Auftakt verschoben

24. Juli 2017 at 14:34

SG Sonnenhof Großaspach – 1. FC Magdeburg, 1. Spieltag, 4:1 (1:0)

“Magdeburg geht in Großaspach unter” (MDR), “Derbe Klatsche für den FCM zum Auftakt” (Volksstimme) – deftige Schlagzeilen in den lokalen Medien angesichts des ergebnistechnisch völlig missglückten Starts der Mannschaft von Jens Härtel in die Spielzeit 2017/2018. Und klar, im Lichte einer 1:4-Niederlage bei der SG Sonnenhof Großaspach am allerersten Spieltag der neuen Saison finden sich auf den ersten Blick nur wenige Argumente für eine wohlwollende Betrachtung der Partie beim selbst ernannten “Dorfclub”. Oder anders: Diesen Auftakt haben sich allen Beteiligten mit Sicherheit ganz, ganz anders vorgestellt. Nach viel Euphorie im Vorfeld und einem sehr guten Eindruck im letzten Test verliert man halt nach einer Unkonzentriertheit, einem Konter und zwei hervorragenden Freistößen gegen eine grundsolide Drittligamannschaft. Das ist nicht schön, kann aber passieren und täuscht angesichts der Höhe sicherlich auch ein wenig darüber hinweg, dass sich der 1. FC Magdeburg bei weitem nicht so schlecht präsentierte, wie es das Ergebnis vermuten lassen könnte.

Für den Auftakt in die Spielzeit entschied sich Jens Härtel für ein 3-5-2 mit vier Neuzugängen in der Startelf. Steffen Schäfer spielte neben Nico Hammann und Christopher Handke in der Abwehrkette vor Jan Glinker, Björn Rother gab sein Punktspieldebüt neben Marius Sowislo im defensiven Mittelfeld, zentral offensiv begann Andreas Ludwig. Auf den Außenpositionen spielten Nils Butzen rechts und Michel Niemeyer links, neben Christian Beck gab mit Felix Lohkemper Neuzugang Nummer 4 den zweiten Stürmer.

Wie in dieser Formation kaum anders zu erwarten, begann der FCM druckvoll und war vom Start weg das spielerisch deutlich gefälligere Team. Allerdings, und dieses Muster sollte im weiteren Verlauf der Partie noch einige Male zu beobachten sein, schaffte es die Mannschaft einfach nicht, sich trotz optischer Vorteile klare Torchancen zu erspielen. Großaspach hingegen versuchte es zunächst mit eher einfachen, aber effektiven Mitteln und setzte so seinerseits einen eigenen Grundton für die Partie. Über die schnellen Außen Gyau und Sohm kam man immer wieder zu Flanken, so beispielsweise auch mit der ersten guten Offensivaktion der Hausherren in Spielminute 10: Gyau läuft Christopher Handke auf der rechten Abwehrseite davon und bringt den hohen Ball auf den langen Pfosten, wo Sohm lauert und ihn glücklicherweise nur in die Hände von Jan Glinker spitzeln kann.

Auf der anderen Seite war es vor allem der auffällige Felix Lohkemper, der sich immer wieder gut in Szene setzen konnte. Nach 13 Minuten “erpresst” er mit reichlich Einsatz das Spielgerät in der Nähe des gegnerischen Strafraums und startet direkt durch, bekommt die Aktion dann allerdings abgepfiffen. 24 Minuten sind vorbei, als der erste wirklich gefährliche Schuss auf das Großaspacher Tor geht: Wieder ist es Lohkemper, der in feinster Wühlmausmanier zentral an den Ball kommt, scharf flach abschließt und Keeper Broll zu einer Parade zwingt. Der Abpraller landet dann allerdings nicht bei nachrückenden Magdeburgern, sondern in den Füßen eines Aspacher Abwehrspielers – übrigens auch so eine Sache, die mehrfach zu beobachten war. Stichwort “Spielglück” und so.

