Die verlorene Folge oder: Im Gespräch mit Nils Butzen

11. August 2017 at 12:09

Wer regelmäßig den “Nur der FCM!”-Podcast hört, kennt die Geschichte bereits: Am 26.07.2017 hatten wir die Gelegenheit, für eine Folge erstmals einen aktuellen Spieler unserer Mannschaft zu interviewen. So saßen wir knapp anderthalb Stunden mit Nils Butzen im Presseraum des Heinz-Krügel-Stadions zusammen und plauderten über allerlei Dinge, nur um dann später festzustellen, dass bei der Aufnahme etwas gehörig schief gelaufen war. Ständig waren Störgeräusche zu hören, das Gespräch war in Audio-Form für den Podcast schlicht und ergreifend nicht zu gebrauchen. Die Folge war also eigentlich verloren, gäbe es da nicht so großartige Menschen wie den Ralle, der auf Twitter besser als @Tombolamusikant bekannt ist. Er hat sich die komplette Aufnahme angehört und das Gespräch für nurderfcm.de von Ton in Text überführt. Das Ergebnis findet Ihr nun hier – gewissermaßen also eine Text-Podcast-Episode in geschlagenen sieben Akten. Ralle: vielen, vielen Dank für Dein Engagement! Mir fehlen eigentlich immer noch die Worte.

Viel Spaß mit Nils Butzen und unserer ersten und hoffentlich einzigen ‘verlorenen Folge’ im Nur der FCM!-Podcast! 

Teil 1/7: Merkwürdige Interviewsituationen | Probetraining in Magdeburg

[Alexander Schnarr]: Hallo und herzlich willkommen zu Ausgabe 47 im “Nur der FCM”-Podcast. Heute mit einer kleinen Sondersendung, weil wir heute bei uns einen ganz besonderen Gast haben. Und auch unter besonderen Bedingungen – man hört’s wahrscheinlich schon am Klang – , denn entgegen unserer sonstigen Gepflogenheiten nehmen wir tatsächlich face-to-face auf und sitzen jetzt im Moment gerade im Presseraum unseres wunderschönen Heinz-Krügel-Stadions. Mit am Tisch sitzt der Thomas…

[Thomas Haufe]: Hi Alex!

[AS]: …und mit am Tisch sitzt auch – und das ist eine Premiere für unseren Podcast – ein aktueller Spieler unseres 1. FC Magdeburg. Wir freuen uns riesig, dass Du Dir die Zeit für uns nimmst und sagen ein ganz herzliches “Willkommen, Nils Butzen!”

[Nils Butzen]: Gerne!

[AS]: Ja, coole Geschichte auf jeden Fall jetzt schon und bevor wir loslegen, vielleicht ganz kurz das Programm, das wir uns für heute überlegt haben. Wir würden das Ganze gern so machen, dass wir im ersten Teil den Nils mit unfassbar vielen Fragen löchern – weil, wenn wir ihn schon einmal da haben, oder vielmehr hier zu Gast sein dürfen, dann wollen wir natürlich auch die Gelegenheit nutzen und da auch ein kleines Interview machen. Im zweiten Teil blicken wir gemeinsam zurück auf den Auftakt in die dritte Liga für unseren 1. FC Magdeburg bei der SG Sonnenhof Großaspach. Und im dritten Teil dann ein kurzer Ausblick auf den FC Rot Weiß Erfurt, ein kleiner “Sonstiges”-Teil und dann sind wir mit der Folge 47, denke ich, auch durch. Dann würde ich sagen… Erste Frage an Nils, ich les die einfach mal so vor, wie sie hier steht: Herr Butzen, wie fühlen sie sich jetzt?

[NB]: Mhm, ja. Grundsätzlich eigentlich ganz gut. Das Spiel vom Wochenende ist abgehakt, es bringt sowieso nicht so viel, sich damit zu beschäftigen. Jetzt steht das nächste Spiel vor der Tür und auch insgesamt finde ich, dass die Stimmung in der Mannschaft auch mittlerweile wieder ganz gut ist. Klar hat sich jeder das ein bisschen anders vorgestellt, aber ich denke, man sollte dann auch den Blick schnell nach vorne richten und deshalb geht es mir jetzt auch schon wieder ganz gut.

[AS]: Ja, ich musste die Frage jetzt einfach irgendwie mal stellen. Ich weiß nicht, wie Dir das geht, Thomas, aber es gibt ja so Fragen auch nach dem Spiel, die ich total bekloppt finde und das ist irgendwie so eine. Und jetzt hab ich mir so gedacht, wenn ich schon mal die Gelegenheit habe, einen Profisportler zu interviewen, dann versuche ich einfach mal, zu gucken, wie groß da der Selbstschamfaktor ist, wenn man solche Fragen stellt – und der ist ziemlich groß. [Lachen] Aber die Antwort war ziemlich cool. Hattest Du in Deiner Karriere denn schon mal so einen Interview-Moment oder eine Interview-Situation, wo Du das Gefühl hattest “was zum Teufel will er oder sie jetzt von mir?”

