Drei verdammte Minuten

6. November 2016 at 16:14

1. FC Magdeburg – F.C. Hansa Rostock, 14. Spieltag, 1:1 (1:0)

Eigentlich muss man ja fast hoffen, dass der F.C. Hansa Rostock und der 1. FC Magdeburg in nächster Zeit nicht aufsteigen – oder wenn, dann gleich beide zusammen. Stimmungstechnisch dürfte das, was dem geneigten Stadiongänger an diesem 14. Spieltag von beiden Fanlagern geboten wurde, jedenfalls das beste sein, was man derzeit im deutschen Punktspielbetrieb erleben kann. In allen Ligen. Dazu kam eine Begegnung, die tatsächlich mit allem aufwartete, was man sich als einigermaßen neutraler Fußballfan unter einem gelungenen Stadionnachmittag vorstellt: ein intensives Spiel zweier Mannschaften auf Augenhöhe, Kampf, Einsatz und Leidenschaft, die nicht zuletzt in drei Platzverweise mündete, zwei schöne Tore, zwei Fankurven, die sich nichts schenkten und schließlich noch eine zünftige Pyroshow im Gästeblock.

Setzt man die neutrale Brille ab und die blau-weiße auf, muss man allerdings auch sagen, dass nach dieser großartigen Begegnung unter dem Strich zwei Punkte zu wenig auf der Habenseite stehen. Ob das nun vorrangig am Schiedsrichter lag, wie im Laufe der Partie und vor allem danach häufig zu hören war, muss jeder für sich selbst entscheiden; mir ist es jedenfalls immer ein bisschen zu einfach, ungünstige Spielausgänge ausschließlich an der Leistung des Unparteiischen festzumachen. Wobei natürlich unbestritten ist, dass einige Entscheidungen an der Art und Weise, wie das Spiel verlief, sicherlich einen großen Anteil hatten. Aber der Reihe nach:

Jens Härtel schickte die gleiche Elf ins Spiel, die auch bereits gegen Regensburg einen Punkt erkämpfen konnte. Vor Jan Glinker bildeten also Christopher Handke, Nico Hammann und Felix Schiller die Dreierkette mit Niklas Brandt und Jan Löhmannsröben als Absicherung davor, die offensive Mittelfeldreihe bestand abermals aus Tobias Schwede links, Marius Sowislo zentral und Nils Butzen rechts, im Sturm wirbelten Christian Beck und Florian Kath. Anders als in Bayern am vergangenen Wochenende war es diesmal allerdings der Gegner, der vom Anpfiff weg die Initiative übernahm und mit guten Laufwegen und klugen Pässen in die Schnittstellen der Abwehr immer wieder gefährlich vor dem Tor von Jan Glinker auftauchte. Gleich zu Beginn galt es, zwei Standardsituationen der Rostocker zu verteidigen; in Minute 8 wurde es über die rechte Magdeburger Abwehrseite aus dem Spiel heraus erstmals richtig brenzlig, als nach einem Hackenpass im Mittelfeld Timo Gebhart mit einem durchgesteckten Ball bedient wird und Nils Butzen im letzten Moment noch klären kann.

Der Club brauchte eine gute Viertelstunde, um sich zurechtzufinden und nach einer schönen Balleroberung in der Rostocker Vorwärtsbewegung nebst schnellem Umschalten zum Abschluss zu kommen. Christian Beck zögert dann aber vielleicht einen Ticken zu lange mit seinem Schuss, sodass für Marcel Schuhen im Rostocker Tor keine wirkliche Gefahr entsteht. Spätestens nach 25 Minuten war der FCM dann tonangebend und hatte die Partie gut im Griff, was natürlich auch auf den Tribünen nicht unbemerkt blieb. Es ist immer wieder erstaunlich, was für eine Wucht derjenige Teil der diesmal 21.001 (!) Zuschauer entfalten kann, der es mit den Größten der Welt hält. Was natürlich aber auch daran lag, dass man diesmal im prall gefüllten Gästeblock zum ersten und vermutlich auch letzten Mal in dieser Spielzeit einen absolut ebenbürtigen Kontrahenten im Stadion hatte. So muss Fußball sein. Warum man aber trotz eines für viel Geld generalüberholten Gästebereichs mit angeblich allen (Sicherheits-)Schikanen trotzdem noch einen großzügigen Pufferbereich braucht, wird sich wohl nur gut informierten Insider-Kreisen vollständig erschlossen haben…

