Du bist niemals alleine

16. Oktober 2016 at 13:19

FC Rot-Weiß Erfurt – 1. FC Magdeburg, 11. Spieltag, 1:0 (0:0)

…und dann haben wir doch gesungen. Und wie. 25 Minuten schwieg die Kurve im Auswärtsspiel beim FC Rot-Weiß Erfurt in Gedenken an Hannes. Als sich der proppenvolle Block dann auch akustisch am Geschehen beteiligte, hatte das etwas Befreiendes, Lösendes, und kam da einige mit raus, was sich in den letzten Tagen angestaut hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt war es ein irgendwie unwirklicher Nachmittag im Erfurter Steigerwaldstadion. Eigentlich war alles wie immer und irgendwie war doch alles anders. Gespräche, Stadionimbiss, Platzsuche im Block und das Warten auf das Einlaufen der Mannschaften folgten den üblichen Routinen, trotzdem hatte man aber den Eindruck, dass die vermeintliche Normalität so eine Form von Unsicherheit hatte, die sich eben über die Geschehnisse legt, wenn man versucht, mit einer außergewöhnlichen Situation zurechtzukommen.

Der mit Abstand unwirklichste und gleichzeitig auch bewegendste Moment des Tages ereignete sich direkt vor dem Anpfiff. Der FC Rot-Weiß Erfurt in Person von Präsident Rolf Rombach überreichte am Mittelkreis einen Kranz, der dann vor die Kurve getragen und dort über den Zaun gegeben wurde. Wie auf Kommando, aber eben ohne Ansage, hielt der Gästeblock die Schals in die Höhe und da ausgerechnet in dem Moment, in dem Herr Rombach einige Worte an die Stadionbesucher richtete, die Lautsprecheranlage im Gästebereich nicht funktionierte, entstand ein ziemlich langer Moment absoluter Ruhe. Vollkommener Stille. Im ganzen Stadion. Man hätte ein Stecknadel fallen hören können. Irgendwann in die Stille hinein zaghafter, dann lauter werdender Applaus, sicher auch als Dankeschön an die tolle Geste der Erfurter Gastgeber und nicht zuletzt die Erfordia Ultras, die ihre “Ruhe in Frieden, Hannes”-Tapete verhältnismäßig lange nach Anstoß noch hoch hielten. Und während ich das so schreibe und mir die Atmosphäre noch einmal ins Bewusstsein rufe, habe ich schon wieder einen dicken Kloß im Hals und laufen mir Schauer den Rücken hinunter. Einerseits ist es ein gutes Gefühl, Teil einer so großartigen Familie zu sein. Andererseits tut es weh, dass einem das ausgerechnet vor so einem traurigen Hintergrund wieder bewusst wird…

Die Konzentration auf das Sportliche fiel dementsprechend schwer, nicht nur im Vorfeld der Partie, sondern auch während des Spiels selbst. Jens Härtel ließ die Mannschaft im mittlerweile gewohnten 3-5-2 agieren, vor Jan Glinker liefen Christopher Handke, Nico Hammann und Felix Schiller auf. Den defensiveren Part im Mittelfeld übernahm neben Marius Sowislo diesmal Niklas Brandt, offensiv sollten Tobias Schwede links, Sebastian Ernst zentral und Nils Butzen rechts für Gefahr sorgen. Das Sturmduo bildeten, wie zuletzt, Manuel Farrona Pulido und Christian Beck. Insbesondere letztgenannter genoß vom Start weg gewissermaßen eine Sonderbehandlung von der Erfurter Defensive und wurde ein ums andere Mal äußerst unsanft von den Beinen geholt, was offenbar auch Wirkung zeigte: eine wirklich gefährliche Toraktion war von unserer Nummer 11 in der gesamten Begegnung nicht zu verzeichnen.

Überhaupt tat sich die Mannschaft eigentlich das ganze Spiel über einigermaßen schwer, in einen geordneten Spielaufbau zu finden und zu klaren, zwingenden Abschlüssen zu kommen. In Halbzeit 1 gab es eigentlich nur eine wirklich vielversprechende Aktion in der 29. Minute, in der Christopher Handke nach einem Hammann-Freistoß von der linken Seite knapp über das Tor köpft. Die Gastgeber machten es indes nicht wesentlich, aber doch etwas besser und hätten mindestens in der 33. (Vocaj) und der 40. Minute (Brückner) in Führung gehen können. Weil sie das nicht taten und der FCM offensiv eben nicht seinen besten Tag erwischt hatte, ging es mit dem 0:0 in die Pause.