[NB]: Ja, da ist auch eine ganz bestimmte Zeitung immer sehr berühmt für, sinnlose Fragen zu stellen. Ich benutze bewusst das Wort “sinnlos”. Da ging es um Sachen wie die Freundin, also nichts, was mit dem Sport zu tun hat und dann kamen so nebenbei noch ein, zwei Fragen zum Sport, aber “Wie muss meine Frau aussehen?”, also …

[AS]: Dann können wir an der Stelle die nächsten drei Fragen streichen.

[NB]: … da dachte ich mir dann auch, “was soll denn die Frage jetzt?” Man muss sie trotzdem irgendwie auch beantworten, aber in dem Moment war mir nicht so ganz bewusst, worauf dann die Person hinauswollte – ohne jetzt Namen zu nennen.

[TH]: Muss man die wirklich beantworten?

[NB]: Man muss natürlich nicht, aber ich denke, dass das immer ein Geben und Nehmen ist. Und so lange man sich da nicht selbst irgendwie in die Bredouille bringt, kann man ja antworten.

[TH]: Mir kommt da bei solchen Sachen immer der Otto Rehhagel in den Sinn, das ist zwar schon ein bisschen her, aber der hat in seinen Trainerzeiten in Bremen ja durchaus auch mal Reporter bestimmter Zeitungen des Raumes verwiesen, wenn die Fragen einfach mal sinnlos waren… Aber ich denke, das ist heute auch eine andere Zeit, das ist nicht mehr so einfach möglich.

[NB]: Ich hab das noch nicht miterlebt. Ich hatte mal eine Pressekonferenz – gleiche Person von der gleichen Zeitung – , die davor einen Artikel rausgebracht hat, der völlig missverständlich und falsch war, und da habe ich eine kleine Diskussion zwischen ihm und dem Trainer live miterlebt. Ich wusste nicht, ob das so geplant war, aber es ist schon lustig, dass das immer die gleiche Person ist. Wohl kein Zufall.

[AS]: An die Pressekonferenz kann ich mich erinnern.

[NB]: Und von der Person hat noch zweimal das Handy geklingelt in der Pressekonferenz. [Lachen]

[AS]: Man hört ja immer so Geschichten von Medienschulungen, grad in diesem Zusammenhang. Ist das beim FCM auch eine Sache? Also arbeitet der Verein da mit Euch oder vertraut er drauf, dass Ihr euch da schon gegenüber der Presse vernünftig verhaltet?

[NB]: Also bis zu einem gewissen Grad muss ja jeder zusehen, dass er sich gut in der Öffentlichkeit präsentiert, bzw. finde ich es immer gut, wenn man sich authentisch darstellt. Klar ist es immer schwierig, alles so zu sagen, wie man es denkt, das ist einfach so. Aber wir werden da schon geschult, kriegen auch Negativbeispiele, die es ja nun mal auch gibt – auch innerhalb der Mannschaft im letzten Jahr gab – im schlechten oder unglücklichen Umgang mit der Presse. Das ist einfach auch wichtig für Spieler, die das noch nicht so kennen, die von Vereinen kommen wie z.B. Bremen II, wo die Medienpräsenz einfach nicht zu vergleichen ist und die vielleicht auch noch gar nicht wissen, wie tückisch das sein kann, wie die Fragen gestellt werden, wie man dann vielleicht falsch dargestellt wird. Ich denke, das ist auch wichtig. Das ist ein fester Bestandteil in der Saisonvorbereitung, aber grundsätzlich sehr kurzweilig. Es ist teilweise auch ganz lustig, wenn man so sieht, was in den letzten Jahren so passiert ist, nicht nur Beispiele aus der eigenen Mannschaft, sondern auch deutschland- oder weltweit. Beispiele oder Aussagen, unglückliche Bilder zu unglücklichen Zeitpunkten an unglücklichen Orten – einfach auch, um sich selbst nochmal zu sensibilisieren. Ein unglückliches Beispiel ist ein Bundesligaspieler, der am Holocaust-Mahnmal in Berlin ein Bild gepostet hat oder ein Video, wie er mit seiner Freundin Fangen spielt. Und als Bundesligaspieler wird sowas natürlich nochmal ganz groß aufgerollt, obwohl er sich in diesem Moment gar nicht bewusst war, was da so passiert. Und man muss sich eben bewusst sein, dass man auch ganz speziell beäugt wird und das gehört halt dazu.