Zurück zum Spiel, das im weiteren Verlauf der ersten Hälfte doch einigermaßen in die Magdeburger Richtung kippte. In der 26. Minute entwickelt sich ein schöner Angriff über die linke Seite mit dem erneut auffälligen Florian Kath als Ausgangs- und Endpunkt. Die Freiburger Leihgabe löst sich schön vom Gegenspieler, bedient Christian Beck am linken Strafraum-Eck, bekommt den Ball prompt flach zurück und verpasst es dann aber, die Kugel zur Magdeburger Führung ins Tor zu schieben, weil er sich statt des direkten Abschlusses für einen weiteren Pass auf den einlaufenden (und letztlich verpassenden) Marius Sowislo entscheidet. Ärgerlich. Nur eine Minute später setzt Nico Hammann einen Freistoß (ebenfalls von der linken Seite) oben aufs Tornetz – spätestens jetzt roch es deutlich nach dem blau-weißen Führungstreffer.

In der 32. Minute dann eine von zwei, drei potentiell spielentscheidenden Szenen: Rostock ist im Vorwärtsgang, Nico Hammann grätscht in Höhe der Mittellinie den ballführenden Spieler um – die fällige gelbe Karte kassiert merkwürdigerweise aber Christopher Handke, der in dieser Szene gar nicht wirklich in Ballnähe war. Möglich, dass Schiedsrichter Benjamin Brand da eine Aktion ahnden wollte, die vorher passierte oder dass Handke die Karte wegen Meckerns sah, von der Nordtribüne aus erschloss sich diese Schiedsrichterentscheidung jedenfalls nicht. Teuer werden sollte sie trotzdem, allerdings erst im zweiten Durchgang…

Bis kurz vor dem Pausenpfiff plätscherte die Partie dann irgendwie vor sich hin, ohne aber langweilig zu werden; beide Teams mit viel Engagement, hohem Aufwand und einigen guten Ideen, die aber nicht wirklich gefährlich wurden. So auch nach 38 Minuten, als ein schöner Diagonalball von Nils Butzen zentral in den Strafraum auf Florian Kath segelt, der aber im Luftduell mit Torhüter Schuhen das Nachsehen hat. Fünf Minuten später dann völlige Ekstase im Heinz-Krügel-Stadion: Hoher Abschlag von Jan Glinker auf Marius Sowislo, der das Kopfballduell gewinnt und den Ball auf Florian Kath bringt. Der setzt sich stark durch, schiebt die Kugel zu Jan Löhmannsröben und startet sofort Richtung Rostocker Strafraum. Löhmannsröben sieht Tobias Schwede, der links ein bisschen Platz hat, einen schicken Doppelpass mit dem eingerückten Sowislo spielt und im Strafraum in die Mitte passen kann, wo Christian Beck Christian-Beck-Dinge tut, den Fuß ganz lang macht und den Ball im langen Eck platziert. Jetzt hatten die Statiker, die mal wieder ein Spiel hinter/unter der Nordtribüne verbrachten, sicherlich alle Hände voll zu tun, noch vernünftige Messergebnisse zu bekommen – völlige Eskalation im weiten Rund und die zu diesem Zeitpunkt vollkommen verdiente Führung für Blau-Weiß.

Kurze Zeit später war Halbzeit und wahrscheinlich nicht nur ich mir sicher, dass man die Stimmbänder nach der Partie wohl vollständig würde in die Ecke stellen können. Schöner, intensiver Kick bis dato, bei dem sich eigentlich erst einmal nur die Frage stellte, ob die eigene Mannschaft diesmal wohl mit der gebotenen Wachheit aus der Kabine kommen würde. Bevor es darauf allerdings eine befriedigende Antwort geben konnte, rückte die Rostocker Gästekurve in den Fokus: Offenbar waren da einige Kollegen nicht schnell genug vom Bierholen zurück, sodass man sich dazu entschied, die Partie mal eben unterbrechen zu lassen, sodass alle wieder auf ihre Plätze zurück konnten. Etliche Bengalos und irgendetwas, das nach verbrennendem Traktorreifen roch, sorgten jedenfalls zunächst für einen schicken Anblick und anschließend für ordentlich Nebel, sodass die Partie für fast 10 Minuten unterbrochen wurde, ehe weitergespielt werden konnte.