Schnell wurde deutlich, dass es wohl mit einem Wechsel in den zweiten Abschnitt gehen würde; Jan Löhmannsröben erhielt jedenfalls während des Aufwärmens zum zweiten Durchgang ausführliche Anweisungen vom Trainer und ersetzte dann auch Sebastian Ernst. Das führte dazu, dass Marius Sowislo auf die zentrale offensive Position im Mittelfeld vorrückte und sich Niklas Brandt nun zusammen mit Jan Löhmannsröben um die defensiven Aufgaben kümmern konnte – was Brandts Spiel deutlich zugute kam, war er doch im ersten Abschnitt häufiger mal einen Schritt zu spät dran und ließ er des Öfteren einen gebührenden Sicherheitsabstand zwischen sich und dem jeweiligen Gegenspieler. Das klappte im zweiten Durchgang besser und auch insgesamt wirkte der Club nun stabiler, engagierter und mit mehr Zug in den eigenen Aktionen. Mehr als ein guter Kopfball von Brandt, der links am Tor vorbeiging, sprang bis zur 75. Minute allerdings nicht heraus.

In der Zwischenzeit hatte der Club eine weitere Drangphase der Hausherren zwischen der 60. und 70. Minute schadlos überstanden und wurde Manuel Farrona Pulido positionsgetreu durch Tarek Chahed ersetzt. Eine Viertelstunde vor Schluss dann ein weiterer Moment, der einem den Atem stocken ließ, diesmal allerdings im positiven Sinne. Jan Löhmannsröben nimmt 15, 16 Meter vor dem Tor Maß und einen von der Abwehr geklärten Ball Volley, der wird lang und länger und klatscht wie in Zeitlupe hinter dem bereits geschlagenen Philipp Klewin an die Latte. Großes Raunen im weiten Rund (so einer muss auch einfach mal reinfallen!) und so etwas wie ein Startschuss zu einer kurzen, aber starken Phase des FCM, in der man nun vor allem via Standards am Drücker war, die letzten Endes aber auch nichts Zählbares einbrachten.

In einer zweiten Halbzeit, die nichts für Fußballästheten und die von vielen kleinen Fouls und Nicklichkeiten geprägt war, hatte man sich dann irgendwann geistig schon auf ein 0:0 eingerichtet, als es dann doch noch klingelte – allerdings im falschen Kasten. Ein Freistoß von links wird schnell ausgeführt und auf Erfurts Sebastian Tyrala gespielt. Der hat alle Zeit der Welt, spielt den Ball aus dem Halbfeld gekonnt in den Strafraum, überrascht damit die gesamte Defensive und offenbar besonders Christopher Handke, der bei dem Lupfer in die Box nicht gut aussieht, findet den Kopf von Christopher Bieber und der mit einem schicken Flugkopfball das Tor gegen den machtlosen Jan Glinker. Sehr ärgerlicher Gegentreffer, bei dem man einfach gepennt hat und der einen stark an den Beginn der Saison (Osnabrück!) erinnerte. Jens Härtel zog seinen letzten Trumpf und brachte fünf Minuten vor Ende der regulären Spielzeit noch Maurice Exslager, der Christopher Handke ersetze, allerdings auch keine Akzente mehr setzen konnte. Nach einer gefühlt ewigen Nachspielzeit ohne weitere zwingende Gelegenheiten für Blau-Weiß war dann Schluss, das 0:1 bedeutete die erste Niederlage nach zuletzt vier Erfolgen in Serie.

In Anbetracht der Umstände wird man den Misserfolg in Erfurt sicherlich verschmerzen können, wenngleich man im nächsten Heimspiel gegen den Chemnitzer FC sehr gern wieder in die Erfolgsspur zurückfinden darf. Unter dem Strich bleibt auf jeden Fall ein sehr emotionaler Nachmittag in Thüringen, bei dem das Sportliche diesmal tatsächlich eher in den Hintergrund trat. Der FC Rot-Weiß Erfurt war, auch das kann man mal hervorheben, in einem für alle Beteiligten schwierigen Spiel nach meinem Dafürhalten ein hervorragender Gastgeber; auch die Entscheidung von Block U, nicht das ganze Spiel über zu schweigen, sondern nach 25 Minuten den Support wieder aufzunehmen, hat sich für mich richtig angefühlt. Klar, von Normalität sind wir vermutlich alle noch sehr weit entfernt (wenn man von einigen Unverbesserlichen, die schon um halb 1 mit 3,8 auf dem Kessel im Block stehen, mal absieht), trotzdem hat es irgendwie geholfen, den Gefühlen und Gedanken singerderweis’ wenigstens ein stückweit Luft zu verschaffen. Du bist eben niemals alleine. Und das ist letzten Endes das, was vom 11. Spieltag vor allem übrig bleibt.