Im Gespräch mit: Dirk Stahmann

29. September 2017 at 9:08

Dirk Stahmann verbrachte seine gesamte fußballerische Laufbahn beim 1. FC Magdeburg, wurde zwischen 1978 und 1994 drei Mal FDGB-Pokalsieger und führte die Mannschaft nicht nur im Europacup, sondern auch im Oberliga-Existenzkampf gegen Lichterfelde und Co. als Kapitän aufs Feld. Mit der DDR-Olympiaauswahl gelang ihm die Qualifikation für die Spiele in Los Angeles 1984; die letztendliche Nicht-Teilnahme aufgrund des Boykotts der Ostblock-Staaten bezeichnet er auch heute noch als einen der Tiefpunkte seiner Karriere. Ich traf Dirk Stahmann Ende Juli 2017 in Magdeburg zum Interview.

Teil 1/3: Wie alles begann

Alexander Schnarr (AS): Dirk, erst einmal jetzt schon danke für Deine Zeit! Ich habe für unser Gespräch heute eigentlich drei Schwerpunkte: Mich interessiert natürlich, wie alles begann mit Dir und dem Club, dann würde ich gern über Deine Karriere sprechen und abschließend wäre natürlich auch so die Wende-Zeit wirklich spannend. Du warst ja seinerzeit einer der wenigen Stammspieler, die trotz aller Rückschläge den Club nicht verlassen haben, warst Kapitän und bist ja auch nach der Karriere in Magdeburg geblieben. Von daher lass’ uns doch einfach mal ganz vorn anfangen: Nach meinen Recherchen ging das bei Dir 1967 direkt mit dem 1. FC Magdeburg los. Wie kamst Du zum Kicken und warum direkt beim Club?

Dirk Stahmann (DS): Ja, los ging das so, dass ich in der Thälmann-Oberschule in Magdeburg-Alte Neustadt eingeschult wurde und das eine Schule war, die bei Sportfesten eigentlich immer vorn dabei war. Egal, ob beim Fußball, Handball oder Basketball. Da haben wir schon in jungen Jahren fußballerisch ganz gut ausgesehen in den Schulmeisterschaften der Stadt Magdeburg und so weiter. Ein Schulfreund von mir hatte mit sieben Jahren direkt schon beim Club gespielt und dann irgendwann gesagt: “Komm doch mit zum Training!” Parallel gab es noch eine Anfrage vom Basketball, weil ich schon ziemlich groß war damals, aber das war gar nicht mein Ding. Also bin ich mit 9 Jahren dann mit zum Fußballtraining. Das ist auch so eine Geschichte für sich, ich hatte nämlich noch nicht mal Fußballschuhe mit, sondern nur so Turnschuhe. *beide lachen* Da habe ich dann direkt Dirk Heyne kennengelernt, wir haben beide fast parallel angefangen. Und das war mein erstes Training beim Fußballclub. Da war ich 9 Jahre alt, das war im Juli, dieses Jahr bin ich 50 Jahre Mitglied. TuS Fortschritt gab’s noch hier in Neustadt, das wäre noch eine Möglichkeit gewesen, aber nee, zum Club gekommen bin ich letztlich durch meinen Schulfreund.

AS: Man liest ja, gerade im Zusammenhang mit der 74er Generation, immer wieder, dass da viele Spieler in den Orten rund um Magdeburg ausgebildet wurden und dann mit 16, 17, 18 mehr oder weniger fertig zum FCM kamen. Wie war denn insgesamt so die Jugendarbeit beim Club? Hattet Ihr irgendwie Druck, dass dann auch relativ früh schon Leute von außen geholt wurden?

DS: Nein, das war damals so, dass wir dadurch gefordert und gefördert wurden, dass wir immer gegen ältere Mannschaften spielen mussten. Spielerisch waren wir gut; ich weiß noch, dass wir mal gegen Barleben 26:0 gewonnen haben. Das hat uns natürlich gar nicht weitergebracht. Man hat uns immer ‘ne Etage höher spielen lassen, also gegen ein Jahr, zwei Jahre Ältere. Das hat uns wirklich geformt als junge Leute, auch körperlich, sich da gegen starke, robustere Spieler durchzusetzen. Das war keine schlechte Sache, die man sich da ausgedacht hatte. Das hat uns geholfen.

AS: Okay, und ich nehme mal an, dass das dann sicher so eine Auslesegeschichte war, wie heute auch, oder?

DS: Richtig, wenn ich mir die Mannschaften von damals so angucke, wer ist denn da übrig geblieben? Dirk Heyne, ich… also ich übertreibe jetzt mal: von 30 Leuten sind 3 übrig geblieben, so ungefähr. Das Sieb war also durchaus damals schon da.