Drei verdammte Minuten

Mitten rein in den sich verziehenden Rauch (und nach einer 100%igen Chance von Kapitän Sowislo) dann in Minute 65 die Aktion des Christopher Handke, die die bereits erwähnte erste gelbe Karte richtig teuer werden ließ. An der Mittellinie steigt der Innenverteidiger (der übrigens in dieser Partie, genau wie Felix Schiller, zum Teil sehr hoch agierte) überenergisch von hinten mit einer zünftigen Grätsche ein. Vollkommen unnötig in dieser Situation, erst recht, wenn man (berechtigt oder nicht) bereits mit Gelb vorbelastet ist. Die logische Folge: Gelb-rot und Feierabend für den Mann mit dem wallenden Haupthaar. Beide Trainer reagierten umgehend: Rostocks Christian Brand tauschte den defensiven Dennis Erdmann gegen den offensiven Ronny Garbuschewski, auf Magdeburger Seite musste Florian Kath vom Platz, für ihn kam Tarek Chahed. Der ordnete sich auf der linken Seite ein, die Dreier- wurde zur Viererkette, indem Nils Butzen und Tobias Schwede nach hinten rückten, Christian Beck gab nun offensiv den Alleinunterhalter. Und hatte gleich mal die Chance zur erneuten Führung in der 68. Minute, wobei sein Flugkopfball das Rostocker Tor doch deutlich verfehlte und der Linienrichter in der Magdeburger Offensiv-Hälfte – fälschlicherweise, wie die Fernsehbilder später zeigen sollten – auf Abseits entschied.

Zu dem Zeitpunkt war natürlich klar, dass es in der zweiten Hälfte nur über Kampf und großen Einsatz gehen konnte, wenn man die drei Punkte an der Elbe behalten wollte. Wer nun dachte, Rostock würde bedingungslos anrennen und der FCM die Bälle nur noch planlos und in Hail-Mary-Manier blind hinten rausschlagen, sah sich allerdings getäuscht: Blau-Weiß weiterhin mit ordentlicher Spielanlage und ohne den Eindruck, tatsächlich einer weniger zu sein, Rostock hingegen zunehmend genervt und ohne wirklich klare Aktionen, die zum Ausgleich hätten führen können. Allerdings hatte der 1. FC Magdeburg bereits vor dem Platzverweis für Handke viel Glück, dass eine Standard-Doppelchance von Rostock nicht schon das 1:1 bringt und Riesendusel einige Zeit später, als sich Nils Butzen nach einem abgewehrten Garbuschewski-Freistoß in einen Rostocker Schuss wirft, den Ball im Strafraum deutlich an die Hand bekommt, der Pfiff des Unparteiischen aber ausbleibt.

Große – und berechtigte – Aufregung dann in der 81. Minute: Der FCM gewinnt den Ball an der Mittellinie, Beck marschiert mit dem Spielgerät am Fuß Richtung letztes Angriffsdrittel, legt klug rüber auf Jan Löhmannsröben, der den Ball erläuft – und ihn dann im Tausch für eine gelbe Karte direkt wegschlägt, weil nämlich der Linienrichter auf Abseits entscheidet. Kann man angesichts dieser Konstellation natürlich mal machen:

Nun kann man natürlich noch tagelang darüber diskutieren, ob aus der Szene auch tatsächlich das 2:0 entstanden wäre, an der Entscheidung des Schiedsrichtergespanns wird das nichts mehr ändern. Extrem ärgerlich ist es natürlich trotzdem, wenn man in Unterzahl kurz vor Spielende auf diese Weise dermaßen benachteiligt wird. Zumal es in der 94. Minute (es gab aufgrund der Nebel-Unterbrechung satte 7 Minuten Nachspielzeit) doch noch auf der falschen Seite klingelte. Erneut zirkelt Ronny Garbuschewski einen Freistoß vor das Magdeburger Tor, wo sich zwei Rostocker fast noch gegenseitig behindern, so frei, wie sie da zum Ball gehen können, und Timo Gebhart letztendlich mit einem nicht zu haltenden Kopfball ins lange Eck zum 1:1 “Dankeschön” sagt.