[TH]: Und wer macht das dann? Ist das dann jemand von den Medien selbst, der Euch das zeigt oder ist das jemand, eine Art Trainer, den man dann einkauft und sagt: “Hier, bring den Leuten das mal bei”?

[NB]: Nein, das hat eigentlich unser Pressesprecher gemacht. Mit Powerpoint-Präsentationen, ganz kurzweilig. Das war wirklich eine Sache, die man sich auch gern angehört hat. Vielleicht ist es für manche, die das dann auch kennen, immer das gleiche, aber insgesamt ist das schon für viele auch hilfreich. Letztes Jahr hatten wir da noch extern jemanden geholt, aber Normen [Seidler] hat da mittlerweile auch seine Erfahrungen gesammelt, um uns das mitgeben zu können.

[AS]: Lass uns mal ein bisschen auf Dich gucken. Also vorstellen müssen wir Dich ja nicht mehr. Du beackerst die rechte Außenbahn oder vielmehr die rechte Seite schon seit einigen Jahren bei uns, bist Stammspieler und Du bist ja 2009 in die B-Jugend vom Club gekommen, kommst aber gebürtig aus Mühlhausen. Und wenn man sich das so auf der Karte anschaut, war jetzt so mein Gedanke, dass Magdeburg da ja nicht unbedingt der naheliegendste Wechsel ist, weil Erfurt da näher dran wäre, vielleicht sogar Kassel. Warum ist es Magdeburg geworden?

[NB]: Das ist eine Geschichte, die ich eigentlich immer noch recht gerne erzähle. Ich saß abends ganz entspannt zu Hause, da rief mich ein Kumpel, mit dem ich damals bei meinem Heimatverein gespielt habe und der mittlerweile in Merseburg spielt, an und sagte: “Ich hab mich grad in Magdeburg zum Probetraining angemeldet. Ist ein geiler Verein, hast Du nicht auch Lust, Dich anzumelden?” Ich so: “Ja, warum nicht?” Dann habe ich mit extrem langsamem Internet noch die Seite geöffnet, das hat alles ewig gedauert, bis die Seite voll geladen war, und hab dieses Anmeldeformular ausgefüllt. Wir wurden dann eingeladen zum Probetraining, sind hingefahren – oder wurden vielmehr hingefahren – und haben dann einen ganz guten Eindruck hinterlassen. Auch von den damaligen Mitspielern hab ich sofort ein positives Feedback bekommen, was mich dann auch glücklich gemacht hat. Aber die Entscheidung lag ja immer noch beim Verein und dann kam irgendwann eine E-Mail – ich hab damals angefangen, jeden Tag meine E-Mails zu checken, eigentlich hatte ich ja die Adresse nur, um mich bei SchülerVZ und so anzumelden – , dass die Entscheidung zu unseren Gunsten gefallen ist. Wir mussten uns dann noch ein Internat in der Stadt auswählen, weil das Internat hier voll war, aber dann war halt klar: OK, wir dürfen nach Magdeburg kommen. Ich wollte schon immer Fußballprofi werden und das war halt ein Schritt, den man da machen muss – zu einem größeren Verein mit einem Nachwuchsleistungszentrum. Bei Erfurt und Jena bin ich immer durchs Raster gefallen, ich habe auch nie Landesauswahl in Thüringen gespielt. Keine Ahnung, warum. Aber ich bin da immer nicht direkt ignoriert worden, aber nicht richtig aufgefallen. Und so war ich dann einfach extrem froh, dass ich diese Möglichkeit wahrnehmen konnte. Es war mir aber in dem Moment auch gar nicht bewusst, dass ich dann auch von zu Hause weg muss, das hat man völlig ausgeblendet. Ich war völlig glücklich, bin zum Opa gerannt, hab allen davon erzählt, und die waren alle schon auch glücklich, aber so richtig freuen konnten sie sich auch nicht, weil denen bewusst war: Wenn ich jetzt mit 16 hier weggehe und alles so läuft, wie ich mir das vorstelle, ist es sehr unwahrscheinlich, dass ich nochmal zurückkomme. Vielleicht geht es irgendwann mal zurück in die Heimat, aber zum jetzigen Zeitpunkt kann ich mir das überhaupt gar nicht vorstellen. Ich hab hier meine zweite Heimat gefunden und bin auch froh, dass das alles so gelaufen ist. Das waren damals ein paar Zufälle, die dazu geführt haben, dass es dann Magdeburg geworden ist, aber der ausschlaggebende Punkt war eigentlich mein Kumpel, der mich an diesem Abend angerufen hat. Das war eigentlich eine spontane Sache und dass das alles so gelaufen ist, ist eigentlich eine Geschichte, über die man ein Buch schreiben könnte.