AS: Alles klar, und im Jugendbereich wart Ihr dann im ganz normalen Ligabetrieb eingetaktet.

DS: Naja, so wie die Verbandsliga heute. Wir haben im Bezirk Magdeburg gespielt, aber eben gegen die Älteren. Das war schon eine Herausforderung.

AS: Und dann kam das Debüt bei den Männern am 25.03.1978. Ausgerechnet gegen den BFC Dynamo.

DS: Richtig, im Pokal.

AS: Genau. Zu dem Zeitpunkt war ja die letzte Meisterschaft gerade drei Jahre her. Und jetzt weiß man ja, dass heute rund um den FCM immer eine riesen Erwartungshaltung herrscht. Was war das denn damals für eine Zeit, in der Du debütiert hast?

DS: Da muss ich erst mal dazu sagen, dass ich den Club fast verlassen hätte. Vor mir hatte ich super Spieler, zum Beispiel Manfred Zapf und Paule Seguin. Und dann war das so: Du hast trainiert, gemacht, getan, aber dann hast Du auf der Bank gesessen. Die ersten Male warst Du stolz, dass Du überhaupt auf der Bank sitzen konntest, z.B. gegen Juventus Turin. Zum Rückspiel bin ich dann aber nicht mitgefahren, war raus aus dem Kader, warum, weiß keiner. Und da hab ich damals dann so ein bisschen mit Lok Leipzig angebändelt. War aber ein lockeres Gespräch, das war alles nicht konkret. Ich war unzufrieden, weil Du trainierst, trainierst, trainierst und spielst nicht. Dabei will man ja aber immer spielen. Unser Trainer Klaus Urbanczyk war auch jemand, der auf die ältere Generation gesetzt hat, nicht so sehr auf die jungen Bengels. Dirk Heyne hatte damals das Glück, dass er eigentlich kaum jemanden groß vor sich hatte. Währenddessen bei den Abwehrspielern, Zappel, Seguin, da war kein Vorbeikommen.

AS: Das waren ja auch Institutionen.

DS: Dann kam das BFC-Spiel, da habe ich dann Klaus Urbanczyk überzeugt, und seitdem war ich dann dabei bei den 1. Männern. Obwohl ich damals auch noch ein paar Spiele in der DDR-Liga gemacht habe, in der zweiten Mannschaft, das war auch sehr gut. Das ist dann aber ein bisschen eingeschlafen, weil Du immer zwischen beiden Mannschaften gependelt bist. In der Zwoten hättest Du gespielt, Urbanczyk wollte mich aber für die erste, aber auf der Bank. Das war eine blöde Situation, aber wie gesagt, ich bin bei der Stange geblieben und habe es nicht bereut…

AS: …und hast Dich einfach durchgesetzt im Endeffekt. Gab es irgendwann noch mal so einen Moment in Deiner Karriere, in dem Du über einen Wechsel nachgedacht hast, oder irgendwelche Angebote?

DS: Darf ich Dir gar nicht sagen… Von unserem Erzfeind aus Halle. Das war auch schon fast spruchreif. Die haben damals, als die 2. Liga gespielt haben, um mich gebuhlt, wir haben auch gute Gespräche gehabt. Die wollten damals mich und Heiko Laeßig im Paket, aber ich hab dann auch “nein” gesagt, weil… ja, ach, ich hab’ damals “nein” gesagt und erledigt.

AS: Das ist echt spannend, weil Du ja eigentlich beim Club so die Kontinuität in Person warst. Du warst ja auch in ganz unterschiedlichen Phasen des Vereins immer da, von daher ist das schon interessant, dass es auch mal Wechselgespräche gegeben hat. So einen richtigen Transfermarkt gab es ja aber nicht…

DS: Och, naja, damals z.B. mit Rostock [und dem Wechsel von Achim Streich zum 1. FC Magdeburg, A.S.] ging das, und ich hatte später auch noch mal Gespräche mit Lok gehabt, das weiß ich auch noch, weil die mit Müller und Dennstedt so eine Achse in der Nationalmannschaft hatten und mich dazwischen haben wollten. Aber wie gesagt, das war alles nicht so spruchreif. Es gab Gespräche, aber das war nicht offiziell in dem Sinne.

AS: Und atmosphärisch in der Mannschaft? Jetzt im Nachhinein weiß man ja, dass im Prinzip so die goldene Zeit bis Mitte der Siebziger reichte und jetzt stell ich mir das so vor, dass das als junger Spieler, der da aufrückt, nicht so einfach war mit der Erwartungshaltung.