Auch wenn es zwischenzeitlich noch einen Fernschuss von Großaspachs Kapitän Hägele gab, den Jan Glinker ohne Probleme halten konnte (23.), lief der Ball in den ersten 45 Minuten doch überwiegend und recht gut durch die Magdeburger Reihen. Auffällig allerdings, dass die Hausherren die eigene rechte Defensiv- und damit die linke Magdeburger Offensivseite mit Michel Niemeyer ziemlich gut im Griff hatten. Richtig interessant und dann auch gleich gefährlich wurde es dort erstmals nach einer guten halben Stunde. Den Angriff kann Großaspach allerdings zur Ecke klären, in deren Folge Marius Sowislo per Kopf an den Ball kommt, den Abschluss dann aber deutlich zu hoch platziert. Der Magdeburger Kapitän stand nach 36 Minuten erneut im Fokus: Von Andreas Ludwig vor dem Strafraum klug in Szene gesetzt, hat er (zumindest aus der Gästeblock-Hintertorperspektive) ordentlich Platz und jede Menge Zeit, entscheidet sich dann aber anstelle eines eigenen Abschlusses dafür, Felix Lohkemper auf rechts einzusetzen. Der Pass Richtung Grundlinie gerät dann aber viel zu ungenau, sodass unsere Nummer 7 den Ball zwar noch erlaufen, aber nicht mehr sinnvoll verarbeiten kann.

Irgendwann kurz vor der Halbzeit dann der “große Auftritt” von Timo Röttger im Großaspacher Dress während einer Behandlungspause für Michel Niemeyer, der einen Tritt auf die Achillessehne mitbekommen hatte. Begleitet von “Scheiß Dynamo!”-Rufen aus der Magdeburger Kurve verfällt Röttger vor eben jener in den für ihn ja nicht so ganz untypischen Provokationsmodus – ein gefundenes Fressen für beide Seite. Großaspachs Nummer 18 hatte sichtlich Spaß an der Interaktion mit dem Gästeanhang, der wiederum am Schmähen des Spielers. Das Ende vom Lied (im wahrsten Wortsinn) ist eine Ecke für die Hausherren. Während sich 10 Magdeburger im eigenen Strafraum versammeln, bekommt Sebastian Schiek den Ball von der Eckfahne ganz gemütlich in den Rückraum geschoben, wo er ihn ungestört direkt nehmen kann und wunderschön in die linke obere Ecke versenkt. Nichts zu halten für Jan Glinker und nach einer Halbzeit, die der 1. FC Magdeburg spielerisch bestimmen konnte, plötzlich der Rückstand kurz vor dem Pausentee. Sehr, sehr ärgerlich, angesichts des Spielverlaufs aber eigentlich noch kein großer Grund zur Sorge. Einfach weitermachen, so recht schnell der Tenor auch in der Kurve, die Chancen werden sich schon irgendwann ergeben.

Für Michel Niemeyer ging es im zweiten Durchgang nicht weiter, er wurde positionsgetreu von Tobias Schwede ersetzt. In der Folge ging nun auch über links ein wenig mehr; allerdings, das muss man auch sagen, verlor der Club im zweiten Durchgang zunehmend mehr die Struktur und seine spielerische Linie. Und gerade, als man in Spielminute 57 dachte, die Kontrolle wieder ein wenig zurückgewonnen zu haben, klingelte es erneut auf der falschen Seite. Ein einziger, langer Ball auf unserer linken Außenbahn genügte, um die Abwehr in arge Schwierigkeiten zu bringen. Dann reichte Großaspach ein zweiter Pass, diesmal quer auf Gyau, um zum Abschluss zu kommen. Der gebürtige Amerikaner nimmt den Ball gut mit und versenkt die Kugel zentral links im Tor. Vorausgegangen war der ganzen Aktion ein Magdeburger Angriff, bei dem Christian Beck zu dessen Ärger allerdings wohl im Abseits stand. Und während der FCM noch haderte, spielte Großaspach eben einfach weiter…

2:0 nun also und spätestens jetzt war klar, dass das hier ein ganz, ganz schwerer Gang werden würde. Dass mit der Auswechslung von Timo Röttger der schönste Moment des Spiels dann auch bereits nach einer Stunde zu verzeichnen war, sagt viel über den Verlauf des zweiten Durchgangs, in dem es aus Magdeburger Perspektive irgendwann nur noch grotesk wurde. Immerhin erwischte der Club zunächst noch einmal 10 recht starke Minuten mit einigen viel versprechenden Szenen im und um den Strafraum. Nach 64 Minuten tunnelt Tobias Schwede seinen Gegenspieler und passt scharf in den Sechzehner, wo der Abschluss dann aber in der Großaspacher Abwehr hängen bleibt. Eine Minute später eine ganz ähnliche Aktion von rechts. Diesmal ist es Kapitän Sowislo, der den Abschluss sucht, leider aber nur den Rücken von Christian Beck findet.

