ruhe weiter ihre Minderwertigkeitskomplexe pflegen kann, grüßen die Größten der Welt mit inzwischen vier Punkten Vorsprung auf den Relegationsplatz weiterhin vom zweiten Rang und schicken sich an, das zweite Jahr in Folge auf einem direkten Aufstiegsplatz zu überwintern. Bis es soweit ist, sind noch 3×90 Minuten erfolgreicher Drittliga-Fußball zu spielen – für die Nummer Eins der Welt, die wir nun mal sind, doch aber eigentlich kein Problem, oder? In diesem Sinne: NUR DER FC MAGDEBURG!

Die Pressekonferenz nach dem Spiel (via YouTube)
Die Spielzusammenfassung in der Sportschau (via YouTube)