DS: Naja, ich hole da mal ein bisschen weiter aus. Ich möchte sagen, der Heinz Krügel, der hat damals super Arbeit geleistet, aber er hatte schon auch Glück. Er hat fünf, sechs Spieler aus der A-Jugend hochgeholt und die haben gleich alle eingeschlagen. Das gab es nie wieder. Pommerenke, Tyll, Raugust, Decker, das war ja alles Wahnsinn. Ich sage mal so: es war schwer. Als junger Spieler war es bei dem Kader tatsächlich schwierig, Anerkennung zu erhalten. Wir sind ja aber alle keine Mimosen gewesen, das hat dann schon irgendwie funktioniert, auch wenn die großen Erfolge dann nicht mehr so da waren. Da kamen ja damals mit dem BFC auch noch andere Geschichten dazu. Im Pokal lief es noch mal, der Pokalsieg ‘83 war eine super Angelegenheit. Da waren 20.000 Magdeburger in dem Stadion, das weiß ich noch, es waren 40 Grad draußen und wir haben 4:0 gegen Chemnitz gewonnen. Und dann will ich nicht sagen, dass es so langsam bergab ging, aber die großen Erfolge blieben eben aus. Dann kam die Meisterschaftsserie vom BFC, obwohl das keine schlechte Mannschaft war. Aber zehn Mal hintereinander… naja. Da kann sich jeder seinen Reim draus machen.

AS: Genau, da gibt es ja ganz viele Geschichten… Du warst ja nun Defensivspieler, Innenverteidiger und Libero, und hast, glaube ich, in Summe 33 Tore gemacht?

DS: Oh, das waren mehr! Aber gute Frage. Warte mal *holt eine Autogrammkarte hervor*: 65, mit allem Drum und Dran.

AS: Ja, über alle Wettbewerbe, stimmt. Kannst Du Dich noch an Dein erstes erinnern?

DS: *überlegt* Meisterschaft? Nee. Europacup, ja. Das war in Budapest. Ferencvaros, dadurch sind wir weitergekommen. Das war gleich in der 5. Minute. Das war nach dem Debüt gegen den BFC, da haben wir dann in Budapest gespielt und Urbanczyk hat mich eingesetzt, aber im Mittelfeld, gegen Nyilasi. Weltklassespieler damals und ich als junger Bengel. Hab’ dann draufgehauen und das Tor gemacht *lacht*.

AS: Für die Liga habe ich hier den 03.03.79 auf dem Zettel, ein knappes Jahr nach dem Debüt. Eine 2:1-Niederlage bei Wismut Aue, Dirk Stahmann erzielte dann das eine Tor.

DS: Aue, stimmt, das war auch immer interessant.

AS: Wo wir eben schon mal bei internationalen Spielen waren – wenn Du drei Highlights aus Deiner langen Karriere nennen müsstest, welche wären das?

DS: Also auf Club-Ebene auf jeden Fall Arsenal London im Highbury damals, das war schon ein Erlebnis, muss ich sagen. Dann AC Turin im Stadion Communale auswärts, da war Stimmung ohne Ende. Das werde ich nie vergessen. Der AC stand damals wirklich noch vor Juventus und wir durften uns nicht draußen warm machen, weil da Raketen und Fackeln geflogen sind. Das war die rote Kurve, die “Stiere”, und wir haben uns unter den Traversen aufgewärmt. Das hat gescheppert da und als wir raus sind, hat es gezischt und geknallt – wenn das heute passieren würde, würde man die Fans alle verhaften. Da hat jeder pro Eintrittskarte einen Knaller dazu bekommen, so ungefähr. Aber es war ein Erlebnis – 35.000 Zuschauer, die Tartanbahn hat gequalmt und gebrannt, war eine schöne Stimmung da. International auf jeden Fall ein Länderspiel in Spanien, da haben wir 0:0 gespielt und da hat damals der Trainer von Wales oder Nordirland ein Kompliment gemacht, Jack Charlton war es, glaube ich: “Wenn ich den langen Stahmann bei mir hätte, wäre ich froh”. Ja, und sonst waren auch die Spiele gegen Jena und Dresden immer ein Highlight, immer vor voller Hütte. Auch Wembley, Achim Streichs Hundertstes, das werde ich auch nie vergessen. Im alten Wembley zu spielen, war schon ein Erlebnis. Die alten Haudegen da in England, Alf Ramsey haben wir kennengelernt, das ganze Ambiente, das hatte was.