Tja, und dann war der Käse ab der 71. Minute eigentlich gegessen. Im Mittelpunkt diesmal: Nico Hammann und Jan Glinker. Einen eigentlich harmlosen Pass unserer Nummer 1 muss Hammann an sich nur irgendwie weiterverarbeiten, wird aber direkt unter Druck gesetzt und kann sich nach dem daraus folgenden Ballverlust zentral vor dem Strafraum nur mit einem Foul behelfen. Freistoß. Sicherlich eine harte, aber vertretbare Entscheidung. Glinker stellt die Mauer, zwei Großaspacher täuschen an, der Keeper bewegt sich früh in die Mitte – und der dritte Schütze, Daniel Hägele, versenkt den Ball satt in die rechte, obere (Torwart-)Ecke. Sehr gute, sehr abgezockte und perfekt ausgeführte Freistoßvariante zur 3:0-Führung. Das Ding war durch.

Im weiteren Verlauf wurde es dann kernig: Nach 79 Minuten unterbindet Nico Hammann einen Großaspacher Konter an der Mittellinie rustikal, wenig später steigt Marius Sowislo am Sechzehner der Gastgeber regelwidrig ein – logische Folge waren die ersten beiden gelben Karten auf Magdeburger Seite, zu denen in der 86. (Rother) und der 88. (Butzen) Minute noch zwei weitere dazukommen sollten.

Immerhin: Der Club gab sich nicht auf und kam fünf Minuten vor Ende der Partie noch zum Ehrentreffer. Der mittlerweile eingewechselte Philip Türpitz wird auf links schön freigespielt und passt flach in die Mitte, wo der ebenfalls eingewechselte Julius Düker und Felix Lohkemper lauern. Letzterer ist es schließlich, der den Ball zum 1:3 über die Linie drückt. Aus dem Spiel ging man schlussendlich aber trotzdem mit einem 3-Tore-Rückstand: 89 Minuten sind gespielt, als es gefühlte 30 Meter rechts vor dem Magdeburger Tor noch einmal Freistoß gibt. Özgür Özdemir läuft an, trifft das Spielgerät perfekt und versenkt einen veritablen Flatterball am weitestgehend regungslosen Jan Glinker vorbei erneut in die Torwartecke. Klar, dass man da als Keeper nicht besonders gut aussieht, aber: es gibt halt solche Tage und im Endeffekt trifft Özdemir diesen Freistoß so in seiner Karriere möglicherweise nie wieder… geschenkt.

Unter dem Strich und nach dem Abpfiff bleibt natürlich erst einmal ein gutes Stück Ernüchterung. Und trotzdem gibt es eigentlich keinen Grund, jetzt schon irgendwie nervös zu werden und in bester Größte-der-Welt-Manier den Stab über der Mannschaft, dem Trainer und Spieler X oder Y zu brechen. Ja, so ein 1:4 kann man schon als Klatsche bezeichnen und natürlich möchte so niemand in die Saison starten. Trotzdem gab es eben auch etliche richtig viel versprechende Ansätze, kann man jetzt noch an der einen oder anderen Stellschraube drehen und ist davon auszugehen, dass wir gegen den FC Rot-Weiß Erfurt am kommenden Samstag sicherlich ein paar Veränderungen sehen werden. Erste Bürgerpflicht also: Ruhe bewahren, Mannschaft und Trainerteam ihren Job machen lassen und einfach mal darauf vertrauen, dass Jens Härtel bis kommenden Samstag an den richtigen Rädchen dreht. Und dann starten wir dieses “2017/2018” einfach noch mal neu.

 

Die Pressekonferenz zum Spiel (via YouTube)