Was nun folgte, waren gleich eine ganze Reihe unübersichtlicher Szenen, die man bei so einer Partie wohl ingesamt in die “Derby-Emotionen”-Schublade stecken kann. Gebhart sieht erst gelb für das Ausziehen des Trikots während seines Torjubels vor dem Rostocker Block (was für eine bescheuerte Regel) und dann gleich noch mal gelb, weil er es sich anschließend nicht nehmen lassen konnte, noch ein bisschen in Richtung Magdeburger Zuschauer zu stänkern. Gleich glatt rot indes für Nils Butzen, der sich seinerseits im Eifer des Gefechts dazu hinreißen ließ, Gebhart für seine Aktion(en?) zu Boden zu stoßen. Harte, aber wohl vertretbare Entscheidung.

Ein Chahed-Abseitstor (diesmal tatsächlich richtig gesehen) später war dann auch Feierabend, was die Rostocker Spieler und Anhänger erstaunlicherweise dazu veranlasste, den Punktgewinn an der Elbe wie einen Champions-League-Sieg zu feiern. Klar, wenn man 29 Minuten lang nicht in der Lage ist, die Überzahl des Gegners auszunutzen, kann man das schon mal bringen. Andererseits spricht es eben auch für uns, dass sich die Erleichterung des F.C. Hansa nebst seiner Entourage dergestalt äußerte. Man sieht es schließlich nicht alle Tage, dass eine Mannschaft in Unterzahl derart stark dagegen hält, das Spiel nach einem Platzverweis weiterhin offen gestaltet, sich sogar Siegchancen erarbeitet und dann eben drei Minuten vor Abpfiff ein einziges Mal pennt.

Unter dem Strich bleibt trotzdem eher ein ärgerlicher Punktverlust als die Freude über den tapfer erkämpften Zähler, auch gute 24 Stunden später immer noch verbunden mit einer ordentlichen Portion Frust ob der teilweise unterirdischen Linienrichter-Leistung. Zu beurteilen, inwiefern auch der Schiedsrichter seine Aktie am Spielausgang hatte, bleibt, wie gesagt, jedem selbst überlassen. Ich habe ihn jedenfalls nicht ganz so schlecht gesehen wie seine Kollegen an den Seitenlinien und wie der überwiegende Teil derjenigen, die sich nach der Partie entsprechend äußerten. Fakt ist aber in jedem Fall, dass uns die Platzverweise sowie die fünfte gelbe Karte für Niklas Brandt erst im nächsten Spiel richtig weh tun werden. So ein Gegentor wie zum 1:1 kann man, so hart das klingt, nach einem Standard immer fangen, egal, ob da nun 9, 10 oder 11 Spieler auf dem Feld stehen. Viel bitterer ist aber, dass uns in der nächsten Partie gegen Großaspach nicht nur mal ein Spieler für 30, sondern gleich 3 wichtige Defensivakteure für (mindestens) 90 Minuten fehlen werden. Und das könnte sich dann durchaus als viel größeres Problem herausstellen als ein letztlich wohl auch leistungsgerechtes 1:1 zuhause gegen den F.C. Hansa Rostock.

Aber: Sei es drum! Wir sind nicht umsonst die Größten der Welt und dürfen alle einigermaßen sicher sein, dass Jens Härtel jetzt über die Länderspielpause hinweg die richtigen Ideen haben wird, wie nun mit dieser Situation umzugehen ist. Und hey: Wenn schon der Trainer im Moment nicht weiß, wie er am 15. Spieltag aufstellen soll – wie soll uns dann erst der Gegner ausrechnen können? Zack, Vorteil für uns.

Spaß, Ironie und Sarkasmus aber mal beiseite: Für die Leistung gegen Rostock muss sich die Mannschaft absolut nicht schämen, auch wenn man natürlich nun mit viel Ärger in die punktspielfreie Zeit geht. Unser Landespokalgegner SV Merseburg 99 kann einem da am kommenden Wochenende fast schon leid tun… Das Motto kann jetzt eigentlich nur lauten, einen guten Teil des Frusts schnell abzubauen, sich aber ein paar Prozent aufzusparen, positiv zu wenden und dann gegen Großaspach eben stärker zurückzukommen. Bis zur Winterpause sind noch 15 Punkte zu vergeben und wenn man sich von denen noch so mindestens 5, 6 schnappen kann, ist man in Sachen Klassenerhalt absolut im Soll. In diesem Sinne: Bauch rein, Brust raus und weiter geht’s. Unser Club ist schließlich unbesiegbar!